Die Erklärung der BRICS-Staaten vom Treffen in Neu-Delhi zeigt: Die BRICS verstehen sich nicht mehr nur als Plattform zur Wahrung wirtschaftlicher Interessen. Sie verstehen sich als Machtzentrum, das die Regeln des internationalen Systems verändern will. So führen sie die Welt von der Unipolarität zur Multipolarität
Der Beitrag erschien am 16. Juni 2026 auf Englisch bei harici.com
Von Umur Tugay Yücel
Umur Tugay Yücel ist Politikwissenschaftler und Autor des Buches The Decline of American Power and the Rising Powers (China-Russland-Indien-Brasilien)
Die Bedeutung des BRICS-Außenministertreffens am 15. Mai 2026 in der indischen Hauptstadt Neu-Delhi geht weit über die Grenzen der Routinediplomatie hinaus. Die Zusammenkunft gipfelte in der Unterzeichnung eines der umfassendsten politischen Dokumente, in dem die BRICS ihre Vision der Weltordnung für 2026 vorstellen. Liest man zwischen den Zeilen, offenbart das Dokument nicht nur die Abläufe eines Ministergipfels, sondern auch die Umrisse einer umfassenden Alternative zum westlich zentrierten internationalen System.
Dieser Text muss als politisches Manifest der sich verändernden Machtverhältnisse, des sich beschleunigenden globalen Kampfes um Einfluss und der in den letzten Jahren entstehenden neuen Weltordnung gelesen werden. Das übergeordnete Thema ist der Aufstieg des globalen Südens. Die BRICS-Mitglieder machen geltend, dass die derzeitige internationale Ordnung ungerecht und unzureichend repräsentativ ist und die Interessen der Entwicklungsländer nicht wiedergibt. Sie betonen die dringende Notwendigkeit einer Umstrukturierung grundlegender Institutionen wie der UNO, des IWF, der Weltbank und der Welthandelsorganisation (WTO). Damit positionieren sich die BRICS als Stimme der nicht-westlichen Welt.
Das internationale System, wie es seit dem Zweiten Weltkrieg überkommen ist, stürzt heute in eine tiefe Legitimitäts- und Repräsentationskrise. Die Kriege in der Ukraine, im Iran und im Libanon, die Gaza-Krise, globale Handelskriege, die Verwendung von Sanktionen als Waffe, Herausforderungen bei der Energiesicherheit und der technologische Wettbewerb stellen das aktuelle System vor Schwierigkeiten, die globalen Realitäten zu bewältigen. Davon ausgehend senden die BRICS-Staaten mit der Abschlusserklärung von Neu-Delhi die klare Botschaft an die Welt: „Der Status quo ist nicht länger haltbar.“
Einer der auffälligsten Aspekte des Dokuments: Die BRICS-Staaten verstehen sich nicht länger als bloße Plattform für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Nach der Gründung haben sich die BRICS lange auf wirtschaftliche Entwicklung, Handel und Finanzen konzentriert. Jetzt nehmen sie eine ehrgeizigere Haltung ein. In der Erklärung von Neu-Delhi geben sie Fragen der Sicherheit, geopolitischen Krisen, künstlicher Intelligenz, Cybersicherheit, Klimapolitik, Energiewende und internationalen Regierungsreformen einen ebenso wichtigen Platz wie der Wirtschaft.
An Zugkraft gewinnt der Ehrgeiz, ein grundlegender Akteur in der Weltpolitik zu werden. Die Betonung liegt auf dem Konzept einer multipolaren Welt. Der Ansatz beruht auf der Prämisse, dass die westlich zentrierte, vor allem von den USA geführte internationale Ordnung, die sich in den Jahrzehnten nach dem Kalten Krieg herausgebildet hat, nicht mehr alternativlos ist. Die wiederholte Verwendung von Ausdrücken wie „gerechter“, „repräsentativer“, „demokratischer“ und „integrativeres“ internationales System beinhaltet direkte Kritik an der aktuellen Verteilung globaler Macht.
Besonders kritisch sind die Abschnitte zur Reform des UN-Sicherheitsrats. Die Forderung nach einer UN-Reform ist einer der wichtigsten politischen Abschnitte des Dokuments. Die BRICS-Staaten weisen darauf hin, dass die derzeitige Struktur nicht mehr den Realitäten entspricht. Sie sagen, dass Afrika, Lateinamerika und die aufstrebenden asiatischen Mächte in den Entscheidungsmechanismen unterrepräsentiert seien. Noch bemerkenswerter: China und Russland haben ihre Unterstützung dafür bekräftigt, dass Indien und Brasilien eine wichtigere Rolle im Sicherheitsrat übernehmen. Das bezeugt Indiens und Brasiliens Aufstieg zu Weltmächten, den zunehmenden Zusammenhalt innerhalb der BRICS und eine grundsätzliche Infragestellung der internationalen Ordnung nach dem Zweiten Weltkrieg.
Aus dem Dokument sticht die scharfe Kritik an der Sanktionspolitik der USA und des Westens heraus. Der intensive Einsatz von Wirtschaftssanktionen als außenpolitisches Instrument in den letzten Jahren hat bei den BRICS-Staaten zu kollektivem Unbehagen geführt. Der Text betont, dass einseitige Sanktionen gegen das Völkerrecht verstoßen und die wirtschaftliche Entwicklung von Entwicklungsländern erheblich behindern. Obwohl keine Länder direkt genannt werden, kann diese Formulierung als scharfe Kritik an den US-Sanktionen gegen den Iran, Russland und Venezuela sowie das Embargo gegen Kuba gelesen werden.
Dieser Ansatz, einer der strategisch wichtigsten, setzt die langjährige Kritik der BRICS am Einsatz der Wirtschaft als Waffe fort. Die BRICS kritisieren nicht mehr nur die bestehende Finanzarchitektur, sondern bemühen sich um die Konstruktion alternativer Mechanismen. Grenzüberschreitende Zahlungssysteme, Handel in lokalen Währungen, finanzielle Integration und die Stärkung der Neuen Entwicklungsbank sind Vorboten einer Alternative zur Dollar-zentrierten globalen Wirtschaftsstruktur, wenn auch noch kein System, das den Dollar ganz verdrängen kann.
Der Abschnitt zu Gaza und Palästina zeigt eine der entschiedensten Haltungen, die die BRICS jemals in dieser Angelegenheit eingenommen haben. Der Schwerpunkt liegt auf einem unabhängigen palästinensischen Staat auf Grundlage der Grenzen von 1967. Darüber hinaus wird im Text direkt auf die rechtlichen Schritte Südafrikas gegen Israel und die Urteile des Internationalen Gerichtshofs hingewiesen. Angesichts der jüngsten Offensiven und der sich ausbreitenden humanitären Krise stützen die BRICS das Völkerrecht und rufen nach sofortigem Waffenstillstand, ungehinderter Bereitstellung humanitärer Hilfe und Unterstützung der palästinensischen Eigenstaatlichkeit.
Die starke Botschaft weist auf den Wunsch der BRICS hin, ein sichtbarer und wirksamer Akteur in globalen Krisen zu werden. Allerdings verschweigt der Text nicht die internen Divergenzen innerhalb der BRICS-Staaten. Er erkennt offen an, dass die Mitglieder unterschiedliche Ansichten vertreten, insbesondere zum Nahen Osten. Das ist wichtig, da die heutigen BRICS-Staaten kein Block mehr sind, der ausschließlich aus Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika besteht. Mit der Integration neuer Mitglieder wie dem Iran, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Ägypten, Äthiopien und Indonesien haben sich die BRICS zu einem weitaus komplexeren geopolitischen Gebilde entwickelt. Zu bestimmten Themen, so das Dokument, gibt es keine einheitliche Haltung, sondern unterschiedliche Perspektiven.
Konkret räumt das Dokument ein, dass die Mitglieder in Angelegenheiten, die den Iran, die Golfstaaten und den Jemen betreffen, unterschiedliche Positionen vertreten. Trotz dieser Unterschiede zeigt der Block die Fähigkeit, eine gemeinsame Basis zu schaffen, und erweitert so seine diplomatischen Kapazitäten. So gesehen ist der Neu-Delhi-Prozess auch ein diplomatischer Triumph für Indien. Bereicherte die jüngste Erweiterungswelle um den Iran, die Vereinigten Arabischen Emirate, Ägypten, Äthiopien und Indonesien die geopolitische Vielfalt der Plattform, so hat sie kollektive Entscheidungsprozesse auch komplexer gemacht.
Angesichts des Irankriegs sagten Experten diplomatische Spannungen voraus, wegen der tiefen Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Iran und den Golfstaaten würden die BRICS nur schwer eine gemeinsame Basis finden. Trotz all dieser Unterschiede gelang es Indien, Mitglieder mit unterschiedlichen Interessen und Prioritäten auf einer Plattform zu vereinen. Das beweist, dass die BRICS weiterhin Dialog statt Spaltung fördern können. Dabei beschränkt sich das Ergebnis von Neu-Delhi nicht auf den Inhalt des gemeinsam veröffentlichten Texts. Der wahre Erfolg liegt in der Errichtung einer diplomatischen Arena, die es den Mitgliedern bei allen Widersprüchen in einem sensiblen und polarisierten Krisenumfeld ermöglicht, in anderen Angelegenheiten Kompromisse einzugehen und die Verhandlungen unter dem Dach der BRICS fortzusetzen.
Eine der wichtigsten Botschaften des Dokuments dreht sich um Technologie. Dass Themen wie Künstliche Intelligenz, digitale Infrastruktur, Datensicherheit und Cybersicherheit umfangreich abgedeckt werden, ist kein Zufall. Tatsächlich hängt der globale Machtkampf der Zukunft stark von technologischer Vormachtstellung ab. Die BRICS-Staaten zeigen ihr Bewusstsein für diese Realität und bekunden ihre Absicht, im technologischen Wettlauf gemeinsam zu agieren.
Hervorzuheben ist ihr Bestreben, Alternativen zu westlich zentrierten Normen in der Regulierung Künstlicher Intelligenz zu entwickeln. Auch in der Energie- und Klimapolitik lässt sich dieser Ansatz beobachten. Anstelle der von westlichen Staaten häufig propagierten schnellen Energiewende steht das Konzept einer „gerechten Energiewende“ im Vordergrund. Im Mittelpunkt dieses Ansatzes steht die Überzeugung, dass die Wirtschaftswachstumsbedürfnisse der Entwicklungsländer nicht missachtet werden dürfen. Die BRICS setzen sich für ein Gleichgewicht zwischen Umweltverantwortung und dem Recht auf Entwicklung ein. Dies deutet auf eine Bruchlinie hin, die in den kommenden Jahren in globalen Klimadebatten immer deutlicher zum Ausdruck kommen dürfte.
Betrachtet man alle diese Bereiche zusammen, ergibt sich ein bemerkenswert klares Bild: Die BRICS sind nicht mehr nur eine Plattform zur Wahrung wirtschaftlicher Interessen. Sie sind ein Machtzentrum, das beginnt, seine eigene Vision vom internationalen System zu bekunden. Im Mittelpunkt dieser Vision steht das Ziel stärkerer Repräsentation, souveräner Gleichheit, einer tieferen Multipolarität und einer stärkeren Stimme der Entwicklungsländer in globalen Entscheidungsprozessen. Das Neu-Delhi-Dokument, das beim BRICS-Außenministertreffen vorgelegt wurde, ist mehr als ein Kommuniqué. Es ist einer der wegweisenden Texte des historischen Wandels in der Weltpolitik. Während sich die Welt rasch von einer unipolaren Struktur entfernt, entwickeln sich die BRICS zum mächtigen politischen und wirtschaftlichen Instrument dieses Übergangs.
Auch heute noch werden viele Regeln des internationalen Systems vom Westen verfasst. Doch die Botschaft aus Neu-Delhi ist klar: Weitaus mehr Akteure fordern jetzt einen Platz am Tisch, um diese Regeln neu zu schreiben. Die BRICS wandeln sich von einem Wirtschaftsclub zu einem politischen, diplomatischen, finanziellen und technologischen Powerhouse. Ihr Anspruch, als kollektive Stimme und Kompass des globalen Südens zu fungieren, wird immer stärker. Sie verfolgen eine doppelte Strategie, bieten eine Alternative zu westlich zentrierten Institutionen und arbeiten gleichzeitig an deren Transformation. Die BRICS bauen noch keine Institutionen auf, die die UNO, den IWF, die Weltbank oder die WTO ersetzen könnten. Vielmehr geht es darum, die Regeln und die Machtverteilung in diesen Institutionen zu ändern.
Das Neu-Delhi-Dokument des Außenministertreffens 2026 unter Indiens Präsidentschaft kann als eines der umfassendsten strategischen Dokumente in der zwanzigjährigen Geschichte der BRICS betrachtet werden. Der Text dient als politisches Manifest für eine Ära, die geprägt ist vom Ende der von den USA und vom Westen angeführten Unipolarität, von den Forderungen aufstrebender Mächte nach größerer Entscheidungsfreiheit und vom beschleunigten Bestreben des globalen Südens, ein dauerhaftes Gewicht im internationalen System auszubilden.
Der Kern des Dokuments lässt sich mit einem Satz zusammenfassen: Die BRICS bleiben eine Plattform, die sich an die Regeln der bestehenden internationalen Ordnung anpasst, verwandeln aber sich gleichzeitig in einen globalen Akteur, der die Regeln neu zu schreiben unternimmt.
Titelbild: BRICS-Außenministertreffen in Neu-Delhi, 14. Mai 2026. Quelle: Press Information Bureau, Government of India. Lizenz: Government Open Data License – India (GODL).