Bei Trumps China-Besuch wurde der Unterschied zwischen dem amerikanischen und dem chinesischen Ansatz zur neuen technologischen Geopolitik deutlich. Die USA verfolgen einen unternehmenszentrierten Plattformkapitalismus. Die Chinesen treiben KI planerisch als nationale Infrastruktur voran. Im KI-Zeitalter bemisst sich Souveränität auch danach, wer über Rechenleistung, Chips, Energie und Seltene Erden verfügt. Und über das staatsmännische Geschick, diese Ebenen zu verknüpfen
Der Beitrag erschien auf Englisch am 29. Mai 2026 bei unitedworldint.com
Von Ali Alsaç
Ali Alsaç ist promovierter Ingenieur, Kolumnist und Fernsehprogrammierer
Donald Trumps Besuch in Peking vom 13. bis 15. Mai 2026 sollte nicht bloß als diplomatischer Kontakt verstanden werden, sondern als Bühne zur Inszenierung des technologischen Machtgleichgewichts im 21. Jahrhundert. Es ist kein Zufall, dass Trump von hochrangigen Vertretern der Technologie-, Finanz-, Zahlungssystem-, Luftfahrt- und Halbleiterbranche begleitet wurde – darunter Elon Musk, Tim Cook, Jensen Huang, Larry Fink, David Solomon, Jane Fraser, Cristiano Amon, Sanjay Mehrotra und Kelly Ortberg.
Die US-Delegation stand für Zugang zum chinesischen Markt, Schutz von Lieferketten, Lockerung der Exportbeschränkungen für Chips sowie Neuverhandlung der Position des amerikanischen Kapitals gegenüber China. Die Bedeutung des Besuchs liegt eigentlich in der Demonstration, dass der Wettbewerb zwischen den USA und China nicht mehr allein durch Zölle, Handelsdefizite oder Unternehmensgewinne erklärt werden kann. Die neue Rivalität ruht auf drei strategischen Säulen: KI-Rechenleistung, hochentwickelte Chips und Seltene Erden.
Diese drei Bereiche sind untrennbar miteinander verbunden. KI benötigt Chips, um zu funktionieren. Die Chipproduktion erfordert Seltene Erden, Spezialmetalle, fortschrittliche Lithografieverfahren und komplexe Lieferketten. Und damit diese Infrastruktur betrieben werden kann, sind Energie, Rechenzentren, Ingenieurskapazitäten und staatliche Planung unerlässlich.
Die USA verfügen nach wie vor über die weltweit leistungsstärksten KI-Unternehmen, ein hochentwickeltes GPU-Ökosystem, umfangreiche private Kapitalreserven und hochmoderne Forschungslabore für KI-Modelle. Gemessen an vielen Kennzahlen sind amerikanische Modelle chinesischen Modellen weiterhin überlegen. Brookings kommt in einer Untersuchung vom April 2026 zur Einschätzung, dass die USA bei den führenden Spitzenmodellen (Frontier Models) insgesamt eine überlegene Leistungsfähigkeit aufweisen, während China – insbesondere aufgrund der Beschränkungen beim Zugang zu hochentwickelten Chips – unter Druck steht.
Chinas Überlegenheit liegt auf einer anderen Ebene. China betrachtet KI nicht bloß als eine digitale Dienstleistung, die von Unternehmen verkauft wird, sondern als nationale Infrastruktur. Die Zukunft gehört der Rechenleistung – sie ist der Schlüssel zu einer erfolgreichen Ressourcenplanung. So wie Elektrizität die grundlegende Ressource des Industriezeitalters war, wird Rechenleistung zur grundlegenden Ressource des KI-Zeitalters. Dieser Punkt ist entscheidend für das Verständnis des heutigen KI-Wettlaufs. In China wird Rechenleistung nicht bloß als Produkt privater Cloud-Anbieter betrachtet, sondern als Rückgrat der nationalen Entwicklung – gleichrangig neben dem Stromnetz, der Bahn, den Häfen, Logistiknetzwerken, der 5G-Infrastruktur und den Rechenzentren.
Der Ende 2023 veröffentlichte Aktionsplan der chinesischen Regierung für Recheninfrastruktur hatte das Ziel, bis Ende 2025 eine integrierte Infrastruktur für Rechenleistung zu etablieren, die Bedeutung nationaler Rechenzentren zu stärken und diese Kapazitäten zugänglicher sowie erschwinglicher zu gestalten. Im Mai 2026 gehen die Diskussionen über Chinas nationales Rechenleistungsnetzwerk noch weiter. Peking hat begonnen, Rechenleistung als Kategorie der Basisinfrastruktur zu positionieren – auf einer Stufe mit Wasserversorgung, Energie, Verkehr und Kommunikation. Die Nutzung von Tokens wird als messbares, bepreisbares und verteilbares Element dargestellt, das – ähnlich wie mobile Datenpakete – dem Massenmarkt zugänglich gemacht werden kann.
Dieser Ansatz löst die KI aus der bloßen Chatbot-Ästhetik heraus und macht sie zu einer grundlegenden Ressource für Produktion, öffentliche Dienstleistungen, Forschung und Industrie. Während die USA Zugang zur Gesellschaft verkaufen, baut China Kapazitäten für die Gesellschaft auf. Im Westen wird KI größtenteils in Form von Abonnements, API-Zugängen, privaten Cloud-Paketen und Effizienz-Anwendungen für Unternehmen vermarktet. China hingegen schafft zunächst die Infrastruktur, sorgt anschließend für die nötige Skalierung und treibt erst dann die flächendeckende Anwendung voran. Die Frage ist nicht, welches Unternehmen die spektakulärere Demo vorführt. Die Frage ist vielmehr: Wer vermag es, Rechenleistung in ein öffentliches Versorgungsangebot zu verwandeln?
Dieser Unterschied zeigt die zivilisatorische Kluft zwischen den USA und China auf. Das amerikanische Modell fußt auf dem Wettbewerb zwischen Kapitalmärkten, privaten Technologiegiganten und globalen Plattformunternehmen. Das chinesische Modell schreitet voran durch staatliche Planung, Infrastrukturinvestitionen, regionale Entwicklungsstrategien, staatlich geförderte Rechenzentren und eine nationale Industriepolitik. Eine RAND-Analyse aus dem Jahr 2025 stellt fest, dass China mit seinem Nationalen Integrierten Rechennetzwerk versucht, öffentliche und private Rechenzentren zu bündeln – ein Ökosystem, das durch staatliche Fördermittel, lokale KI-Labore und Pilotzonen gestützt wird.
Die Chip-Problematik stellt die schärfste Front dieses Wettbewerbs dar. Die USA zielen darauf ab, Chinas Kapazitäten für das Modelltraining zu verlangsamen, indem sie dessen Zugang zu fortschrittlichen KI-Chips einschränken. Die Regierung Trump hob im Mai 2025 die aus der Biden-Ära stammende AI Diffusion Rule auf, gab jedoch gleichzeitig Warnungen an die Industrie heraus – sowohl in Bezug auf in China gefertigte fortschrittliche Prozessoren als auch auf den Einsatz amerikanischer Chips beim Training chinesischer Modelle. Die Ende 2025 erteilte Genehmigung, Nvidia-H200-Chips unter bestimmten Auflagen nach China zu verkaufen, lässt Washingtons Widersprüchlichkeit aufscheinen. Einerseits wollen die USA China beschränken, andererseits verhindern, dass sich Unternehmen wie Nvidia, AMD, Qualcomm, Apple und andere Branchengrößen vollständig vom chinesischen Markt zurückziehen.
China nutzt diesen Druck seinerseits, um das eigene Halbleiter-Ökosystem zu stärken. Einem Reuters-Bericht vom November 2025 zufolge hat China eine neue Richtlinie erlassen, die den Einsatz heimischer KI-Chips in staatlich geförderten Rechenzentren begünstigt – ein Schritt, der heimischen Herstellern wie Huawei, Cambricon, MetaX und Moore Threads neue Spielräume eröffnet. Der neue KI-Chip Zhenwu M890, den Alibabas Sparte T-Head im Mai 2026 vorgestellt hat, ist ein weiteres Indiz für Chinas Entschlossenheit, seine Abhängigkeit von Nvidia zu verringern. Darüber hinaus kündigte Alibaba einen auf drei Jahre angelegten Investitionsplan in Höhe von 53 Mrd. US-Dollar für den Ausbau der KI- und Cloud-Infrastruktur an.
Die jüngsten Ankündigungen von Huawei untermauern diesen Trend. Laut Reuters vom 25. Mai 2026 stellte Huawei – ungeachtet der Beschränkungen beim Zugang zu fortschrittlichen Fertigungsanlagen – einen neuen Ansatz für das Chipdesign vor, der auf einer Effizienzsteigerung auf Systemebene basiert. Das Unternehmen setzt sich das Ziel, bis zum Jahr 2031 einen High-End-Chip zu entwickeln, der einer Strukturbreite von 1,4 Nanometern entspricht. China versucht also nicht nur, zur bestehenden Technologie aufzuschließen, sondern beschreitet auch alternative technische Lösungswege, um die bestehenden Beschränkungen zu überwinden.
Die Seltenen Erden bilden die entscheidende Front in diesem Konflikt. Am 4. April 2025 nahm China Produkte, die Samarium, Gadolinium, Terbium, Dysprosium, Lutetium, Scandium und Yttrium enthalten, in seine Exportkontrollliste auf. Diese Entscheidung wurde als Reaktion auf Trumps Zölle gewertet und übte direkten Druck auf die Lieferketten der Verteidigungsindustrie, der Elektronikbranche sowie für Turbinenschaufeln, Magnete und Halbleiter aus. Auch die Internationale Energieagentur (IEA) stufte diese Regulierung als bedeutende Entwicklung im Hinblick auf die Versorgungssicherheit mit kritischen Mineralien ein. Nach Angaben der IEA unterwerfen die von China im April 2025 eingeführten Kontrollen den Export bestimmter mittlerer und schwerer Seltener Erden einem Genehmigungsverfahren.
Dieser Schritt ist nicht bloß eine wirtschaftliche Entscheidung. Seltene Erden sind ein grundlegender Vorstoff für eine breite Palette von Produktionsbereichen – von der Verteidigungsindustrie und der Elektromobilität bis hin zu Windkraftanlagen, Halbleitern, Magneten und Flugzeugtriebwerken. China verfügt auf diesem Gebiet über einen entscheidenden Vorteil – weniger beim Abbau als vielmehr auf einer weitaus kritischeren Stufe: bei den Kapazitäten für Verarbeitung und Raffination. Die Abhängigkeit des Westens von China betrifft daher nicht nur die Rohstoffversorgung, sondern liegt auf der Ebene hochwertiger Vorprodukte. Die Vorbereitung gemeinsamer Bevorratungsmechanismen für Wolfram, Seltene Erden und Gallium durch die Europäische Union zeigt, dass der Westen diese Abhängigkeit als strategisches Risiko betrachtet. China wiederum nutzt diesen Vorteil nun ganz offen als technologisches Verhandlungsdruckmittel.
In diesem Zusammenhang leuchtet der Unterschied ein zwischen Trumps Reise nach Peking in Begleitung von Unternehmenschefs (CEOs) und Putins Reise nach Peking mit einer Delegation aus Vertretern von Staat, Energie-, Industrie- und Finanzwesen sowie der Regionalentwicklung. Putins China-Besuch am 19. und 20. Mai 2026 wurde von fünf stellvertretenden Ministerpräsidenten, acht Ministern, Regionalgouverneuren und Vertretern großer Staatsunternehmen begleitet. Während der Gespräche wurden rund 40 Abkommen in den Bereichen Handel, Investitionen, Energie, Entwicklung des Fernen Ostens, Bildung, Medien und Technologie erörtert. Ließe sich dieser Unterschied prägnant zusammenfassen, so war die US-Delegation vor allem in Peking, um „Unternehmensinteressen zu schützen“, die russische Delegation, um „zwischenstaatliche Wertschöpfungsketten zu etablieren“.
Auf der US-Seite des Verhandlungstisches standen Themen wie Teslas Marktpräsenz in China, Apples Produktionsketten, Nvidias Exportlizenzen, die Kapitalströme der Wall Street und Boeings Flugzeugverkäufe auf der Agenda. Auf der russischen Seite standen Energiepipelines, Nukleartechnologie, die Entwicklung des asiatischen Fernen Ostens, grenzüberschreitende Logistik, das akademische Jahr, Medienkooperationen und Staatsunternehmen auf der Agenda. Natürlich besteht eine Asymmetrie in den Beziehungen zwischen Russland und China, davon abgesehen verdeutlicht der Besuch den Unterschied zwischen einer atlantisch zentrierten Unternehmensdiplomatie und einer eurasisch zentrierten Staatsdiplomatie.
Chinas Fortschritte auf dem Gebiet der Quantentechnologie sind in denselben strategischen Rahmen einzuordnen. Einer Mitteilung der Chinesischen Akademie der Wissenschaften zufolge stellte der programmierbare photonische Quantencomputer-Prototyp namens Jiuzhang 4.0 einen neuen Rekord in der optischen Quanteninformationstechnologie auf. Die entsprechende Studie wurde in der Fachzeitschrift Nature veröffentlicht. Wie CGTN berichtet, erzeugte das System die komplexeste Datenstichprobe innerhalb von 25 Mikrosekunden, wobei der weltweit leistungsstärkste klassische Supercomputer mehr als zehn hoch 42 Jahre benötigen würde, um dasselbe Ergebnis zu berechnen.
Es wäre technisch unzutreffend, derartige Quantenerfolge unmittelbar mit den heutigen Anwendungen generativer KI zu verknüpfen. Jiuzhang 4.0 ist keine universell einsetzbare KI-Maschine. Dennoch ist seine symbolische und strategische Bedeutung immens. China betrachtet KI, Quantentechnologie, 5G/6G, Supercomputing, Energieinfrastruktur und Chipdesign nicht als voneinander getrennte Bereiche, sondern als Bestandteile einer langfristig angelegten Architektur technologischer Souveränität.
Im Zentrum des Wettbewerbs zwischen den USA und China steht nicht allein die Frage: „Welches Land bringt die besseren Modelle hervor?“ Der Vorteil der USA liegt in globalen Softwareplattformen, die gestützt werden durch die Qualität der Modelle, das GPU-Ökosystem, die Kapitalmärkte sowie die Forschungslabore. Chinas Stärke hingegen liegt in der Skalierung von Infrastrukturen, staatlicher Steuerung, Industriepolitik, der Tiefe der Lieferketten, der Überlegenheit bei Seltenen Erden, den Forschungsuniversitäten sowie der Fähigkeit, technologische Beschränkungen in nationale Mobilisierung umzumünzen.
Die aktuellen US-Beschränkungen im Chipsektor mögen China kurzfristig ausbremsen. Langfristig aber beschleunigen sie Chinas Hinwendung zu heimischen Chips, nationalen Software-Stacks, Ökosystemen für Open-Source-Modelle und einer nationalen Recheninfrastruktur. Eine Studie der US-China Economic and Security Review Commission aus dem Jahr 2026 unterstreicht, dass Chinas Open-Source-KI-Strategie mittlerweile als Instrument zur Festigung der industriellen Überlegenheit dient.
Auch Trumps China-Besuch legte die Grenzen der US-Strategie zur Eindämmung Chinas offen. Washington strebt zwar eine technologische Beschränkung Chinas an. Die amerikanischen Unternehmen können jedoch weder auf den chinesischen Markt noch auf die chinesischen Produktionsnetzwerke oder Chinas ingenieurtechnische Kapazitäten verzichten. Peking zieht derweil US-Unternehmen an den Verhandlungstisch, nutzt kritische Rohstoffe als strategisches Druckmittel, verwandelt das Chip-Embargo in eine nationale industrielle Aufbruchsbewegung und hebt KI auf die Ebene nationaler Infrastruktur.
Hier zeigt sich die entscheidende Trennlinie der neuen Ära. Auf der einen Seite stehen der Plattformkapitalismus, die Subscription Economy und eine unternehmenszentrierte Technologiediplomatie. Auf der anderen Seite finden sich eine Infrastruktur-Zivilisation, ein planmäßiger Kapazitätsaufbau und das Streben nach staatlich gelenkter technologischer Souveränität. Die USA bleiben technologisch stark, Chinas Aufstieg lässt sich allerdings nicht allein an der Leistungsfähigkeit von Modellen messen. Chinas eigentlicher Anspruch besteht darin, KI zu einem integralen Bestandteil des produktiven Gesellschaftsfundaments zu machen – genau wie Elektrizität, Eisenbahnen, Häfen und 5G.
Sobald Tokens so weit verbreitet sind wie mobile Daten, wird KI aufhören, ein luxuriöser Entwicklerdienst zu sein, sie wird dann zur gemeinsamen Infrastruktur für Industrie, Bildungswesen, Gesundheitswesen, öffentliche Verwaltung, Logistik und wissenschaftliche Forschung avancieren. Wenn dieser Tag gekommen ist, wird der Sieger des Wettlaufs nicht durch den spektakulärsten Chatbot bestimmt, sondern durch das Land, das die tiefstgreifende Infrastruktur errichtet hat.
Daher ist Trumps China-Besuch kein Schlusspunkt, sondern Vorzeichen einer neuen Ära. Während die USA versuchen, Chinas Zugang zu beschränken, baut China seine eigenen Kapazitäten aus. US-Unternehmen suchen nach Märkten, China baut Infrastruktur. Die USA debattieren darüber, ob sie Chips verkaufen sollen, China wandelt das Chip-Embargo in eine Mobilisierung der heimischen Produktion um. Die USA versuchen, ihre Versorgung mit Seltenen Erden zu sichern, China macht seine Überlegenheit auf diesem Gebiet zum strategischen Verhandlungsinstrument.
Im KI-Zeitalter bemisst sich Souveränität nicht mehr allein nach Grenzen, Armeen und Währungen. Souveränität bemisst sich künftig danach, wer über Rechenleistung, Energie, Chips, Seltene Erden, Rechenzentren, technisches Fachpersonal und das staatsmännische Geschick verfügt, all diese Elemente miteinander zu verknüpfen. China scheint diese Realität frühzeitig erkannt zu haben. Die USA hingegen ringen noch immer mit dem Widerspruch zwischen der globalen Überlegenheit ihrer eigenen Unternehmen und den geopolitischen Beschränkungen, die ihnen vom eigenen Staat auferlegt werden. Genau darin liegt das Wesen der neuen technologischen Geopolitik.
Titelbild: The White House / Daniel Torok (Public Domain)