Der Übergang zur Multipolarität führt dazu, dass sich Länder des Globalen Westens/Nordens zu subregionalen Polen zusammenschließen. Dabei knüpfen sie an historische Großmachtideen an. Die geopolitische Vision von Ungarns neuem Ministerpräsidenten Magyar lenkt den Blick auf diesen Trend. Der Westen ist nicht mehr der US-geführte Block, der er einmal gewesen ist. Russland könnte mit kreativer Diplomatie dabei helfen, strategische Chancen zu erschließen
Der Beitrag erschien auf Englisch am 11. Mai 2026 auf korybko.substack.com
Von Andrew Korybko
Andrew Korybko ist ein amerikanischer Politologe, der sich auf den globalen Systemwandel zur Multipolarität spezialisiert hat. Er lebt in Moskau
Ungarns neuer Ministerpräsident Péter Magyar schlägt vor, die Visegrád-Gruppe, bestehend aus seinem eigenen Land, Polen, der Slowakei und Tschechien, mit dem Slavkov-Format zusammenzulegen, dem die beiden letztgenannten Staaten sowie Österreich angehören. Politico merkt in einem Artikel über Magyars geopolitische Vision an: „Als klares Signal für diese Strategie erklärte Magyar, dass seine ersten Auslandsreisen als Ungarns neuer Regierungschef Anfang Mai nach Warschau und Wien führen würden.“ Dies lenkt die Aufmerksamkeit auf subregionale Integrationstrends in Europa:
Der weit wichtigste dieser Trends ist Polens Versuch, seinen verlorenen Großmachtstatus wiederzuerlangen, indem es als Kernstück der wirtschaftlichen, ideellen und letztlich auch militärischen Integration in Mittel- und Osteuropa (MOE) fungiert. Dies soll geschehen durch die Drei-Meere-Initiative, das EU-Reformkonzept von Präsident Karol Nawrocki sowie den Militärischen Schengen-Raum. Wahrscheinlich wird die Realität hinter Polens Ambitionen zurückbleiben. Anstelle eines MOE-Raums unter polnischer Führung dürfte sich eine Reihe subregionaler Gruppen herausbilden – formalisiert oder nicht.
Um mit Polen zu beginnen: Die wirtschaftlich-militärisch funktionierende Autobahn Via Baltica könnte Polens Einfluss auf die baltischen Staaten ausweiten, während die gemeinsame westslawische Identität mit Tschechien und der Slowakei die Zusammenarbeit mit diesen Ländern intensivieren könnte. Geplante Investitionen in das ukrainische Schienennetz und ukrainische Häfen könnten hypothetisch dazu führen, dass die Ukraine unter polnischen Einfluss gerät. Allerdings konkurriert Deutschland erbittert um Kiews Loyalität. Und Selenskyjs wichtigster Berater prognostizierte bereits ein „Wettbewerbsverhältnis“ zu Polen für die Zeit nach Beendigung des Konflikts.
Blickt man weiter nach Süden, so könnten engere Beziehungen zwischen Österreich und Ungarn dazu führen, dass sich Tschechien und die Slowakei entweder stärker an diese beiden Staaten anlehnen oder aber ein Gleichgewicht zwischen ihnen und Polen anstreben. Auch Slowenien und Kroatien könnten sich diesem potenziell (wieder) entstehenden regionalen Integrationskern anschließen. Bosnien dürfte hingegen eine Zone des „freundschaftlichen“ Wettbewerbs zwischen diesen Staaten und Serbien bleiben. Serbien könnte allenfalls die Integration mit der Republika Srpska vertiefen und womöglich die Beziehungen zu Montenegro wiederbeleben – ansonsten aber isoliert oder unterworfen werden.
„Großalbanien“ und „Großbulgarien“ dürften wiederbelebt werden: Großalbanien existiert im Grunde bereits in Teilen Montenegros, im Großteil des von der NATO besetzten Kosovo und Metochiens und in einem Abschnitt Mazedoniens. Großbulgarien könnte seinen Einfluss auf Mazedonien weiter ausdehnen. Griechenland dürfte seine Beziehungen zu Zypern festigen und – entlang der Transadriatischen Pipeline von Aserbaidschan über Albanien bis zu Italien und entlang des Vertikalen Gaskorridors über Bulgarien bis zur Ukraine – freundschaftliche Beziehungen zu seinen historischen Rivalen pflegen. Die Gaskorridor-Teilnehmer Rumänien und Moldau führen ihre militärischen Einrichtungen seit 2022 zusammen, ein politischer Zusammenschluss könnte folgen.
Die letzte subregionale Gruppe versammelt sich um Schweden und umfasst Finnland sowie die baltischen Staaten. Das Baltikum überschneidet sich – über die Via Baltica – mit Polens Einflusssphäre und könnte somit eine engere polnisch-schwedische Zusammenarbeit gegen Russland im Ostseeraum anstoßen. Alles in allem hat der globale systemische Übergang zur Multipolarität neue subregionale Integrationstrends in Europa ausgelöst, die interessanterweise allesamt auf historischer Grundlage beruhen.
Die identifizierten Gruppen teilen zwar nicht Russlands Vision, die Rolle des Westens in den globalen Angelegenheiten zurückzudrängen. Sie repräsentieren aber (wieder) aufstrebende Pole innerhalb des Globalen Westens/Nordens, der nicht mehr jener geeinte, von den USA geführte Block ist, der er noch vor 2022 war. Eine kreative Diplomatie könnte Russland dabei helfen, die strategischen Chancen zu erschließen, die diese Trends bieten.