Russland und Indien stützen sich gegenseitig mit Balanceakten wie dem Militärlogistik-Abkommen RELOS. So zeigen sie: Weder wird Russland ein Vasall Chinas noch Indien ein Vasall der USA. Die strategische Partnerschaft zwischen Russland und Indien verringert die Wahrscheinlichkeit einer bi-multipolaren Weltordnung

Der Beitrag erschien am 27. April 2026 auf Englisch auf korybko.substack.com

Von Andrew Korybko

Andrew Korybko ist ein amerikanischer Politologe, der sich auf den globalen Systemwandel zur Multipolarität spezialisiert hat. Er lebt in Moskau

Russlands offizielles Rechtsinformationsportal hat kürzlich die Einzelheiten des im vergangenen Jahr mit Indien geschlossenen Militärlogistik-Abkommens veröffentlicht. Das Abkommen regelt den „Gegenseitigen Austausch logistischer Unterstützung“ (RELOS). RT-Autor und Air Marshal a. D. Anil Chopra hat hierzu eine detaillierte Analyse verfasst. Er weist darauf hin, dass das Abkommen „die gleichzeitige Stationierung von bis zu 3.000 Soldaten, fünf Kriegsschiffen und zehn Flugzeugen auf dem jeweiligen Hoheitsgebiet des anderen Partners ermöglicht“. 

Doch das Abkommen umfasst noch weit mehr, wie die vorliegende Analyse darlegen wird. Hier sind die fünf Botschaften, die RELOS an die Welt sendet:

1. Russland und Indien bleiben füreinander „besondere und privilegierte strategische Partner“


Pepe Escobar hat Mitte März fälschlicherweise behauptet, Indien habe Russland „verraten“. Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein, nachdem RELOS Russlands dauerhafte Militärpräsenz in der Region des Indischen Ozeans wiederherstellt, wie sie zuletzt im Kalten Krieg bestand. Ebenso erhält Indien, sofern es dies wünscht, eine dauerhafte Militärpräsenz ohne Beispiel im russischen Fernen Osten und in der Arktis. Dies symbolisiert die Stärke der strategischen Partnerschaft. Spekulationen über eine Zerrüttung der Beziehungen zwischen den beiden Ländern sind daher nichts als Fake News.

2. Russland beugt einer unverhältnismäßigen Abhängigkeit von China proaktiv vor


Darauf aufbauend, ist Indiens militärische Präsenz im russischen Fernen Osten für Delhi eine Frage des Prestiges gegenüber Peking. Auch wenn keinerlei Aussicht darauf besteht, dass Moskau offensive Operationen von seinem Hoheitsgebiet aus genehmigen würde: Die Botschaft an China und den Rest der Welt ist eindeutig: Russland beugt einer unverhältnismäßigen Abhängigkeit von China proaktiv vor. Wäre Russland ein Vasall Chinas – oder auf dem besten Wege dorthin, wie manche behaupten –, so würde es Indien niemals gestatten, seine Streitkräfte in unmittelbarer Nähe der chinesischen Grenze zu stationieren. 

3. Massive Investitionen aus Japan, Südkorea und Taiwan könnten folgen


Die derzeit zwischen Russland und den USA verhandelte „Neue Entspannungspolitik“ könnte nach Beendigung der Feindseligkeiten in der Ukraine schrittweise Sanktionserleichterungen vorsehen. Die Folge könnten massive Investitionen aus Japan, Südkorea und Taiwan in den rohstoffreichen russischen Fernen Osten sein – eine Region, von der Moskau gerade erst signalisiert hat, dass sie kein chinesisches Lehen sei, wie von manchen behauptet. Da nun zweifelsfrei feststeht, dass Russland weder ein chinesischer Vasall ist (noch auf dem Weg dorthin), könnten sich diese Länder eher dazu ermutigt fühlen, dort in großem Stil zu investieren und Russlands „Schwenk nach Asien“ zu beschleunigen.

4. Russland wird China nicht die Vorherrschaft in der Arktis überlassen


CNN und andere haben lange Zeit Panik geschürt und behauptet, Russland würde China die Vorherrschaft in der Arktis überlassen, sobald es dessen Vasall ist. Daraus leitete man die dringende Notwendigkeit ab, die Region seitens der NATO zu militarisieren. Dies ist jedoch nie ein glaubwürdiges Szenario gewesen. Nun kann es endgültig als widerlegt gelten, da das „RELOS“-Abkommen dem westlich orientierten Indien die Möglichkeit eröffnet, in der Arktis eine militärische Präsenz aufzubauen, sofern es will. Indien könnte diesen Schritt durchaus vollziehen – nicht nur aus Prestigegründen (auch im Hinblick auf China), sondern auch, um sich als verantwortungsbewusster Akteur entlang der Nordseeroute zu profilieren.

5. Indien ist nun Russlands privilegierter Energiepartner in der Arktis


Ein bedeutendes chinesisches Unternehmen zog sich im Sommer 2024 unter dem Druck westlicher Sanktionen aus Russlands Großprojekt „Arctic LNG 2“ zurück. Dies enttäuschte einige Kreise in Russland zutiefst, da man erwartet hatte, die Volksrepublik würde angesichts dieser Drohungen mehr Rückgrat zeigen. Da Indien nun seinerseits im Begriff steht, eine militärische Präsenz in der Arktis zu etablieren – und damit seine besondere und privilegierte Partnerschaft auf diese Region ausweitet –, wird erwartet, dass dem Land nach Aufhebung der Sanktionen bei Investitionen in diesem Gebiet der Vorrang vor anderen eingeräumt wird.

Fazit

Diese fünf Punkte zeigen in ihrer Gesamtheit: Weder besteht für Russland die Gefahr, zu einem chinesischen Vasallen zu werden, noch besteht für Indien die Gefahr, in die Vasallenschaft der USA zu geraten. Im Gegenteil: Beide Nationen stützen sich erneut gegenseitig, um solche Szenarien präventiv abzuwenden – und zwar durch sich ergänzende „Balanceakte“, wie zum Beispiel das RELOS-Abkommen. Dieses Militärlogistik-Abkommen beschleunigt multipolare Prozesse und verringert die Wahrscheinlichkeit einer künftigen „bi-multipolaren“ Weltordnung unter chinesisch-amerikanischer Dominanz.