Der vorliegende Text ist die Einleitung zum neuen Buch von Kisoudis, das am 15. Mai 2026 bei Manuscriptum erscheint: www.manuscriptum.de/Ordnungsstaat
Von Dimitrios Kisoudis
Dimitrios Kisoudis ist Publizist und strategischer Berater. Er verantwortet das geopolitische Online-Magazin Weltinsel
Wir leben in einem Umbruch. Die Massenzuwanderung nach Merkels Grenzöffnung hat die soziale Frage als ethnische neu aufgeworfen. Die Corona-Lockdowns und Pläne zu einer allgemeinen Impfpflicht haben Selbstverständlichkeiten zur Autorität und Legitimität staatlichen Handels fraglich gemacht. Putins Angriff auf die Ukraine und Trumps Überfall auf die Islamische Republik Iran erschüttern pazifistische Überzeugungen und rufen das Zeitalter des Imperialismus wach.
Die Idylle der alten Bundesrepublik ist vorbei. Vertikale Sozialstruktur und Geopolitik werden in ihrem ungemütlichen Zusammenhang fühlbar. Die Theorie und Praxis der Gleichheitsherstellung erscheint plötzlich als Irrweg, ebenso Deutschlands langer Weg nach Westen. Der Zeitpunkt ist günstig, um mit der Mythenbildung eines Heinrich August Winkler aufzuräumen und dessen monumentaler Geschichtserzählung eine Erzählung mittlerer Länge entgegenzusetzen.
Diese Erzählung vom deutschen Sonderweg kann ich nicht ansatzlos vortragen. Eine Nachlese der Staatsgeschichte ist nur möglich als eigene Theorie. Ausgehend von einer Ontologie der Relation, wie sie in der Trifunktionalität von Magie/Spiritualität, Gewalt, Fruchtbarkeit im indoeuropäischen Götterhimmel und in der Trinität der Kirchenväter angelegt ist, setzen wir uns in Teil I mit den Ordnungstheorien des Strukturalismus und des Poststrukturalismus auseinander.
In den Teilen II bis IV gehen wir dem Formationswandel der sozialen Funktionen in der deutschen Geschichte nach der Französischen Revolution nach. Den drei Funktionen entsprachen die Stände des Klerus, der Aristokratie und des Bürgertums. Besonders wie der zweite und der dritte Stand zueinander angeordnet waren, bestimmte die Ordnung im langen 19. Jahrhundert. Wir stellen die Anordnungen dar und die Anordner – Ideologen und Politiker – vor.
Der Ordnungsstaat war der Staat, der die Funktionen unter den gegebenen Bedingungen jeweiliger Umbrüche möglichst friedlich und gerecht anordnete. Dieser Anordnung schoben die Sieger zweier Weltkriege einen Riegel vor. Im Zeitalter der Multipolarität steht nun die bloß mit der bürgerlichen Fruchtbarkeitsfunktion operierende Anordnung auf dem Prüfstand. Mit Spiritualität und Gewalt kehren soziale Differenzen zurück, die im sog. Westen überwunden geglaubt waren. Es sind diese Differenzen, die die Geschichte am Laufen halten.
Wenn ich den Weg des deutschen Ordnungsstaates berge, verbinde ich damit die Absicht, ihn nach dem kommenden Bruch anschlußfähig zu machen. Im letzten Teil reiße ich die Geschichte zur Gegenwart hin ab. Die Lage ist dynamisch, Vorhersagen werden schnell durch den Gang der Dinge widerlegt. Es kann nur darum gehen, die Vektoren der Ordnung, wie sie sich aus der Erzählung bis dahin ergeben, anhand der jüngsten Kriege und Krisen über den sichtbaren Umbruch hinaus weiterzuziehen.
Das unterliegende Thema ist die Verbindung von Herrschaft und Heil. Giorgio Agamben hat dabei entscheidende Vorarbeit geleistet. Von hier aus lassen sich Strukturalismus und Poststrukturalismus einer Revision unterziehen, die ins multipolare Zeitalter führt. Wichtige Anregungen verdanke ich meinem Freund Timo Kölling, der in seiner Philosophie den Bruch mit der Tradition dialektisch in eine Tradition des Bruchs umschreibt. Für Korrekturen danke ich Friedrich Seidel.
Geschichte gebe ich im Präteritum und Texte im Präsens wieder, denn Geschichte ist vergangen, während Text gegenwärtig bleibt. Nach dem ersten Zitat einer Quelle fasse ich die Zitate in Fußnoten absatzweise zusammen. Das Buch gibt nur subjektive Ansichten und objektive Wahrheiten wieder, keinesfalls aber die Meinung von Parteien oder Fraktionen.