Die Straße von Hormus ist nicht gesperrt, sondern wird sortiert. Der Iran hat ein dreistufiges Zugangssystem für die wichtigste Wasserstraße der Welt eingerichtet. Geografie ist das einzige militärische Gut, das sich durch Präzisionsschläge nicht zerstören lässt
Der Beitrag ist auf Englisch am 31. März 2026 erschienen auf dem X-Account des Autors: x.com/shanaka86
Von Shanaka Anslem Perera
Shanaka Anslem Perera ist Unternehmer und Gründer sowie CEO von Pet Express Sri Lanka und unabhängiger Analyst aus Colombo. Er kommentiert Geldwesen, Geopolitik, Künstliche Intelligenz und Souveränität. Seine Analysen finden sich unter substack.com/@shanakaanslemperera
Stufe eins: Verbündete Staaten erhalten kostenlosen Transit. Malaysia hat sieben Schiffe durch diplomatische Verhandlungen kostenlos durchgebracht. Indien handelte eine gebührenfreie Passage aus. Pakistan sicherte sich die Durchfahrt für 20 Schiffe. Der Irak passiert die Straße gebührenfrei. Diese Länder haben ihre geopolitische Verbundenheit bewiesen, und die Revolutionsgarden (IRGC) ließen sie gebührenfrei den Larak-Korridor passieren.
Stufe zwei: Kooperative neutrale Staaten zahlen. Mindestens zwei Tanker, vermutlich mit Verbindungen zu China, zahlten jeweils bis zu zwei Millionen US-Dollar in Yuan über Vermittler der Kunlun Bank. Containerschiffe der COSCO-Gruppe versuchten, den Korridor zu passieren, wurden beim ersten Versuch wegen unvollständiger Dokumentation zurückgewiesen und konnten Tage später mit korrigierten Unterlagen passieren.
Diese Schiffe beweisen, dass das System funktioniert. Sie übermitteln IMO-Nummern, Eigentumsnachweise, Ladungsverzeichnisse und Besatzungslisten an das Hormusgan-Kommando der Revolutionsgarden. Sie erhalten Freigabecodes. Sie werden von Lotsenbooten durch den Fünf-Seemeilen-Kanal zwischen Qeshm und Larak eskortiert. Sie bezahlen in einer Währung, die nicht über SWIFT abgewickelt wird. Jeder erfolgreiche Yuan-Transit ist ein Echtzeitmachbarkeitsnachweis für die Abwicklung von Energiezahlungen ohne Dollar.
Stufe drei: Gegner werden vollständig ausgeschlossen. Der Plan des Komitees verbietet amerikanischen, israelischen und allen anderen Ländern, die an den Sanktionen gegen den Iran beteiligt sind, die Durchfahrt. Diese Schiffe werden weder überprüft noch erhalten sie Codes oder Eskorten. Sie werden mit der AL SALMI konfrontiert, die vor Dubai in Flammen aufging, um zu veranschaulichen, wie die Passage ohne Genehmigung aussieht.
Doch die Mautgebühren sind nicht die eigentlichen Kosten. Die Kriegsrisikoversicherung ist es. Die Prämien sind von 40.000 US-Dollar pro VLCC-Transit vor dem Krieg auf 600.000 bis 1,2 Millionen US-Dollar heute gestiegen – eine 30-fache Steigerung. Sie betragen nun fünf bis zehn Prozent des Schiffswerts. Ein VLCC (Very Large Crude Carrier, ein sehr großer Öltanker) mit Rohöl im Wert von 50 Millionen Dollar kann mit Maut und Versicherung in Höhe von insgesamt drei Millionen Dollar als Anteil des Ladungswerts rechnen.
Ein Containerschiff mit Fertigwaren im Wert von fünf Millionen Dollar kann so nicht rechnen. Allein die Versicherungsprämie übersteigt die Gewinnspanne bei Nicht-Öl-Ladung. Die Straße von Hormus hat sich zu einer exklusiven Ölroute entwickelt. Rohöl fließt selektiv nur für diejenigen, die die Gesamtkosten bezahlen können. Alle anderen Schiffe warten, nehmen das Kap der Guten Hoffnung oder bleiben stehen.
Und die US-Marine befindet sich nicht in der Straße von Hormus. Die Abraham-Lincoln-Kampfgruppe operiert aus sicherer Entfernung im Arabischen Meer. Drei LCS (Littoral Combat Ships, Kampfschiffe für den Einsatz in Küstengewässern) liegen im Persischen Golf. Marineexpeditionseinheiten sind für den Notfall in Stellung. Doch seit Kriegsbeginn hat kein einziges amerikanisches Kriegsschiff die Straße von Hormus durchquert oder Handelsschiffe eskortiert.
Die Marine hat der Schifffahrtsindustrie mitgeteilt, dass sie keine Schiffe für Eskorten in der Straße von Hormus zur Verfügung habe. Die mächtigste Flotte der Welt hält respektvollen Abstand zu einer Wasserstraße, die von einem Land kontrolliert wird, dessen Marine zu 92 Prozent zerstört ist. Grund dafür sind die verbliebenen Minen, Drohnen und Küstenraketen, die eine Präsenz in unmittelbarer Nähe zu einem unvertretbar hohen Risiko machen.
Das Ergebnis ist ein geopolitischer Sortier-Algorithmus, der auf molekularer Ebene operiert. Im gesamten März haben 181 Schiffe die Meerenge passiert. Vor dem Krieg lag der Verkehr bei 138 Schiffen pro Tag. Von jenen 181 Schiffen waren etwa 70 Prozent mit dem Iran verbunden. Die restlichen 30 Prozent waren geprüfte Verbündete oder neutrale Staaten, die in Yuan zahlten. Die 20 Prozent des weltweiten Öls, die einst ungehindert durch diese Meerenge flossen, werden nun selektiv, unter Auflagen und in von Teheran gewählten Währungen transportiert.
Der Iran verlor seine Luftwaffe. Er verlor seine Marine. Er verlor zwei Drittel seiner Produktionskapazität. Er behielt das einzige, was zählt: 39 Kilometer Küstenlinie zu beiden Seiten der engsten Stelle. Die US-Marine wird nicht einlaufen. Chinesische Tanker hingegen schon. Und der Sortier-Algorithmus verarbeitet ein weiteres Schiff, kassiert eine weitere Yuan-Zahlung und beweist einmal mehr, dass die Geografie das einzige militärische Gut ist, das sich durch Präzisionsschläge nicht zerstören lässt.
Die Meerenge ist nicht geschlossen. Sie steht unter neuer Verwaltung.
Titelbild: Shanaka Anslem Perera