Irans Zerschlagung des US-Stützpunktschutzschilds legt die zentrale Schwäche von Washingtons regionaler Ordnung offen: Die Besatzungsinfrastruktur ist nicht mehr zu schützen. Um Bruce Springsteens „My Hometown“ zu variieren: „Teheran sagt: ‚Diese Stützpunkte verschwinden, Jungs / Und sie kommen nicht zurück / In eure Heimatstadt.‘“

Der Beitrag erschien zuerst auf Englisch am 11. Mai 2026 im internationalen Geopolitik-Magazin thecradle.co 
Das Titelbild stammt ebenfalls von The Cradle

Von Shivan Mahendrarajah

Dr. Shivan Mahendrarajah ist Fellow der Royal Historical Society. Er promovierte in Geschichte des Nahen Ostens und der islamischen Welt in Cambridge. Mahendrarajah ist Autor historischer Fachartikel über den Islam, den Iran und Afghanistan sowie über Aufstandsbekämpfung, al-Qaida und die Taliban-Bewegungen in Afghanistan und Pakistan

Der Artikel der Washington Post vom 6. Mai 2026 „Iran hat weitaus mehr US-Militäranlagen getroffen als berichtet – Satellitenbilder belegen dies“ war ein überfälliges Eingeständnis. Er basiert auf Leaks aus dem US-Verteidigungsministerium (DOD) und der US-Geheimdienstgemeinschaft und zeigt auf, dass der Iran den US-Anlagen erheblichen Schaden zugefügt hat. Die Post erzählt aber nur einen Teil der Geschichte. Sie untersucht 109 von Hunderten Satellitenbildern, veröffentlicht von iranischen Medien. Deren Echtheit ist verifizierbar „durch den Abgleich mit Bildern geringerer Auflösung aus dem Satellitensystem der Europäischen Union, Copernicus, sowie – wo verfügbar – mit hochauflösenden Bildern der Firma Planet“. 

Die Berichterstattung wurde so aufbereitet, dass sie Schäden an 217 Gebäuden und elf Ausrüstungsgegenständen aufzeigte und dabei die Verwundbarkeit der US-Stützpunkte hervorhob, während sie gleichzeitig das Ausmaß der Verluste und die weitreichenden Folgen für die US-Militärpräsenz in Westasien verschleierte. Die Post ging weder ein auf die Auswirkungen der Zerstörung von Radaranlagen ein noch auf das Scheitern der langjährigen US-Doktrin noch auf die – mehr als 600 – Angriffe gegen Stützpunkte im Irak, die faktisch zum Abzug der US-Stützpunkte aus dem Land führten.

Die größere Story lautet: Diese Stützpunkte werden wohl überhaupt nicht wiederaufgebaut. Sie sind ungeschützt, ruinös teuer und befinden sich nun nachweislich innerhalb der Reichweite von Irans Angriffskapazität.

Force Protection versagte zuerst

Force Protection (Schutz der Streitkräfte oder Eigensicherung) ist eine militärische Doktrin. Sie ist in der Joint Publication 3-10 des Vereinigten Generalstabs (Joint Chiefs of Staff) verankert und für alle Teilstreitkräfte bindend. Das Feldhandbuch der US-Armee erläutert die Doktrin in FM 3-19.1 wie folgt: „Force Protection umfasst jene Maßnahmen, die feindliche Handlungen gegen Personal des Verteidigungsministeriums (einschließlich Familienangehöriger), Ressourcen, Einrichtungen und kritische Informationen verhindern oder abmildern. FP koordiniert und synchronisiert offensive und defensive Maßnahmen, um den gemeinsamen Streitkräften die Erfüllung ihres Auftrags zu ermöglichen und gleichzeitig die Handlungsspielräume des Feindes einzuschränken. Dazu gehören Luft-, Weltraum- und Raketenabwehr, ABC-Abwehr, Antiterror, defensive Informationsoperationen sowie Schutz operativer Kräfte und Mittel.“

Verluste an Menschenleben führen zu öffentlicher Kritik und Unruhe innerhalb der Streitkräfte. Hieraus erklärt sich das unverhältnismäßig hohe Gewicht, das dem Schutz der Streitkräfte in den frühen Phasen der Kriege in Irak und Afghanistan beigemessen wurde. Der ehemalige Kommandeur der Islamischen Revolutionsgarden (IRG) Mohsen Rezaei hat an diesem Schwachpunkt angesetzt: Er warnte davor, dass eine erneute US-Aggression dazu führen könnte, dass amerikanische Schiffe versenkt, Soldaten getötet und große Kontingente von Streitkräften gefangen genommen würden.

Die zentrale Erkenntnis lautet: Es besteht die zwingende Notwendigkeit, das Personal und dessen Familien zu schützen – sei es innerhalb oder außerhalb der Militärstützpunkte. Den USA gelang dies aber nicht. Dem US-Zentralkommando (CENTCOM) wird zwar zugeschrieben, das Leben von Soldaten gerettet zu haben, indem es Personal von den Stützpunkten in Hotels verlegte. Diese Maßnahme bot jedoch nur ein geringes Maß an Sicherheit. CIA-Mitarbeiter und Militärangehörige wurden bis in ihre Hotels hinein aufgespürt. Drohnen des Typs Shahed 136 boten in den Vereinigten Arabischen Emiraten, im Irak, in Kuwait und in Bahrain ihren ganz eigenen „Zimmerservice“ – wie unzählige Videos auf Telegram belegen.

Stützpunktschutz

Der Stützpunktschutz ist ein Teilbereich des allgemeinen Schutzes der Streitkräfte. Er beinhaltet die Verteidigung der Stützpunkte gegen Raketen und Drohnen – ein Unterfangen, das sich als undurchführbar erwiesen hat. Die Militärstützpunkte in Westasien wurden über Jahrzehnte ausgebaut, zum Großteil nach dem 11. September 2001, um den Globalen Krieg gegen den Terror zu unterstützen. Ein ausdrücklicher Zweck dieser Stützpunkte – und der Entscheidung, sie auch nach Ende jenes Kriegs beizubehalten – bestand in der Eindämmung des Iran.

Die Raketen- und Drohnenprogramme des Iran waren im September 2001 noch wenig ausgereift. Der Iran weitete seine Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten nach der Rede des damaligen US-Präsidenten George W. Bush von der „Achse des Bösen“ (29. Januar 2002) allerdings massiv aus. Seit 2002/03 hob er zahlreiche unterirdische Raketenbasen aus und errichtete Anlagen, wie sie sich schon im Ramadan-Krieg als undurchdringlich für bunkerbrechende Bomben erwiesen hatten.

Die iranischen Technologien des Jahres 2026 zerschlagen jene Verteidigungsdoktrinen und -technologien aus der Zeit um 2001/02. Wie können die USA Stützpunkte unterhalten, wenn sie wissen, dass das iranische Waffenarsenal überlegen ist? Flugabwehrbatterien vermögen US-Basen nicht zu schützen. Und die Feuerkraft der US Air Force reicht nicht aus, um iranische Raketenstarts zu unterbinden.

Irans Angriffsplan

@DefenceMat analysiert den Angriffsplan des Iran und zeigt auf, wie iranische Generäle eine geniale und vielschichtige „Sättigungskampagne“ fuhren. Sie verknüpften elektronische Kriegsführung, Drohnen sowie Marschflugkörper und ballistische Raketen, um die – auf dem Prinzip „Erkennen – Entscheiden – Bekämpfen“ basierenden – US-Verteidigungsnetzwerke zu überlasten und in ihrer Funktionsfähigkeit zu beeinträchtigen. Diese „netzwerkzentrierte“ Strategie zur Ausschaltung feindlicher Kräfte ging weit über die traditionellen Methoden der SEAD oder DEAD (Unterdrückung bzw. Zerstörung feindlicher Flugabwehrsysteme) hinaus.

Jargonfrei heißt das: Der Iran blendete die USA zunächst, indem er ihr gesamtes regionales Netzwerk aus Radaranlagen, Radomen (Radar-Dom: Satellitenschüsseln unter Schutzhüllen) sowie Führungs- und Kontrollsystemen zerstörte. Die Stützpunkte wurden dadurch praktisch ihres Schutzes beraubt. Zum Beispiel: Das Radom der Frühwarnradaranlage vom Typ AN/FPS-132 in Umm Dahal (Katar) war in Richtung Iran ausgerichtet, um Raketenstarts zu detektieren, das regionale Netzwerk zu alarmieren und die Flugkörper zu verfolgen. Es wurde bereits am 28. Februar zerstört, also am ersten Tag des US-israelischen Krieges gegen den Iran. Es handelte sich dabei um die einzige Radaranlage vom Typ AN/FPS-132 in ganz Westasien.

Eine THAAD-Abfangbatterie (Terminal High Altitude Area Defense) ohne das dazugehörige AN/TPY-2-Radar ist nichts weiter als ein teures Zierobjekt – es sei denn, sie wird mit einer intakten, anderen AN/TPY-2-Radaranlage vernetzt. In ganz Westasien waren sieben AN/TPY-2-Radaranlagen stationiert. Zwei, möglicherweise drei haben den Angriff überstanden. Zudem wurden mehrere Patriot-Radaranlagen (AN/MPQ-53/65) zerstört oder beschädigt.

Irans hochentwickelte Technologie

Westliche Medien konzentrieren sich bei ihrer Berichterstattung vor allem auf Satellitenbilder. Es gibt aber eine Vielfalt an Satellitentypen – zum Beispiel Modelle, die speziell für die 3D-Geländekartierung (TERCOM), die elektronische Aufklärung (ELINT) oder die Datenübertragung konzipiert sind. TERCOM dient der Zielführung iranischer Marschflugkörper. ELINT erfasst elektronische Signale und ermöglicht die Geolokalisierung der Quellen von Hochfrequenz-Emissionen (RF) durch Triangulation mithilfe weiterer Satelliten. Übertragungssatelliten leiten diese Daten in rascher Folge an Bodenstationen weiter und ermöglichen so die Bereitstellung von Daten in Echtzeit.

Abbildung 2 veranschaulicht die vom Iran eingesetzte Technologie. Beachten Sie das gelbe Rechteck: Ein Analyst vermutet, dass es sich hierbei um eine AN/TPY-2-Radaranlage handelt, die lediglich als Täuschungsziel (Decoy) dient. Hätten sich die iranischen Geheimdienstoffiziere bei der Zielauswahl ausschließlich auf Bildmaterial verlassen, wären sie möglicherweise getäuscht worden. Doch die Attrappe wurde ignoriert, das getarnte Radar (im Hangar oben) und weitere Gebäude wurden ins Visier genommen. Der Iran verfügt offenbar über fortschrittliche weltraumgestützte Aufklärungstechnologie, die die RF-Signatur des verborgenen Radars identifizierten. Der elektronische Fingerabdruck des AN/TPY-2-Radars wurde mit Satelliten geortet, die Zielkoordinaten wurden in den Bordcomputer des Flugkörpers programmiert.

Das letzte Beispiel ist die Zerstörung eines E-3 Sentry AWACS-Frühwarnflugzeug (Airborne Warning and Control System) in Saudi-Arabien. Die USA zogen sich zurück auf die Prince Sultan Air Base in Saudi-Arabien, 660 Kilometer vom Südiran entfernt, als Stützpunkte näher am Iran nicht mehr einsatzfähig waren. Nach dem Verlust bodengestützter Radarsysteme wurden E-3 Sentrys, von denen es weltweit nur eine Handvoll gibt, eilig aus den USA dorthin verlegt. Die E-3 führt (im Rotodom) ein AN/APY-2-Radar mit sich. In Abbildung 3 ist die Start- und Landebahn zu sehen (der durch Gummiabrieb geschwärzte Streifen). Die E-3 befindet sich auf der Querrollbahn, vermutlich kurz nach der Landung auf dem Weg zur parallel verlaufenden Rollbahn.

Dieses Bild offenbart Aspekte der iranischen Fähigkeiten, die die US-Geheimdienste zweifellos beunruhigen: Eine iranische Kamikaze-Drohne, möglicherweise vom Typ Arash-2, drang tief in das saudi-arabische Hoheitsgebiet ein – unentdeckt? Jedenfalls unabgeschossen. Sie empfing in Echtzeit Satellitendaten über die sich bewegende E-3, stürzte sich anschließend – vermutlich unter Einsatz eines elektrooptischen Suchkopfs zur visuellen Identifizierung und Zielaufschaltung – hinab und traf das Rotodom punktgenau „auf die Nase“. Beachtliche Leistung. Kein Spielraum für Fehler.

Brian Hook, ehemaliger US-Sonderbeauftragter für den Iran, hat die Islamische Republik mit der Behauptung verspottet, sie verwende „Attrappen“ und „Photoshop-Bilder“ von Waffen. US-General Jay Raymond verhöhnte Noor-1, den iranischen Satelliten aus Eigenentwicklung, als eine „taumelnde Webcam im Weltraum“. Heute dürfte ihm wohl kaum noch zum Lachen zumute sein.

Wiederaufbau könnte die größere Niederlage werden

Um die Wiederaufbaukosten für 16 Stützpunkte abzuschätzen, gibt es zu viele Unbekannte. Das Ausmaß der Schäden ist noch unklar. Die Gastländer und die USA haben über Jahrzehnte Milliardenbeträge investiert. Die meisten US-Ausgaben unterliegen der Geheimhaltung. Insgesamt wurden kumulativ Hunderte von Milliarden ausgegeben – eine astronomische Summe in Kaufkraft von 2026 gemessen. Können sich die USA so gewaltige Ausgaben leisten? 

Die Gastländer können angesichts ihrer jüngsten Einnahmeausfälle kaum finanziell beitragen. Ein zerstörtes Objekt veranschaulicht die Hindernisse, die dem Wiederaufbau im Wege stehen: Das Radarsystem in Umm Dahal kostete Katar im Jahr 2013 stolze 1,1 Mrd. US-Dollar. Die Kosten für einen Ersatz könnten sich auf das Doppelte belaufen. Schätzungen zufolge würde der Bau des neuen Radarsystems vom Typ AN/FPS-132 fünf bis sieben Jahre in Anspruch nehmen – vorausgesetzt, China liefert überhaupt die Seltenen Erden, die für das US-Verteidigungs-Ökosystem entscheidend sind. Genau aus diesem Grund beklagt sich US-Präsident Donald Trump nämlich laufend über die Abhängigkeit von Seltenen Erden.

Die drängendste Frage: Wünschen die Gastländer überhaupt noch eine Rückkehr der USA? Die Stützpunkte haben keine Sicherheit gebracht – ganz im Gegenteil. „Sicherheit für alle oder Sicherheit für niemanden“, so lautet das Mantra des Iran, seit der Krieg begonnen hat. Eigensicherung (Force Protection) ist ein zentraler Pfeiler der US-Militärdoktrin. Ein Wiederaufbau der Stützpunkte wäre wohl erst dann zu erwarten, wenn das US-Verteidigungsministerium Technologien entwickelt hat, um Stützpunkte und Personal wirksam vor iranischen Waffensystemen zu schützen. 

Das Verteidigungsministerium war lange Zeit der chauvinistischen Fehleinschätzung erlegen, die USA verfügten über „technologische Überlegenheit“ gegenüber ihren Gegnern. Nun wurden ausgerechnet die „besten“ US-Systeme – X-Band-Radare, THAAD und Patriot – durch die intellektuelle und technologische Überlegenheit des Iran außer Gefecht gesetzt. Eine Rückkehr der US-Stützpunkte in Westasien zum Zustand vor Kriegsbeginn ist ohne eine tiefgreifende Debatte im Kongress und im Verteidigungsministerium über die Schwachstellen der Luftverteidigung, die Anfälligkeit der Radarnetzwerke und die Gefährdung des US-Personals durch feindliche Angriffe und mögliche Opfer nicht denkbar. 

Diese Debatte beschränkt sich keineswegs auf Westasien, sie betrifft auch jene US-Stützpunkte, die ursprünglich errichtet wurden, um Russland oder China „einzudämmen“. Der Abgeordnete Ted Lieu äußerte sich genau in diesem Sinne: „Ich kann keine weiteren Mittel für das [Verteidigungsministerium] befürworten, solange es keine neue Strategie vorlegt, die auf den Lehren aus dem Krieg gegen den Iran basiert. Denn wenn wir es mit ebenbürtigen Gegnern wie China und Russland zu tun haben, stehen die USA vor erheblichen Problemen.“