Die Straße von Hormus ist nicht offen und nicht zu. Sie wird behandelt wie eine Schmuggelroute. Zwei verfeindete Regierungen verwalten sie im Dunkeln. Die Navigationsfreiheit ist im Jahrzehnt der Engpässe verdunkelt
Der Beitrag erschien am 1. Juni auf Englisch auf x.com/shanaka86
Von Shanaka Anslem Perera
Shanaka Anslem Perera ist Unternehmer und Gründer sowie CEO von Pet Express Sri Lanka und unabhängiger Analyst aus Colombo. Er kommentiert Geldwesen, Geopolitik, Künstliche Intelligenz und Souveränität
Zwei von drei Schiffen, die die Straße von Hormus verlassen, fahren nun im Dunkeln. Wie, hat das US-Militär siebzig von ihnen innerhalb von drei Wochen stillschweigend gezeigt: Transponder aus. Lichter aus. Die omanische Küste entlang. Der Iran verlangt auf der anderen Seite desselben Gewässers bis zu zwei Millionen Dollar pro Tanker. Die Straße wird nun von zwei Schattenregierungen kontrolliert.
Die New York Times haben am Wochenende unter Berufung auf Beamte des Zentralkommandos über die amerikanische Operation berichtet. Daten von Vortexa bestätigen das umfassendere Regime: 65 Prozent der Schiffe, die Hormus passieren, fahren nun mit deaktivierten automatischen Identifizierungssystemen. Die Vereinigten Staaten garantierten einst die freie Schifffahrt. Jetzt flüstern sie ausgewählten Handelskunden Routen zu und lassen sie fern von der iranischen Küste ungesehen durchfahren.
Das ist nicht Operation Earnest Will (1987/88). Die Vereinigten Staaten wechseln nicht die Flagge. Es gibt keine Zerstörer in Eskortkolonnen. Das Zentralkommando kündigt keine Durchfahrten an und beansprucht keine territorialen Rechte. Das Tempo liegt bei etwa drei von den USA koordinierten Verdunkelungsfahrten pro Tag über einen Zeitraum von 21 Tagen. Vor dem Krieg waren es über hundert Schiffe täglich. Entscheidend ist nicht das Volumen, sondern die Struktur.
Der Iran betreibt im selben Gewässer das entgegengesetzte System. Die Islamischen Revolutionsgarden lassen ausgewählte Schiffe per UKW-Funk für bis zu zwei Mio. Dollar pro Tanker passieren – zahlbar in bar, chinesischen Yuan oder Bitcoin. Die Financial Times haben den Vorgang dokumentiert. Lloyd’s List Intelligence erfasst die Frachtlisten. Der US-Finanzminister bezeichnet die bisherigen Einnahmen als lächerlich gering. Keine der beiden Regierungen räumt der anderen das Recht ein, diesen strategischen Engpass zu betreiben.
Die Protection and Indemnity Clubs haben am 5. März die Kriegsrisikodeckung für die gesamte Golfregion aufgekündigt. Die Kriegsrisikoprämien hatten sich im Vergleich zur Vorkrisenzeit schon vervier- bis versechsfacht. Allein die Prämie für einen einzigen Very-Large-Crude-Carrier-Transit beträgt nun rund 250.000 Dollar ohne Zuschlag für Dark Sailing. Versicherer werten den deaktivierten Transponder als bewusste Risikoerhöhung. Die Geltendmachung von Ansprüchen wird deutlich schwieriger, wenn der Schadensregulierer den Hergang nicht rekonstruieren kann.
Chubb hat am 20. März eine spezialisierte Einrichtung für die Hormus-Kriegsrisikoversicherung eröffnet, um einen Teil der gestrichenen Kapazitäten aufzufangen. Die Meerenge ist nun versichert wie eine Schmuggelroute. Das ist keine vorübergehende Notlösung in Kriegszeiten. Der Engpass, durch den ein Fünftel des weltweit auf dem Seeweg transportierten Rohöls fließt, wird von zwei verfeindeten Regierungen verwaltet, die im Verborgenen agieren. Und der weltweite Spezialmarkt für Seeversicherungen passt seine Prämien entsprechend an.
In der Straße von Hormus herrscht heute keine durch das UN-Seerechtsübereinkommen (UNCLOS) geschützte Navigationsfreiheit mehr. Die „Behörde für die Straße des Persischen Golfs“, am 20. Mai vom Iran ins Leben gerufen, lässt ihr Ausführungsgesetz derzeit vom iranischen Parlament ausarbeiten. Die Vereinigten Staaten betreiben indes eine verdeckte Koordinierung von Dark-Sailing-Operationen, um jene Behörde zu umgehen. Jede der beiden souveränen Mächte verwaltet dasselbe Gewässer, ohne jemals anzuerkennen, dass die jeweils andere hierzu ein Recht besäße.
Am Freitag ging Donald Trump in den Situation Room, um die derzeit verhandelte Absichtserklärung zu erörtern. Das Treffen endete ohne eine Entscheidung. Irans Oberster Führer Modschtaba Chamenei, der sich derzeit an einem unbekannten Ort verborgen hält, müsste das Dokument per Kurier aus einem Bunker heraus unterzeichnen. Nach israelischen Geheimdienstinformationen hat er seine Zustimmung hierzu nicht erteilt.
Der zu prüfende Deal kodifiziert nur, was im Gewässer schon passiert. Die Straße ist nicht offen. Sie ist nicht geschlossen. Zwei Regierungen verwalten sie im Dunkeln. Die Versicherer kalkulieren die Route, als handele es sich um Schmuggelware. Das Abkommen kodifiziert, was ist. Willkommen im Jahrzehnt der Engpässe.