Der Irankrieg stellt zentrale Grundsätze der US-Militärstrategie in Frage, vor allem im Hinblick auf einen Konflikt mit China. Die USA haben bereits mit einem schwächeren Gegner große Schwierigkeiten. Auf einen Krieg gegen eine Großmacht sind sie nicht vorbereitet. Vor allem der Nutzen vorgeschobener Stützpunkte ist fraglich. In der multipolaren Welt wird der Zugang zu militärischer Macht demokratisiert, schmilzt der Vorsprung der USA. Daran müssen die USA ihre Ziele strategisch anpassen

Der Beitrag ist auf Englisch am 29. April 2026 erschienen auf der Seite des Quincy Institute for Responsible Statecraft responsiblestatecraft.org

Von Jennifer Kavanagh

Jennifer Kavanagh ist Senior Fellow und Leiterin der Militäranalyse bei Defense Priorities, einem Think Tank mit Sitz in Washington D.C. Zuvor war sie Senior Fellow bei Carnegie Endowment for International Peace und leitende Politikwissenschaftlerin bei der RAND Corporation. Sie doziert an der Georgetown University

Heutzutage spricht in Washington jeder über die Raketenbestände der USA. Dieses zuvor eher randständige Thema hat es auf die Titelseiten der großen Zeitungen geschafft und wird täglich in Fernseh- und Radiosendungen diskutiert. Und das aus gutem Grund: Nachdem der Krieg im Iran die US-Raketenreserven – einschließlich höchstentwickelter Luftverteidigungs- und Offensivwaffen – stark dezimiert hat, stellt sich die Frage: Kann das US-Militär auch nur das Notwendige leisten, um die Interessen der USA zu verteidigen – vor allem kurzfristig?

Die Nachrichten werden jedoch noch weitaus schlechter. Die ersten 40 Tage des Konflikts mit dem Iran haben nicht nur den Mangel an teurer und hochpräziser US-Munition verschärft. Sie haben auch gezeigt, dass die USA nicht auf einen Krieg gegen eine Großmacht vorbereitet sind. Auch wenn es dem US-Militär gelungen ist, im Iran einzelne taktische Erfolge zu erzielen, haben der Konflikt und sein Ausgang zentrale Grundsätze der US-Militärstrategie untergraben und Zweifel an der Tragfähigkeit der Alternativplanungen aufkommen lassen. Vor allem im Hinblick auf einen künftigen Krieg in Ostasien.

In Zukunft werden die USA ihre Verpflichtungen neu justieren müssen, um sie besser an die Realitäten der modernen Kriegsführung und die wachsenden Grenzen der US-Militärmacht anzupassen. Ein Krieg gegen den Iran und ein Krieg in Ostasien (etwa um Taiwan) würden in vielerlei Hinsicht anders verlaufen. Jener ist offensiver Natur, dieser höchstwahrscheinlich defensiver. Dennoch gibt es bemerkenswerte Gemeinsamkeiten. 

Erstens würden sich die USA – wie in Westasien – auch in Ostasien stark auf vorgeschobene Stützpunkte in der gesamten Region stützen, um dort Flugzeuge zu starten und logistische sowie unterstützende Kapazitäten unterzubringen. Sie wären auf bodengestützte Luftverteidigungssysteme und ein Netzwerk aus Radaranlagen und Sensoren angewiesen, um diese Stützpunkte zu schützen und die Zielerfassung für US-Raketen zu steuern.

Zweitens würde das US-Militär – sowohl in Ostasien als auch im Iran – Kampfflugzeuge, Bomber und Kriegsschiffe einsetzen, die mit Abstandswaffen ausgerüstet sind, um diese neben bodengestützten Raketen auf feindliche Luftverteidigungssysteme, Radaranlagen und Raketenwerfer zu feuern. Es würde außerdem feindliche Flugzeuge und Marineschiffe ins Visier nehmen – einschließlich solcher, die eine amphibische Invasion unterstützen oder eine Blockade errichten.

Drittens planen die USA im Falle eines Krieges um Taiwan den Einsatz von Drohnen, um eine Hölle für die chinesischen Streitkräfte zu errichten und sie so an einem Vorstoß zu Land, zu Wasser oder in der Luft zu hindern. Auch im Krieg gegen den Iran spielten Drohnen eine herausragende Rolle, das US-Militär brachte dort neue Systeme erstmals zum Einsatz.

Obwohl der Irankrieg gegen einen schwächeren Gegner geführt wird, stellt er diese Säulen der US-Militärstrategie für künftige Kriege gegen Großmächte infrage – sei es gegen China oder andere. Noch wichtiger, er lässt ernste Zweifel an der Nützlichkeit und Überlebensfähigkeit der vorgeschobenen US-Stützpunkte in einem Großkonflikt aufkommen. Nachdem die USA am 28. Februar den Iran angegriffen hatten, erwiesen sich die Stützpunkte in der Region nicht als Stärke, sondern als Schwachstellen und leichte Angriffsziele. Bereits in den ersten Kriegstagen waren sie schweren Angriffen durch Drohnen, Raketen und – Berichten zufolge – sogar Kampfflugzeuge ausgesetzt.

Die Schäden, die US-Stützpunkte in Westasien erlitten, sind erschütternd. Infrastruktur, Luftverteidigungssysteme sowie bodengestützte Sensoren und Radaranlagen wurden zerstört. Teure US-Flugzeuge wurden beschädigt, darunter Tankflugzeuge und AWACS-Frühwarnjets. Tatsächlich erwiesen sich die Stützpunkte in Westasien als derart anfällig für feindliche Angriffe, dass das US-Militärpersonal nicht mehr von dort aus operieren konnte, sondern von nahegelegenen Ausweichstandorten und Hotels aus. Wenn die Stützpunkte in Westasien nicht verteidigungsfähig sind, kann das Pentagon nicht davon ausgehen, dass die Stützpunkte im Pazifik es sind. Besonders in den entscheidenden ersten Tagen eines möglichen Kriegs könnten viele, wenn nicht die meisten dieser Stützpunkte weitgehend unbrauchbar sein.

Ein weiteres Schlüsselresultat in Westasien sollte bei der Pentagon-Führung die Alarmglocken läuten lassen. Der Iran verfügt über die Fähigkeit, jene Sensoren und Radaranlagen zu beschädigen und in ihrer Leistungsfähigkeit zu beeinträchtigen, die das regionale US-Luftverteidigungsnetz stützen. Dieser militärische Erfolg für den Iran ließ die US-Stützpunkte schutzlos zurück. Die USA verließen sich lange Zeit auf bodengestützte Luftverteidigungssysteme, um US-Personal, Infrastruktur und militärisches Gerät vor feindlichen Raketen zu schützen. Dass der Iran dazu in der Lage war, diese Systeme außer Gefecht zu setzen, legt den Schluss nahe: 

Dieser Ansatz zum Schutz der eigenen Streitkräfte in einer Welt massierter Präzisionswirkung, in der selbst schwächere Gegner über hochentwickelte Zielerfassungskapazitäten verfügen, ist völlig unzureichend. Wenn das bodengestützte US-Luftverteidigungsnetz einem Angriff des Iran nicht standhalten konnte, ist es für einen Krieg gegen China sicherlich ungeeignet.

Die Erfahrungen der USA im Konflikt mit dem Iran werfen darüber hinaus Fragen hinsichtlich der US-Pläne auf, sich im Falle einer militärischen Auseinandersetzung im Indopazifik primär auf Abstandswaffen zu stützen, um chinesische Schiffe und militärische Ziele anzugreifen. Auch wenn diese Strategie als Reaktion auf Chinas Fähigkeiten zur Zugangsverweigerung/Gebietsverweigerung (A2/AD) entwickelt wurde, die ein Operieren in unmittelbarer Küstennähe des Festlandes unmöglich machen, zeigt bereits der Konflikt mit dem Iran auf, wie begrenzt die Erfolgsaussichten bei Angriffen aus sicherer Distanz (Stand-off-Ansatz) sind.

Das US-Militär konnte zwar einen Großteil der iranischen Luftverteidigung zerstören, Berichten zufolge aber nur die Hälfte der iranischen Raketen und Raketenstartsysteme sowie einen noch geringeren Anteil der iranischen Drohnenproduktions-Kapazitäten. Obwohl Irans Feuerrate nach den ersten Kriegstagen massiv einbrach, gelang es den USA nie, den Iran am Abfeuern von Raketen oder Drohnen auf Ziele der USA oder der Golfstaaten zu hindern. Bei einer Kampagne zur Ausschaltung der chinesischen Raketen- und Drohnenkapazitäten dürften die US-Streitkräfte weitaus schlechter abschneiden, zieht man die fortschrittlichere Luftverteidigung und das umfangreichere Raketenarsenal Chinas in Betracht.

In einem so umkämpften Umfeld liegen selbst für die USA solche Ziele wie Luftüberlegenheit und Seeraumkontrolle weitgehend außer Reichweite. Zwar gelang es dem US-Militär im Iran letztlich, eine gewisse Luftüberlegenheit zu erlangen, es konnte aber keineswegs die Gefahr für US-Flugzeuge beseitigen. Die Einschränkungen für die US-Seestreitkräfte waren sogar noch gravierender. US-Kriegsschiffe waren nicht nur dazu gezwungen, aufgrund der Bedrohung durch Raketen und Drohnen in sicherem Abstand zur iranischen Küste zu operieren. Auch die Fähigkeit der US-Marine, die Gewässer vor der Küste zu kontrollieren, war stark eingeschränkt. Die US-Blockade ließ mindestens ebenso viele iranische Schiffe passieren, wie sie umleitete.

In einem Krieg in Ostasien stünden US-Kriegsschiffe vor noch größeren Herausforderungen. Im schlimmsten Fall könnten Flugzeugträger und Zerstörer dazu gezwungen sein, jenseits der zweiten Inselkette zu operieren. Das würde ihren strategischen Wert zur Verteidigung Taiwans oder zur Blockade chinesischer Häfen erheblich schmälern. Bleibt das Thema der Drohnen. Hier besaß der Iran einen klaren Vorteil, in der Luft und unter Wasser. Die USA sind im Bereich der Drohnentechnologie weit davon entfernt, wettbewerbsfähig zu sein. Ganz zu schweigen von der Fähigkeit, einem weltweit führenden Akteur auf dem Gebiet der Drohnen wie China ein Höllenszenario zu bereiten.

Fazit

Der Krieg gegen den Iran hat die Schwachstellen und Mängel der US-Militärstrategie schonungslos offengelegt – im Allgemeinen und im besonderen Hinblick auf Konfliktszenarien in Ostasien. Jahrzehntelang gingen die USA davon aus, dass ihre vorgeschobenen Stützpunkte verteidigungsfähig seien und ihre Mittel zur Machtprojektion – wie Bomber, Flugzeugträger und Kampfflugzeuge – militärische Auseinandersetzungen selbst in großer Entfernung zur Heimat entscheiden könnten. Sie gingen davon aus, die Luftüberlegenheit und Seeraumkontrolle erringen und ihre eigenen Kräfte am Boden schützen zu können – selbst in unmittelbarer Nähe zum feindlichen Territorium.

Sollten diese Annahmen jemals der Realität entsprochen haben, so tun sie dies heute definitiv nicht mehr. Geld und Zeit können Munitionsengpässe mittelfristig beheben, vermögen aber jene schwerwiegenderen und in vielerlei Hinsicht unlösbaren strategischen Defizite nicht zu beseitigen. In einer zunehmend multipolaren Welt wird der Zugang zu militärischer Macht demokratisiert. Die USA verfügen über einen geringeren Vorsprung als in der Vergangenheit. Sie werden weniger Möglichkeiten haben, Ziele mit militärischer Gewalt zu erreichen. Ihre strategischen Ziele und Ambitionen müssen sie daran anpassen.

Titelbild: Petr Ganaj / Unsplash