Multipolarität kann gefährlich sein. Sie beendet das eine Ende der Geschichte und setzt viele Enden der Geschichte frei. Das eine Ende der Geschichte in der liberalen Demokratie war unipolar. Ein einziges System und eine einzige Weltzivilisation dulden keine zwei oder drei oder viele Pole. 

Das Theorem vom Ende der Geschichte stammt – in seiner Fassung nach dem Kalten Krieg – bekanntlich von Francis Fukuyama. Übernommen hat es Fukuyama von Alexandre Kojève, dem Hegel-Interpreten und Berater von Frankreichs Regierung in Europasachen. Weltgeschichte schrumpft bei Kojève zur Allegorie von Herr und Knecht.

Der Knecht arbeitet. Der Herr begehrt das Produkt der Arbeit, durch die Anerkennung im Knecht wird er zum Herrn. Der Knecht aber wird zum Arbeiter. Die Geschichte kommt in Gang und endet, wenn sich alle Menschen anerkannt haben. Dann entfällt der Antrieb zur Revolution. Fukuyama dachte, mit dem Klassenkampf sei die letzte Differenz entfallen.

Es blieb aber eine Differenz, wie Fukuyama schon ahnte: die Nichtanerkennung letzter Bürgerrechte in der Volksrepublik China. Sie war mächtiger als die Systemdifferenz des Kommunismus oder des sunnitischen Fundamentalismus. Sie missionierte nicht, aber strahlte aus. Aus ihr erwuchs der westlichen Liberaldemokratie eine neue Differenz, die sich zur Multipolarität auswachsen sollte.

Mit der Multipolarität kehren Eigenarten untergegangener Adelsregime zurück. In den Zivilisationsstaaten der multipolaren Welt fällt die Regierung nicht mit dem Bürgertum und seiner wirtschaftlichen Funktion zusammen. Es gibt dort Stände wie Geistliche oder Militärs, die sich funktional vom Bürger unterscheiden. Und anders als im regelbasierten Völkerrecht wird Gewalt wieder zum ordnenden Prinzip – ob man nun mag oder nicht.

Der Plot-Twist der Multipolarität: Die einzige Weltmacht der Unipolarität wendet sich selbst multipolaren Vorgehensweisen zu. Und die Erde bebt. US-Präsident Donald Trump ruft seine Donroe-Doktrin aus und erklärt die Westliche Hemisphäre zur Sphäre der USA. Seinen Kriege erklärt er nicht mehr, wie in regelbasierter Unipolarität üblich, als letzten Krieg für die Menschenrechte. Er bricht ihn einfach vom Zaun.

Es geht auch nicht mehr darum, die liberale Demokratie als westlichen Weg auf der ganzen Welt zu verwirklichen. Es geht nun darum, der Geschichte das eigene Ende gemäß der reformierten bis evangelikalen Erzählung aufzudrängen. Bis kurz vor Schluss der Erzählung weiß man sich mit Israel einig. Nun könnte man könnte einwenden, diese religiöse Geschichte habe der Mission für die Demokratie immer zugrunde gelegen. Die endzeitliche Erzählung unterscheidet sich aber qualitativ von ihrer säkularisierten Variante.

Die USA haben sich auf gewisse Spielregeln der Multipolarität eingelassen: Großraum, ius ad bellum statt Kriegsächtung, Heilsgeschehen statt Geschichtsphilosophie. Indem sie ihre früheren Ziele schärfer verfolgen, brutalisieren die USA das Spiel. Die Enden der Geschichte sind freigesetzt. Die einen glauben an die Errichtung des Dritten Tempels, die anderen an die Wiederkehr von Mahdi und/oder Jesus.

In Westasien stoßen Heilserzählungen zusammen und führen dabei Weltmächte im Schlepptau. Je explosiver das Geschehen, desto stärker das Gefühl, in einer Endzeit zu leben. Die Multipolarität soll die Welt als Ordnung aber mindestens einige Jahrzehnte lang tragen. Dazu muss das Ende ausbleiben und müssen die Zivilisationen miteinander bestehen. Sofern sie dazu überhaupt bereit sind.

Wer die Welt ordnen will, der muss die Enden der Geschichte ergreifen und zusammenbinden. Das kann nur der, dessen Geschichtserzählung kein katastrophisches Ende vorsieht. Jemand, der am Spielfeldrand steht. Wer könnte das sein?