Das Buch Ordnungsstaat – Eine Vergegenwärtigung des deutschen Sonderwegs ist am 20. Mai 2026 bei Manuscriptum erschienen. Der vorliegende Text ist ein Auszug aus der Einleitung zu Teil V – Ausblick ins Digitale
Ordnung war in Europa die Disposition der drei Funktionen Magie, Gewalt und Fruchtbarkeit von oben nach unten. Sieg und Eroberung führten zur Anordnung der Stände, Herrschaft und Knechtschaft stabilisierten die Anordnung durch Ausübung von Gewalt und Ausbeutung von Arbeit. Der europäischen Sozialontologie ging eine Handlung voraus wie die Schöpfung und die Menschwerdung in der Theologie der Relation der Hypostasen vorausging. Die erstmalige Anordnung des Eroberers wurde fortgeschöpft in den Anordnungen der Disponenten in der Geschichte.
Die bürgerliche Revolution stürzte die Herrschaft um und setzte die Knechte frei. Statt mit Personen rechnete sie mit Köpfen. Statt mit Herrschaft disponierte sie mit Arbeit. Ihre Konsequenz war die Kommunisierung der Fruchtbarkeitsfunktion. Die Reaktion auf diese Revolution bewirkte, daß sich die Anordnung in einer Dialektik von Revolution und Gegenrevolution umformierte. Die Restaurateure um Gentz und Metternich wollten die Pyramide der Ordnung wiederherstellen, die begnadete Spitze der ersten Funktion aber verhüllen. Die preußischen Reformer hoben den dritten Stand auf die Höhe des zweiten und verleibten die erste Funktion als Bildung dem dritten Stand ein.
Da wuchs ein vierter Stand aus dem dritten heraus. Die reformatorisch gebannte Revolution des Bürgertums wurde durch die sozialistische Revolution des Proletariats überboten. Zwar führte das Bürgertum auch diese Revolution an, es bestimmte seine Funktion darin aber nicht als dritten Stand der Arbeit und Dienstleistung, sondern als ersten Priesterstand in einem Kommunismus der Arbeiter. Im Deutschen Reich waren zweiter, dritter und vierter Stand frei kombinierbar. Zwei plus drei ergab den ständischen Kompromiss des Nationalliberalismus, zwei plus vier den Arbeiterkaiser oder den Kathedersozialismus, drei plus vier den Sozialimperialismus der industriellen Flottenpropaganda.
Der Erste Weltkrieg fegte den zweiten Stand mit dem Monarchen an der Spitze hinweg. Im Krieg schon bemächtigte sich die kriegerische Funktion der Wirtschaft und umgekehrt. Die bürgerliche Kriegsgesellschaft, die die Germanomanen während der Napoleonischen Kriege entworfen hatten, verwirklichte sich im totalen Staat. Mit dem autoritären Staat versuchten reaktionäre Kreise den Totalitarismus abzuwehren, indem sie die autoritäre Herrschaft von der fruchtbaren Gesellschaft trennten. Nachdem der totale Staat sich im Zeichen des vierten Standes durchgesetzt hatte, keimte aus der bäuerlich-ländlichen Abteilung der dritten Funktion der Anspruch auf neue Überordnung. Die Gewaltaufladung des Bauerntums endete katastrophisch im Ostfeldzug.
Nach dem Zweiten Weltkrieg geschah die Kommunisierung durch die dritte Funktion in BRD und DDR unterschiedlich. Die BRD gab Stahl für Gold und wiegte ihre Bürger im Konsum sozialer Marktwirtschaft, während sie den Weg nach Westen beschritt. Die DDR überwand mental eher den Ostfeldzug als den deutschen Sonderweg und scheiterte mit ihrem Wohlstandsversprechen am Primat der Gewalt, das mit der Einparteienherrschaft und der Vorherrschaft der Sowjetunion gegeben war. Die Entspanner suchten Wandel durch Annäherung, um die Spaltung Deutschlands in einer europäischen Friedensordnung zu überwinden. Damit schlossen sie an Überlegungen an, die Deutschland im Imperialismus über es hinausdachten, in einen mitteleuropäischen Großraum.
Die »Wiedervereinigung« beantwortete nicht die deutsche Frage. Der östliche Zwilling wurde dem westlichen einfach einverleibt. Mit der Vorstellung, die Geschichte sei zu Ende, war das Problem scheinbar gelöst, der deutsche Sonderweg geschlossen. Der westliche Weg ins Ende der Geschichte schien nur noch darin zu bestehen, statt der Einheit der Nation die Unterschiedlichkeit der Menschheit politisch abzubilden und dann durch Antidiskriminierung gleichzumachen. Da schoß in China die Differenz zwischen Parteienstaat und Bürgern, in Russland zwischen Gewaltstrukturen und Bürgern zur welthistorischen Systemdifferenz auf. Dem weltbürgerlichen Westen mit seinem Anspruch auf Unipolarität erwuchs ein weltaristokratischer Osten mit Anspruch auf Multipolarität. Der Pyramide, die sich kommunisierend nach unten schob, wuchs eine Pyramide mit Ordnungssignatur nach oben entgegen.
Mit der weltpolitischen Konfrontation kam von allein der deutsche Sonderweg wieder auf. Wenn in Asien und Eurasien zwei Mächte sich gegen die einmalig starke einzige Weltmacht behaupten konnten, indem sie Gewalt über Fruchtbarkeit stellten, war der deutsche Weg dann wirklich falsch gewesen? Oder war Deutschland nur auf Abwegen gestolpert? Zu allem Überfluss drängte sich die Frage gerade auf, als auf dem Weg nach Westen zuerst – in der Eurokrise – das Versprechen von Wohlstand, dann – mit der Grenzöffnung – das Versprechen von Sicherheit gebrochen wurde. Die dritte große Krise, die mit dem Virus namens Sars-CoV-2 verbunden ist, machte Gewissheiten der vergangenen Jahrzehnte fraglich und lud zur Revision der Geschichte ein.
Der Ordnungsstaat ist der Staat, der zu gegebener Zeit unter gegebenen Bedingungen die Anordnung der Funktionen möglichst gut – man könnte auch sagen: gerecht oder friedlich – vornimmt. Im Nachhinein läßt sich leicht sagen, eine Anordnung sei unmöglich gewesen. Für den gegenwärtig Handelnden ist die Frage nach der Möglichkeit zugleich eine Frage der Erkenntnis, der Erfahrung und des Erfolgs. Eine weitere Schwierigkeit ergibt sich dadurch, daß Ontologie und Ontik im Sozialen auseinanderdriften und deshalb schwer zu fassen sind. Eine Revolution kann kurzfristig als erhebliche Störung, langfristig aber als stabilisierende Umformierung der Ordnung erscheinen. Überlagert werden die Dispositive der Sozialfunktionen in ihrem Funktions- und Formationswandel von den Vektoren der Geopolitik, an denen sie gleichsam aufgehängt sind.
Die Relation der Stände als Persönlichkeiten entfaltet sich nur im Daumenkino der Geschichte, so daß die vollständige Bewegung am Ende als das Bleibende erscheint. Die letzten Blätter der Bewegung sind am schwersten wahrzunehmen. Sie rollen nicht so fließend ab, der Daumen muß nachhelfen, anstatt die Blätter, seinen Widerstand lockernd, nur zu entlassen. Die neuesten zehn, 15 Jahre sind mir als Erzähler dieser mittelgroßen Geschichte noch nicht als Geschichte zugänglich, sie sind mir entschwindende Gegenwart. Um die Abrisskante dieses Buchs zur Zukunft zu öffnen, überblende ich die Geschehnisse seither mit dem deutschen Sonderweg, den wir als Geschichte des deutschen Ordnungsstaats bislang geborgen haben.