Die angloamerikanische Achse von Vereinigten Staaten und Vereinigtem Königreich globalisiert die NATO. Ein Beispiel dafür ist der Wikingerblock, den Norwegen anführen soll, um Russland einzudämmen. Die regionalen Militärblöcke reichen weit bis nach Eurasien. Und das NATO-Duopol will dieses Modell in weiteren Teilen Eurasiens kopieren
Der Beitrag ist auf Englisch erschienen am 20. Mai 2026 bei korybko.substack.com
Von Andrew Korybko
Andrew Korybko ist ein amerikanischer Politologe, der sich auf den globalen Systemwandel zur Multipolarität spezialisiert hat. Er lebt in Moskau
Norwegen soll einen Wikingerblock anführen. Dieser Block würde es ermöglichen, Russland gleichzeitig an der zunehmend verknüpften arktischen und baltischen Front zu bedrohen.
Russlands Botschafter in Norwegen Nikolai Kortschunow hat der Nachrichtenagentur TASS ein kurzes Interview über die bilateralen Beziehungen gegeben. Darin warnt er, Norwegen integriere die neuen NATO-Mitglieder Schweden und Finnland in die regionalen Pläne des Bündnisses. Zudem würden dort weitere amerikanische Militärstützpunkte und NATO-Einrichtungen eröffnet. Im vergangenen März nahmen 32.500 Soldaten aus 14 NATO-Ländern am Manöver Cold Response in Norwegen und Nordfinnland teil. Das verstärkt aus dieser Richtung die Bedrohungen für Russland durch die NATO.
Parallel zur Militarisierung des Baltikums schreitet die Militarisierung der Arktis durch die NATO voran. Dazu gehören künstlich geschürte Spannungen um den entmilitarisierten Spitzbergen-Archipel. Kortschunow ist der Ansicht, dass dies alles das Risiko erhöhe, der Block könnte eines Tages versuchen, Russland zu blockieren. Er versichert seinen Landsleuten jedoch, dass die Behörden die Interessen ihres Landes verteidigen würden – auch mit militärtechnischen Mitteln (eine Anspielung auf die neue militärische Eskortierung bestimmter Handelsschiffe).
Im Zusammenhang mit Blockadeszenarien wurde Kortschunow auf einen TASS-Bericht von Anfang April angesprochen, demzufolge die Ukraine Terroranschläge auf russische Schiffe vor der norwegischen Küste vorbereite. Diese Meldung hat laut Kortschunow in seinem Gastland für erhebliches Aufsehen gesorgt. Er führt nicht näher aus, wie genau Russland mögliche ukrainische Drohnenangriffe von norwegischem Boden aus abschrecken oder abwehren wolle. Er warnt jedoch in drohendem Ton, dass eskalierende Drohungen durch Norwegen an Russland „unweigerlich zu einer direkt proportionalen Zunahme der Risiken für Norwegen selbst führen würden“.
Kortschunow wird im Interview zwar nicht darauf angesprochen. Aber schon in der Woche vor der Veröffentlichung hatte Großbritannien angekündigt, gemeinsam mit Norwegen und acht weiteren Staaten eine neue multilaterale Marineinitiative gegen Russland anzuführen. Dies verdeutlicht Norwegens immer wichtigere Rolle bei der Bedrohung Russlands durch Blockadeszenarien – sei es in der benachbarten Arktisregion und/oder im nahegelegenen Baltikum. Als Gründungsmitglied der NATO scheint Norwegen sich verpflichtet zu fühlen, die Eindämmung Russlands in Nordeuropa anzuführen.
Zu diesem Zweck gibt Norwegen den „großen Bruder“ für Schweden und Finnland innerhalb der NATO, während es gleichzeitig aktiv mit dem Vereinigten Königreich – einem der historischen Erzfeinde Russlands – kooperiert. Dies versetzt Norwegen in die Lage, die Eindämmung Russlands entlang der zunehmend miteinander verknüpften Fronten in der Arktis und im Baltikum simultan voranzutreiben. Angesichts seines Ölreichtums könnte Norwegen seinen „kleinen Brüdern“ zudem Militärkredite gewähren, um deren militärische Aufrüstung sowie die darauf folgende Schaffung eines regionalen Nordkommandos gegen Russland – im Rahmen der US-Pläne für eine „NATO 3.0“ – zu beschleunigen.
Diese Erkenntnis lenkt den Blick auf einen Modus der Umgestaltung Europas zur Multipolarität: nämlich regionale militärische Integration – sei es durch Norwegens Bestreben, einen im Entstehen begriffenen Wikingerblock anzuführen, oder durch Polens Versuch, seinen einstigen Großmachtstatus in Mittel- und Osteuropa wiederzuerlangen. Die angloamerikanische Achse steuert diese militärstrategische Arbeitsteilung – die USA als Seniorpartner und das Vereinigte Königreich als Juniorpartner. Und sie plant, dieses Modell in anderen Teilen Eurasiens zu kopieren.
Abgesehen von den regionalen Militärblöcken Norwegens und Polens verschafft Rumänien diesem Duopol eine Reichweite bis Moldawien und in den Schwarzmeerraum. Die Türkei erweitert den Einfluss des Duopols im Schwarzen Meer und – über die „Trump-Route für internationalen Frieden und Wohlstand“ – im Südkaukasus, am Kaspischen Meer und in Zentralasien. Hinzu kommt das Bündnis AUKUS+, das künftig auch Japan, Südkorea, Taiwan, die Philippinen und sogar Indonesien umfassen könnte. Das daraus resultierende Ergebnis ist die „Globalisierung der NATO“ – wenngleich mit multipolaren Zügen.