Arnaud Bertrand ist ein Unternehmer, der über China und Geopolitik schreibt. Auf X folgen seinen Analysen rund 400.000 Follower:
In einem Aufsatz vom 24. März vertritt Bertrand die These: Der Irankrieg ist der erste echte Krieg der Multipolarität:
Seine Argumentation:
Multipolarität bedeutet die Existenz von Polen, die durch andere Pole nicht unterworfen werden können. Der Iran galt als kleine Regionalmacht. Diese Annahme war falsch. Frühere Kriege gegen Vietnam, Afghanistan, Libyen, Irak, Serbien waren imperiale Kriege gegen schwächere Völker. Auch wenn die Kriege verloren wurden, war eine Machtdifferenz noch deutlich sichtbar. Diese Machtdifferenz wird im Irankrieg nicht sichtbar.
Der Iran kann systematisch und symmetrisch vergelten, z.B. Angriffe auf nukleare Einrichtungen in Dimona im Gegenzug für Natanz. Er gibt seine Ziele im Voraus bekannt und hat trotzdem damit Erfolg wie beim Angriff auf die Raffinerie in Haifa, wo die Hälfte von Israels heimischer Treibstoffversorgung hergestellt wird. Oder beim Treffer eines F-35-Kampfjets, der 100 Mio. Dollar kostet und um den herum die US-Militärdoktrin errichtet ist, durch iranische Luftabwehr.
Der Iran gruppiert die Macht der USA global um. Bisher wurden 16 Militärflugzeuge im Krieg zerstört und mindestens eine THAAD-Verteidigungsbatterie in Jordanien. Dieses Schild gegen ballistische Raketen wurde durch genau die Waffe getroffen, die es abwehren soll. Der Iran gibt vor, vier von weltweit acht Batterien zerstört zu haben. Eine Batterie wurde von Südkorea abgezogen und in den Nahen Osten gebracht.
Der Iran zieht die gesamte Region in die Auseinandersetzung hinein. Es besteht sogar die Gefahr, dass weite Teile des Nahen Ostens unbewohnbar werden könnten, v.a. durch Zerstörung von Entsalzungsanlagen. Allein ein Angriff auf die saudische Entsalzungsanlage al-Dschubail könnte laut Memorandum der US-Botschaft zur Evakuierung von Riyadh mit 8,5 Mio. Einwohnern innerhalb einer Woche führen und die saudische Regierung gefährden.
Der Iran hat die Eskalationsdominanz über die USA gewonnen. Das zeigt die Rücknahme des Ultimatums durch US-Präsident Trump nach Drohungen des Iran, weitere Infrastruktur anzugreifen. Zum ersten Mal seit dem Kalten Krieg haben die USA diese Dominanz verloren. Der Iran kontrolliert mit der Straße von Hormus den strategisch wichtigsten Engpass der Welt und hat Energieeinrichtungen in mindestens sechs Ländern angegriffen, die von den USA beschützt werden sollten.
Der Iran bedroht die politische Machtarchitektur der USA im Nahen Osten: Die NATO hat den Irak verlassen, USA und NATO mussten irakische Widerstandsgruppen für einen ungestörten Abzug sogar um eine Waffenruhe bitten. Der Welt wird klar: Die Ausrichtung an den USA ist weniger Schutz als Gefahr. Die USA und Israel sind zunehmend isoliert und bitten andere Staaten vergeblich um Hilfe. Sogar in den USA ist der Krieg unpopulär.
Die Filterung der Straße von Hormus nach Freund und Feind könnte die wichtigste Folge des Kriegs sein: Die Revolutionsgarden, vor kurzem noch von der EU als Terroristen eingestuft, errichten ihre Kontrolle über die Straße und erteilen Erlaubnis zur Durchfahrt. Nach und nach bitten selbst europäische Staaten beim Iran um Erlaubnis. Dabei gelten die USA als Garant der freien Schifffahrt . Die USA bringen eine gemeinsame Kontrolle der Straße mit dem Iran ins Spiel. Das ist selbst dann aussagekräftig, wenn es nicht erst gemeint ist.
Der Irankrieg zeigt: Für Mittelmächte gibt es Alternativen jenseits von Unterwerfung oder Vernichtung. Auch Europa erkennt, dass die USA europäische Länder nicht schützen, sondern in Gefahr bringen. Die USA haben einen Krieg begonnen, der den schwersten globalen Energieschock nach sich zieht. Länder mit US-Basen werden zu Zielscheiben. Die westliche Allianz ist als Fiktion entlarvt und wird vom US-Präsidenten als „Papiertiger“ bezeichnet. Die USA sind als „die größte Quelle von Unsicherheit auf der Welt“ identifiziert, so Bertrand in seinem Aufsatz.
Titelbild: Abbott, Jacob: History of Xerxes, 1900. Gemeinfrei (Public Domain)