Unter den gegenwärtigen Umständen laufen die Sanktionsdrohungen der USA auf leere Rhetorik hinaus. Ein neues System wurde errichtet. Und es wird durch die Beteiligung weiterer Länder an Stärke gewinnen – insbesondere nach dem Krieg gegen den Iran
Der Artikel ist am 6. Mai 2026 auf Englisch erschienen bei unitedworldint.com
Von Serhat Latifoğlu
Serhat Latifoğlu ist Ökonom, Investmentbanker und Kolumnist der Zeitung Aydınlık
US-Finanzminister Scott Bessent droht zwei chinesischen Banken in Briefen mit Sanktionen, sollten dort iranische Gelder aufgefunden werden. Diese Drohung ist ein Ausdruck der militärischen Verzweiflung und Niederlage der USA. Es ist offensichtlich, dass womöglich gegen China verhängte Sanktionen ebenso wirkungslos bleiben würden wie jene gegen Russland.
Der wohl schlagkräftigste Beweis dafür ist die vollständig dollarfreie Abwicklung des Handels zwischen China und Russland. Diese Praxis verbreitet sich unter BRICS-Mitgliedern. Auch wenn der Westen es nicht wahrhaben will: Die BRICS-Staaten haben – mit der Neuen Seidenstraße, unabhängigen Zahlungsnetzwerken und eigenen Bankensystemen – bereits Instrumente geschaffen, um Zahlungen unter Umgehung des Dollars abzuwickeln.
BRICS: Retter in der Dollarkrise
Die Trump-Regierung hat die BRICS-Staaten mit massiven Sanktionen ins Visier genommen. Heute wandelt sich die BRICS-Gruppe von einem bloßen Staatenblock hin zu einem Korridor und Netzwerk alternativer Systeme gegen die Dollar-Hegemonie. Dieses System stützt sich auf vier Säulen: die BRICS-Bank (New Development Bank), das Geldtransfersystem mBridge, ein unabhängiges Reservesystem, das Zahlungssystem BRICS Pay.
Die USA haben versucht, die Vorherrschaft des Dollars zu retten, indem sie die BRICS-Gruppe einkesseln. Als die Sanktionen verschärft wurden, entwickelten die BRICS-Staaten aber eigene Systeme und überwanden so den Dollar. Das ist ein Zeichen dafür, dass die Architektur der neuen Wirtschaftsordnung nicht mehr nur theoretisch, sondern praktisch etabliert wird.
Die Entwicklungsbank der BRICS-Staaten – die New Development Bank (NDB) – ist keineswegs ein „neuer IWF“. Die NDB bietet vielmehr eine alternative Architektur zu dem Dollar-dominierten Kreditregime. Indem die Bank Entwicklungsprojekte auf Grundlage ihrer eigenen Kreditvergaberichtlinien bewertet, geht sie über traditionelle, US-abhängige Kreditmodelle hinaus. Ihr Ziel ist es, die Abhängigkeit vom Dollar schrittweise zu verringern, indem sie Kredite und Kreditpakete in lokalen Währungen anbietet – insbesondere für Projekte in den Bereichen Energie, Logistik und Infrastruktur.
Obwohl es sich um eine verhältnismäßig junge Bank handelt, hat die NDB durch zahlreiche Infrastrukturprojekte bereits maßgeblich zur Entwicklung der kreditnehmenden Länder beigetragen. Im Gegensatz zur verborgenen Agenda des IWF, Volkswirtschaften zu sabotieren, leistet die NDB bereits bedeutende Beiträge zum Wachstum armer und sich entwickelnder Nationen.
Initiative zur Ablösung von SWIFT
Die BRICS-Staaten haben ihre nationalen Zahlungssysteme miteinander vernetzt, um eine Struktur unabhängig von den klassischen, US-abhängigen Bankkanälen und vom SWIFT-System zu schaffen. In diesem Rahmen spielen Russlands SWIFT-Alternative SPFS (System for Transfer of Financial Messages) und Chinas CIPS (Cross-Border Interbank Payment System) eine zentrale Rolle für die wirtschaftlichen und finanziellen Infrastrukturen der BRICS-Gruppe.
Die BRICS-Nationen haben einen Arbeitsrahmen etabliert, um ihre jeweiligen Zahlungssysteme zu integrieren. Russlands SPFS, Chinas CIPS, Indiens UPI und Brasiliens PIX agieren innerhalb einer Interaktionsgruppe auf BRICS-Ebene. Dank dieser Integration ist ein direkter Nachrichten- und Zahlungsverkehr zwischen den Systemen der einzelnen BRICS-Länder möglich – unter Umgehung von US-Dollar und von SWIFT.
Sowohl technologisch als auch institutionell stellt mBRIDGE im Vergleich zu SWIFT eine zweite Ebene dar. Die von den BRICS-Staaten entwickelte Infrastruktur richtet sich auf eine vom Dollar unabhängige Zahlungskette aus. Das mBRIDGE-Projekt zielt darauf ab, Abwicklungszeiten zu verkürzen, Überweisungskosten zu senken und die Abhängigkeit vom Dollar zu verringern. Nach Abschluss der Testphase hat das System bereits mehrere namhafte westliche Banken und sogar einige westliche Zentralbanken integriert. mBRIDGE wird in den nächsten Jahren zu einer Alternative für den Geldtransfer vieler Banken avancieren.
Russland und China haben ein Modell entwickelt, das auf die vollständige Ablösung des Dollars abzielt. Erstmals in der Geschichte wurde ein Handelsvolumen von 250 Milliarden US-Dollar zwischen den beiden Ländern ohne Dollar abgewickelt. Die in diesem System gewonnenen Erfahrungen wurden der BRICS-Gruppe übermittelt. Ein weiteres Beispiel liefert das BRICS-Mitglied Iran, dessen Handel größtenteils außerhalb des Dollarsystems abgewickelt wird. Dem Iran gelang es, das Embargo zu unterlaufen, indem er Zahlungen auf Basis von Yuan, Gold und Kryptowährungen akzeptierte.
Neue Reservewährung
Um die strukturelle Dollar-Abhängigkeit innerhalb des globalen Reservesystems zu verringern, haben die BRICS-Staaten die Idee eines alternativen Reservemechanismus auf ihre Agenda gesetzt. Er basiert auf einem Rohstoffkorb und den Währungen der Mitgliedsstaaten. Das derzeit diskutierte Modell beruht auf einer mehrschichtigen Struktur, bei der der russische Rubel an Erdgas und Weizen gekoppelt ist, der brasilianische Real an Agrarrohstoffe und Eisenerz, der chinesische Yuan an Industrieexporte und der südafrikanische Rand an Gold- und Platinreserven. Die indische Rupie ist in diesem Korb als entscheidendes Ausgleichselement positioniert und repräsentiert die Dienstleistungswirtschaft sowie Technologieexporte.
Es wird davon ausgegangen, dass die in den BRICS-Sitzungen erörterte Reservewährung hauptsächlich durch Gold gedeckt sein wird. Ein Beleg dafür ist die Tatsache, dass die Zentralbanken der BRICS-Staaten den Goldanteil an ihren Reserven durch intensive Goldkäufe in den letzten fünf Jahren signifikant erhöht haben. Während feststeht, dass der Währungskorb aus Gold, weiteren Rohstoffen und den Währungen der Mitgliedsstaaten bestehen wird, dauern die Debatten über die genauen Gewichtungen noch an. Die Goldkäufe der BRICS-Zentralbanken haben das globale Reservegleichgewicht bereits zu Ungunsten des Dollars verschoben.
BRICS Pay: dollarloses Zahlungsverkehr
Die BRICS-Staaten versuchen, das dollarzentrierte Finanzsystem des Westens durch eigene, kontrollierte Zahlungsnetzwerke zu umgehen. Das prominenteste dieser Netzwerke ist BRICS Pay. BRICS Pay bietet die Möglichkeit, Zahlungen in den jeweiligen Landeswährungen über die Zentral- und Nationalbanken der Mitgliedsstaaten abzuwickeln. Selbstverständlich steht BRICS Pay vor einigen Problemen: unterschiedliche geldpolitische Disziplinen der Mitglieder, variierende rechtliche und technische Standards sowie Schwierigkeiten bei der Integration rechtlicher Rahmenwerke.
Diese Probleme deuten jedoch nicht auf eine Unwirksamkeit des Systems hin, sondern auf einen Übergangsprozess in Schritten. Unter den gegenwärtigen Umständen sind Sanktionsdrohungen der USA leere Rhetorik. Ein neues System wurde etabliert. Und es wird durch die Beteiligung zahlreicher weiterer Länder – insbesondere nach dem Krieg gegen den Iran – weiter an Stärke gewinnen.
Die Initiative, die die Türkei im vergangenen Jahr für eine BRICS-Mitgliedschaft gestartet hat, ist ein folgerichtiger Schritt. Die sich wandelnden geoökonomischen Rahmenbedingungen und Machtverhältnisse läuten das Ende der neoliberalen Politik ein. Die Chancen, die eine BRICS-Mitgliedschaft eröffnet, werden einen maßgeblichen Beitrag zur Fortentwicklung der Türkei leisten.
Titelbild: BRICS-Gipfel in Johannesburg 2023. Foto: 15th BRICS Summit / Flickr (Public Domain)