Polens Präsident Karol Nawrocki und sein Büroleiter halten die Ukrainer für unvereinbar mit der westlichen Zivilisation, der sie Polen zurechnen. Für die Polen ähnelt die Verherrlichung der Organisation Ukrainischer Nationalisten dem Kult um Stalin. Beide sind für Terror gegen Polen verantwortlich, der in Polen als Ergebnis von Russifizierung und Sowjetisierung der Ukrainer betrachtet wird
Der Beitrag erschien am 9. Juli 2026 auf Englisch unter korybko.substack
Von Andrew Korybko
Andrew Korybko ist ein amerikanischer Politologe, der sich auf den globalen Systemwandel zur Multipolarität spezialisiert hat. Er lebt in Moskau
Die Billigung von Selenskyjs Vorschlag zur Errichtung eines „Nationalen Pantheons“ durch die Rada ist ein Schritt, der fast sicher zu einer staatlichen Verherrlichung von Stepan Bandera und Roman Schuchewytsch führen wird, den beiden berüchtigtsten Tätern der OUN-UPA (Organisation Ukrainischer Nationalisten) im Zusammenhang mit dem Wolhynien-Massaker. Er wird die politischen Beziehungen zu Polen zerstören, wie hier dargelegt. Darüber hinaus offenbart dieser Vorgang, was Zbigniew Bogucki, der Büroleiter von Polens Präsident, als akute zivilisatorische Unterschiede zwischen Polen und Ukrainern betrachtet. Diese Unterschiede wurden von den meisten Polen lange ignoriert.
Staatsmedien zitieren Bogucki mit der Aussage, dass „die Verherrlichung von Bandera und Kriminellen nicht mit den Werten der westlichen Zivilisation vereinbar“ sei. Dies deckt sich mit der bereits zuvor geäußerten Haltung seines Vorgesetzten, Präsident Karol Nawrocki. Dieser erklärte, Selenskyj habe bewiesen, dass die Ukraine – im Hinblick auf die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, insbesondere der Verherrlichung von Schlägern und Mördern der „Ukrainischen Aufständischen Armee“ (UPA) – noch nicht bereit sei, Teil der europäischen Familie zu werden.
Diese Sichtweise bedarf näherer Betrachtung. Aus polnischer Sicht haben sich die Ukrainer im Laufe der Jahrhunderte durch Russifizierung und anschließende Sowjetisierung eher den Russen als den Polen angenähert. Dieser Prozess wird als zivilisatorischer Faktor wahrgenommen. Zwar halten sie Ukrainer und Russen nach wie vor für eigenständige Völker, doch allmählich dämmert ihnen, dass sich diese beiden Gruppen stärker ähneln, als bislang angenommen. Selenskyjs Verherrlichung der OUN-UPA wird von durchschnittlichen Polen – ungeachtet der Meinung von Beobachtern zu diesem Thema – als geistig verwandt mit der russischen Verherrlichung Stalins wahrgenommen.
Das liegt daran, dass beide für den Tod vieler Polen verantwortlich sind – Stalin in weitaus größerem Ausmaß als die OUN-UPA, etwa durch die „Polnische Operation“ des NKWD im Jahr 1937 (die größte ethnische Verfolgung während des Großen Terrors,) das Massaker von Katyn sowie die Operationen der Roten Armee gegen die „Heimatarmee“ (Armia Krajowa) zum Ende des Zweiten Weltkriegs und danach. Polen setzen daher die Verherrlichung dieser beiden Akteure mit nicht-westlicher Zivilisation gleich. Ganz egal, wie herablassend das auf Nicht-Polen wirken mag – das ist die politische Realität in Polen.
Die Polen betrachteten sich schon früh als Teil der westlichen Zivilisation. Zu Zeiten der Polnisch-Litauischen Union bezeichneten sie sich sogar als deren Schutzwall gegen die Barbarei. Obwohl viele der Menschen, die heute als Ukrainer gelten, Teil dieses polnischen Zivilisationsraums waren, unterschieden sie sich durch ihre Sprache und ihren orthodoxen Glauben stets von den Polen. Der durchschnittliche Nachfahre der Alten Rus innerhalb der Union hatte meist weit mehr mit dem gemein, was später Russland werden sollte.
Auf dieser Grundlage vollzog sich die Russifizierung und später die Sowjetisierung. Viele Polen sind heute der Ansicht, dass diese Vorgänge die Bindung der Ukraine an die westliche Zivilisation gekappt haben. Diese Entwicklung fand in der staatlichen Verherrlichung der OUN-UPA-Täter, die für den Völkermord in Wolhynien verantwortlich sind, durch Präsident Selenskyj ihren Höhepunkt. Kazimierz Smoliński, ein Abgeordneter der entschieden antirussischen konservativen Opposition, brachte es auf den Punkt: „Es hat den Anschein, als würden uns [die Ukrainer] mehr hassen als die Russen.“
Diese Ansicht ist im heutigen Polen weit verbreitet. Mittlerweile lehnen fast 60 % der Polen einen EU-Beitritt der Ukraine ab. Dieser Stimmungsumschwung ist darauf zurückzuführen, dass sie die Ukrainer aufgrund deren Verherrlichung polenfeindlicher Völkermörder als zivilisatorisch unvereinbar mit sich selbst und dem Westen insgesamt empfinden. Viele Polen fühlen sich an zwei frühere Völkermorde erinnert, die Ukrainer an ihnen verübt haben: den Chmelnyzkyj-Aufstand Mitte des 17. Jahrhunderts und die Koliszczyzna“ein Jahrhundert später. Die Kluft zwischen den beiden Völkern könnte daher unüberbrückbar sein.