Von Dimitrios Kisoudis
Wenn sich morgen US-Präsident Trump und Chinas Staatspräsident Xi treffen, begegnen sich zwei Weltentwürfe. Xi Jinping steht für den Chinesischen Traum, der die Zivilisationen zum 100-jährigen Geburtstag der Volksrepublik 2049 unter einen Himmel führen soll. Donald Trump verkörpert die auserwählte Verbindung von Kapital und Warlordschaft, die das System der USA in seiner Doppelgestalt von Fiat Money und Petrodollar ausmacht.
Die beiden Entwürfe sind mit Eigenschaftswörtern wie „kommunistisch“ oder „kapitalistisch“ nicht zu fassen. Sie mit „östlich“ und „westlich“ zu fassen, verspricht höhere Treffsicherheit, weil die geopolitische Polarität kaum abzustreiten ist. Die Differenz lässt sich links oder rechts kodieren, und zwar von Westen und Osten her. So überlagert die west-östliche Differenz die Differenzen zwischen links und rechts auch in Europa.
Der Westen hat sich in den vergangenen zehn Jahren große Mühe gegeben, eine östlich kodierte Rechte westlich umzukodieren. Dazu hat er Netzwerke gesponnen, Gurus wie Steve Bannon oder Yoram Hazony aufgebaut und ein Narrativ jüdisch-christlicher Kontinuität verbreitet. Durch Kooptation von Remigration und verwandten ethnonationalen Weißseins-Ideologemen hat der Westen die politische Rechte einstweilen nicht ganz, aber doch mehrheitlich auf seine Linie gebracht.
Das Ergebnis: Die politische Theorie oder Ideologie der Multipolarität ist momentan stärker links kodiert, als es ihrer Herkunft eigentlich entspricht. Ein Vorlauf zur Multipolarität fand im deutschen Imperialismus statt. Er beginnt schon 1841 bei Friedrich Lists Idee eines Mitteleuropa als Kern zu einer kontinentaleuropäischen Allianz, die sich dem angelsächsischen Weltherrschaftsanspruch entgegenstellen soll. Und er endet mit Deutschlands Niederlage im Ersten Weltkrieg, wo jenes Mitteleuropa als Kriegsziel benannt und verfolgt worden ist.
Der Imperialismus war multipolar, sofern er in übernationalen Großräumen – und die Ordnung dieser Großräume als Weltordnung – dachte. Der Antiimperialismus eignet sich zur Multipolarität, sofern er die globale Einheitlichkeit des Kapitals abstreitet. Wo das Kapital unterschiedliche Interessen verfolgt, gibt es eigenes und fremdes, besseres und schlechteres Kapital. So ist der Antiimperialismus verkappter Imperialismus wie der Antimachiavellismus verkappter Machiavellismus. Wie am Beispiel der Sowjetunion ja zu sehen war.
Das Ungleichgewicht im heutigen Multipolaritäts-Diskurs macht sich in Hemmnissen politischer Erkenntnisfähigkeit bemerkbar. Erstens in der Ausblendung von Gewalt: Eine Ordnung der Großräume ist nur denkbar, wenn der regionale Hegemon ein ius ad bellum geltend machen kann. Multipolarität ist kein UN-Revival. Zweitens in einer Verzerrung historischer Linien: Nein, Multipolarität ist keine Wiederbelebung der Anti-Hitler-Koalition – und Netanjahu kein Wiedergänger Hitlers. Drittens im Denken in Klassen statt Ethnien. Geografische Vertikalen und Abhängigkeiten werden auch bestehen bleiben, wenn Regionalmächte souveräne Zivilisationsstaaten bilden.
Multipolarität ist nicht die pazifistische Kuschelwelt, als die sie von der Linken häufig gezeichnet wird. Die globalen Umbrüche bringen Streit um Korridore und Ressourcen. In Folge dieser Konflikte werden Reiche reicher und weniger Reiche ärmer. Bis sich Großmächte auf eine Ordnung verständigt haben, mit der sie leben können, wird viel Porzellan zerschlagen werden. Chinesisches Porzellan und Taco-Teller aus Buffalo China. Und unser Schwanenservice sowieso.
Auf dem Weg zu dieser Ordnung kommen Wahrheiten auf den Tisch, die zunächst hässlich aussehen. Multipolarität ist eine Komplettrevision. Dieser mühselig-minutiöse Vorgang soll zu einem Ziel führen, das links und rechts denselben Namen trägt: Gerechtigkeit.