Israel ist der größte Verlierer des Dritten Golfkriegs. Keines seiner Ziele hat es vollständig erreicht: Zerstörung der iranischen Drohnen- und Raketenprogramme, Denuklearisierung des Iran, Ablösung der Islamischen Republik, Zerschlagung der „Achse des Widerstands“, Balkanisierung des Iran. Denn die USA zogen sich zurück, statt die hohen Kosten für die Verfolgung maximaler Ziele in Kauf zu nehmen

Der Beitrag erschien am 16. Juni 2026 auf Englisch auf korybko.substack

Von Andrew Korybko

Andrew Korybko ist ein amerikanischer Politologe, der sich auf den globalen Systemwandel zur Multipolarität spezialisiert hat. Er lebt in Moskau

Israel ist der größte Verlierer des Dritten Golfkriegs, wie ich hier festgestellt habe. Diese Einschätzung hatten zuvor bereits der israelische Oppositionsführer Yair Lapid und israelische Medien angesichts der Berichte über die Bedingungen des geplanten Memorandum of Understanding (MoU) zwischen den USA und dem Iran geäußert. Israel hat keines seiner fünf Ziele vollständig erreicht. Vier wurden zwar teilweise verwirklicht, aber die Fortschritte bei dreien davon könnten im Laufe der Zeit wieder zunichte gemacht werden. Hier ist eine Übersicht dessen, was Israel erreichen wollte und warum es gescheitert ist:

1. Zerstörung der Drohnen- und Raketenprogramme

Diese miteinander verknüpften Fähigkeiten haben den Iran zu einer regionalen Macht gemacht, mit der man rechnen muss. Zudem haben sie Israel in den vergangenen beiden Kriegen zusammen beispiellosen Schaden zugefügt. Obwohl beide Programme im Laufe des vergangenen Jahres in unklarem Ausmaß geschwächt wurden, wurde keines von ihnen vollständig beseitigt. Die Bedrohung durch sie besteht also fort. Die USA werden die finanziellen und militärischen Kosten sowie die Opportunitätskosten für die vollständige Zerstörung dieser Programme nicht tragen, und Israel kann es nicht aus eigener Kraft.

2. Denuklearisierung des Iran

Berichten zufolge soll das MoU einen separaten Verhandlungsprozess über das iranische Atomprogramm einleiten. Es gibt glaubwürdige Hinweise darauf, dass der Iran zumindest einen Teil seiner Fähigkeiten behalten wird. Selbst wenn sie nicht ausreichen, um jemals eine Atomwaffe zu bauen – insbesondere wenn eine gewisse internationale Aufsicht vereinbart wird –, bereitet dies dem auf Sicherheit bedachten (oder wie Kritiker sagen würden: sicherheitsbesessenen) Israel Unbehagen. Wie gesagt, werden die USA die für dieses Ziel erforderlichen Kosten nicht tragen, und Israel kann diesen Weg nicht allein beschreiten. 

3. Ablösung der Islamischen Republik

Der Regimewechsel ist das dritte Ziel, das nur teilweise erreicht wurde – und zwar durch gemeinsame gezielte Tötungen führender politischer Persönlichkeiten seitens der USA und Israels. Das System der Islamischen Republik ist jedoch intakt geblieben, auch wenn es in eine vergleichsweise „gemäßigte“ Richtung modifiziert wurde. Der Staat hegt nach wie vor Hass auf Israel, zeigt sich gegenüber den USA jedoch etwas freundlicher. Die USA geben sich mit der neuen Machtkonstellation zufrieden. Deshalb werden sie das „begonnene Werk“ nicht zu Ende führen, während Israel es allein nicht vollenden kann.

4. Zerschlagung der „Achse des Widerstands“

Ein weiteres Ziel Israels war die Zerstörung des regionalen Bündnisnetzwerks des Iran, der sogenannten „Achse des Widerstands“. Wie die vorangegangenen Ziele wurde auch dieses Ziel nur teilweise erreicht. Die Hisbollah existiert weiterhin, und die Huthi-Rebellen wirken so stark wie eh und je, obwohl Israel im vergangenen August einige ihrer Anführer getötet hat. Auch die dem „Widerstand“ nahestehenden irakischen Milizen sind weiterhin aktiv. Die USA stehen allen drei Gruppen ablehnend gegenüber, aber nicht so, dass sie Israel aktiv bei deren Zerschlagung unterstützen würden. Ohne die Hilfe der USA bleibt Israel nur die Wahl zwischen einem ewigen Krieg und einem kalten Frieden.

5. Balkanisierung der Islamischen Republik

Dieses letzte Ziel wurde überhaupt nicht erreicht, weil die Kurden die ihnen zugedachte Rolle nicht erfüllten. Über die Gründe hierfür wird nach wie vor debattiert. Die Spekulationen reichen von Berichten, wonach JD Vance Erdogan vorab informiert habe, woraufhin dieser Druck auf Trump ausübte, von dem Vorhaben abzulassen, bis hin zu Trumps Behauptung, die Kurden hätten die US-Waffen für eigene Zwecke behalten. Ebenso wenig kam es zu Feindseligkeiten zwischen Aserbaidschan und dem Iran. Damit blieb das Szenario eines von Baku unterstützten Aufstands der Azeri im Norden aus, der als Auslöser für ein türkisches Eingreifen hätte dienen können.

Von den Zielen, die Israel teilweise erreicht hat, ist nur die atomare Abrüstung des Iran unumkehrbar. Allerdings könnte der Iran schrittweise seine Drohnen- und Raketenbestände wieder aufstocken, zu einer Hardliner-orientierten (wenn auch vergleichsweise US-freundlichen) Führungselite zurückkehren und seine Verbündeten im „Widerstand“ stärken.

Israel hätte keines dieser Ziele aus eigener Kraft erreichen können. Alle erforderten die Unterstützung der USA. Die USA zogen sich jedoch nach Erreichen einiger ihrer Ziele aus dem Krieg zurück, anstatt die weitaus höheren Kosten für die Verfolgung maximaler Ziele in Kauf zu nehmen, die Israel weiterhin anstrebte. Dies führte letztlich zur Niederlage Israels.