Das Pentagon hat angekündigt, 5.000 Soldaten aus Deutschland abzuziehen und ein Bataillon für weitreichende Präzisionsschläge nicht zu stationieren. Dieser Abzug ist keineswegs verfrüht und folgt Trumps Strategie des Pivot to Asia. An Europa sendet er das Signal, die eigene Aufrüstung zu beschleunigen. Einige US-Abgeordnete fordern nun, die Truppen näher an Russland zu verlegen. Besser wäre, wenn sie nach Hause zurückkehren. Und weitere Truppenreduzierungen in Europa wären zu begrüßen
Der Beitrag ist auf Englisch am 6. Mai 2026 erschienen auf der Seite des Quincy Institute for Responsible Statecraft responsiblestatecraft.org
Von Jennifer Kavanagh
Jennifer Kavanagh ist Senior Fellow und Leiterin der Militäranalyse bei Defense Priorities, einem Think Tank mit Sitz in Washington D.C. Zuvor war sie Senior Fellow bei Carnegie Endowment for International Peace und leitende Politikwissenschaftlerin bei der RAND Corporation. Sie doziert an der Georgetown University
Seit Wochen warnt Präsident Donald Trump vor Konsequenzen für jene NATO-Verbündeten, die den Krieg der USA im Iran nicht hinreichend unterstützen. Am Freitag ließ das Pentagon dieser Drohung Taten folgen. Es gab bekannt, dass die Vereinigten Staaten 5.000 Soldaten aus Deutschland abziehen und die geplante Stationierung einer Einheit in Bataillonsstärke abblasen würden, die noch in diesem Jahr reichweitenstarke US-Raketen nach Europa bringen sollte.
Die Reaktion fiel erwartungsgemäß überzogen aus. Während der deutsche Verteidigungsminister darauf beharrte, jener Schritt sei erwart- und beherrschbar, kritisierten die „Russland-Falken“ in Washington, er untergrabe die Abschreckung und schwäche die nationale Sicherheit der USA. Bundeskanzler Friedrich Merz musste sich das gesamte Wochenende gegen Vorwürfe wehren, der US-Truppenabzug gehe auf sein Konto und sei eine Reaktion auf seine Kritik am Scheitern des US-Militärs in Westasien.
Alle Beteiligten sollten tief durchatmen. Die geplanten Änderungen an der Truppenstruktur sind zwar bemerkenswert, haben aber nur begrenzte Auswirkungen auf die europäische Abschreckung. Auch wenn man besorgt über die Plötzlichkeit der Entscheidung sein kann, steht der angekündigte Abzug doch im Einklang mit den erklärten strategischen Zielen der Regierung Trump und mit Europas Absicht, mehr Verantwortung für die eigene Verteidigung zu übernehmen. Eine verringerte militärische US-Präsenz kann den Sicherheitsinteressen sowohl der USA als auch Europas förderlich sein.
Ein Großteil der Aufregung in Washington konzentrierte sich auf den geplanten Abzug eines US-Brigadekampfteams aus Deutschland. Dieser Rückzug könnte laut Pentagon innerhalb der nächsten sechs bis zwölf Monate erfolgen und würde dazu führen, dass die betreffenden Streitkräfte Europa verlassen. Ihr künftiger Stationierungsort steht allerdings noch nicht fest. Die republikanischen Vorsitzenden der Verteidigungsausschüsse in Repräsentantenhaus und Senat beklagten nach der Ankündigung den „verfrühten Abzug“ und erklärten, er „drohe die Abschreckung zu untergraben und ein falsches Signal an Wladimir Putin zu senden“. Ehemalige Generäle und das Außenpolitik-Kommentariat schlossen sich dieser Ansicht an und warnten, der Abzug schwäche die Verteidigungsfähigkeit Europas und die Fähigkeit der USA, rasch auf Krisen auf dem Kontinent oder anderswo zu reagieren.
Diese Aussagen übertreiben dramatisch die Auswirkungen, die eine so geringfügige Änderung der US-Truppenstärke haben wird. Zunächst einmal ist es lächerlich, den Abzug als „verfrüht“ zu bezeichnen. Als die US-Streitkräfte 1952 erstmals in Europa eintrafen, sagte der damalige Oberbefehlshaber der Alliierten Dwight Eisenhower, ein Verbleib der US-Soldaten in Europa über einen Zeitraum von zehn Jahren hinaus würde das Scheitern des NATO-Projekts bedeuten. In den seither vergangenen 75 Jahren haben US-Präsidenten die europäischen Verbündeten immer wieder davor gewarnt, dass die Vereinigten Staaten nicht auf ewig der Sicherheitsgarant des Kontinents bleiben würden. Trump löst mit seinem Schritt also lediglich ein Versprechen ein.
Selbst nach der Verlegung dieser einen Brigade werden die Vereinigten Staaten weiterhin über mehr als 30.000 Militärangehörige und Zehntausende militärische Dienstleister und Zivilisten in Deutschland verfügen. Von weiteren 40.000 Militärangehörigen, die anderswo in Europa stationiert sind, mal ganz zu schweigen. Der Abzug von 3 % der US-Streitkräfte in Europa wird weder die Verteidigungsfähigkeit des Kontinents noch die strategischen Kalküle von Gegnern wie Russland messbar verändern.
Schwerer wiegt die Entscheidung, das Bataillon für weitreichende Präzisionsschläge (Long-Range Fires Battalion) nicht zu stationieren. Auch diese Entscheidung sollte aber im richtigen Kontext betrachtet werden. Die Multi-Domain Task Force“ (MDTF) der US-Armee sowie die dazugehörigen bodengestützten Raketensysteme wurden vorrangig mit Blick auf China entwickelt – und nicht auf Russland. Befürworter eines entschiedenen Pivot to Asia argumentieren seit Jahren, dass diese Waffensysteme vorrangig dem indopazifischen Operationsgebiet zugewiesen werden sollten. Der Plan, ein solches Bataillon nach Europa zu entsenden, wurde erst unter der Regierung Biden – nach Ausbruch des Ukrainekriegs – entwickelt und war als Übergangslösung gedacht, bis Europa eigene Fähigkeiten für Präzisionsschläge in der Tiefe des Raumes aufgebaut haben würde. Die Stationierung ist ungewiss, seit Trump vergangenes Jahr ins Amt zurückgekehrt ist.
Da die Entsendung der MDTF nach Deutschland das Engagement der USA für die konventionelle Verteidigung Europas verstärken würde, stand dieser Plan von Anfang an im Widerspruch zur erklärten Strategie der Regierung Trump. Der ursprünglich für Februar 2026 angesetzte Stationierungstermin verstrich kommentarlos. Die Regierung bestätigte weder noch dementierte sie die Stationierung. Abgesehen von der politischen Ungewissheit gab es auch technische Probleme. Die Hyperschallrakete Dark Eagle ist noch nicht voll einsatzbereit und so kostspielig, dass sie nur in geringen Stückzahlen beschafft werden kann. Das Raketensystem Typhon geriet wegen seiner enormen Ausmaße und mangelnder Mobilität in die Kritik. Die Anzahl der mit der MDTF stationierten Raketen dürfte wohl gering ausfallen, die politischen Beschränkungen für ihren Einsatz dürften hoch sein. Diese Umstände schmälern ihren tatsächlichen Abschreckungswert für Deutschland oder Europa.
Manche halten den Verlust der nicht-kinetischen MDTF-Fähigkeiten – einschließlich ihres Potenzials für Cyber- und elektronische Kriegsführung, Aufklärung und Zielerfassung – für die weitaus größere Enttäuschung für Deutschland. In diesen Bereichen hat Europa im Vergleich zu den Vereinigten Staaten gemeinhin Nachholbedarf, diese Bereiche stehen im Mittelpunkt intensiver Bemühungen und Investitionen. Deutschland arbeitet schon mit Hochdruck daran, die Lücken zu schließen. Selbst wenn die geplanten Anpassungen der militärischen Präsenz auf Europas Sicherheit eher geringe Auswirkungen haben sollten, ist die Pentagon-Ankündigung vom Freitag aus anderen Gründen von Bedeutung. Der geplante Abzug liefert den ersten greifbaren Beleg für jenen Rückzug der USA aus Europa, den die Regierung Trump schon in ihrer Nationalen Sicherheits- und Nationalen Verteidigungsstrategie versprochen hat.
Die Reduzierung der militärischen Präsenz mag geringfügig sein. Sie sendet aber an Europas Hauptstädte das klare Signal: Die US-Absichten zur Kostenverlagerung bei der Verteidigung sind diesmal ernst gemeint. Dieses Signal wird Europas Aufrüstung weiter anreizen und beschleunigen. Ungeachtet des Entscheidungsprozesses sind die Anpassungen der militärischen Präsenz für die nationale Sicherheit der USA positiv. Die Vereinigten Staaten benötigen keine großen Streitkraft-Kontingente in Europa, um ihre Kerninteressen zu wahren – sei es der Zugang zu Wirtschaftsmärkten oder die Verteidigung der Heimat. Von Russland geht keine konventionelle militärische Bedrohung für die Vereinigten Staaten aus. Und eine massive US-Militärpräsenz in Europa vermag die USA ohnehin nicht vor realen Bedrohungen zu schützen – ob nuklear oder cybergestützt.
Einige Kongressabgeordnete versuchen schon, die Auswirkungen der Reduzierung abzuschwächen. Sie fordern, dass aus Deutschland abgezogene Truppen in den Osten verlegt werden, näher an die russische Grenze. Trump sollte diese Forderung ignorieren, da sie seinen Zielen und dem Sicherheitsinteresse der USA zuwiderläuft. Die Verlegung des Brigadekampfteams von Deutschland nach Polen oder Rumänien wäre ein Akt der Selbstschädigung für die Vereinigten Staaten. Er würde Washingtons Verstrickung in Europas Verteidigung vertiefen und das Risiko erhöhen, in einen Krieg mit Russland hineingezogen zu werden. Gleichzeitig würde ein solcher Schritt den US-Druck auf Europa zur Aufrüstung verringern, indem er jene Front verfestigen würde, deren Verteidigung die Trump-Regierung – ihren eigenen Äußerungen zufolge – eigentlich Europa übertragen möchte.
Trump hat angedeutet, dass bald weitere Reduzierungen der US-Truppenpräsenz in Europa folgen könnten. Es wäre zu begrüßen, sollte dies geschehen. Nächstes Mal womöglich mit mehr strategischem Weitblick und ohne Bestrafungsabsicht.
Titelbild: York Peuckert / Pexels