Das Mekka-Abkommen könnte durch die Huthi auf die Probe gestellt werden. Fällt die Reaktion auf einen Angriff schwach aus, könnten die Huthi die Grenzen des Abkommens weiter austesten. Fällt sie stark aus, kann es zur Eskalation im Jemen kommen. Und die Vereinigten Staaten könnten in beide Richtungen Einfluss nehmen. Denn das Abkommen selbst kann für sie in zwei entgegengesetzte Richtungen ausschlagen
Der Beitrag erschien auf Englisch am 10. August 2026 auf der Seite des Quincy Institute for Responsible Statecraft
Von Mohammed Nail Abdulqader
Mohammed Nail Abdulqader ist jemenitischer Journalist und arbeitet für den staatlichen Fernsehsender Saba TV und internationale Medien und Organisationen
Als Saudi-Arabien, die Türkei und Pakistan am 7. August in Mekka ihr gemeinsames Verteidigungsabkommen unterzeichneten, zeichnete sich bereits die erste Bewährungsprobe für das Bündnis ab. Am Vortag der Unterzeichnung rüstete sich Saudi-Arabien gegen Angriffe auf Energieanlagen, Häfen und Flughäfen durch irannahe Gruppen im Irak oder die Huthi im Jemen.
Der neue Pakt schreibt einen bemerkenswerten Grundsatz fest: Ein bewaffneter Angriff auf eines der drei Länder gilt als Angriff auf alle. Aus den bislang veröffentlichten Bestimmungen geht aber nicht hervor, welche militärischen Verpflichtungen daraus folgen – automatischer Beistand oder eine andere Antwort der Unterzeichner.
Bislang gibt es keine Anzeichen dafür, dass die Türkei und Pakistan einen direkten Eintritt in den Jemenkrieg vorbereiten. Ein neuer Raketen- oder Drohnenangriff der Huthi auf Saudi-Arabien könnte die drei Länder aber dazu zwingen, eine Frage zu beantworten, die das Abkommen offenlässt: Was bedeutet, dass ein Angriff auf einen als Angriff auf alle gilt?
Die Schwelle für den Bündnisfall
Die Huthi stellen einen komplizierteren Fall dar als ein konventioneller Angriff eines Staates auf einen anderen. Die Gruppe kontrolliert große Teile des nördlichen Jemen, verfügt über Raketen, Drohnen und maritime Fähigkeiten und unterhält enge politische und militärische Beziehungen zum Iran. Zugleich bleiben die Huthi ein jemenitischer Akteur mit einer eigenen Führung und eigenen innenpolitischen Berechnungen. Dadurch würde jeder künftige Angriff zu einer Bewährungsprobe in einem Graubereich, den das Abkommen öffentlich bislang nicht definiert hat.
Würde eine Rakete, die in Nadschran unmittelbar hinter der Grenze zum Jemen einschlägt, die trilaterale Beistandsverpflichtung auslösen? Was wäre, wenn eine Drohne eine Ölanlage träfe? Würde der Pakt auch für ein saudisches Schiff oder eine saudische Einrichtung außerhalb des Staatsgebiets gelten? Diese Fragen sind wichtiger als die Aussicht, dass türkische oder pakistanische Truppen direkt gegen die Huthi kämpfen.
In der Praxis könnten die ersten Maßnahmen im Rahmen des Pakts weniger dramatisch ausfallen: Die beiden Partner könnten nachrichtendienstliche Erkenntnisse austauschen, Frühwarnung und Luftverteidigung verstärken, Systeme zur Drohnenabwehr bereitstellen, die Seeüberwachung unterstützen oder die Defensive auf saudischem Staatsgebiet verstärken. So könnte das neue Bündnis zu funktionieren beginnen, ohne dass Ankara oder Islamabad unmittelbar zu Kriegsparteien im Jemen werden.
Neues strategisches Problem für die Huthi
Seit Jahren ermöglichen die Raketen und maritimen Fähigkeiten den Huthi, militärischen Druck weit über die Grenzen des Jemen hinaus auszuüben – bisweilen mit beträchtlicher Wirkung. Das Mekka-Abkommen könnte ihr taktisches Kalkül aber verändern. Ahmed Saleh, Politikwissenschaftler und Beobachter der jemenitischen Politik, sieht die Bedeutung des Abkommens für den Jemen vor allem darin, dass es das politische und sicherheitspolitische Umfeld verändern könnte, in dem die Huthi operieren:
„Wenn die Huthi nach dem Mekka-Abkommen weiterhin Saudi-Arabien angreifen, werden sich die Eskalationskalküle nicht mehr wie zuvor auf die Huthi und Riad beschränken“, sagt Saleh: „Jeder neue Angriff könnte die Türkei und Pakistan zu stärkerem sicherheitspolitischen Engagement an der Seite des Königreichs bewegen. Die Huthi könnten sich damit einem größeren Kreis von Staaten gegenübersehen, für die die Sicherheit Saudi-Arabiens zu einem unmittelbaren Interesse geworden ist.“
Der Iran könnte vor ein strategisches Dilemma geraten. Teheran bestimmt nicht jede militärische Entscheidung der Huthi, arbeitet aber eng mit der militanten Gruppe zusammen und wirkt an der Ausrichtung ihrer Strategie mit. Sollte anhaltender Druck aus dem Jemen zu einer engeren Verteidigungskooperation rund um Saudi-Arabien führen, müsste der Iran damit rechnen, dass eines seiner Instrumente regionaler Einflussnahme eine engere Zusammenarbeit jener Staaten hervorruft, die den iranischen Einfluss eindämmen wollen.
Was könnte sich militärisch ändern?
Saudi-Arabien benötigt keine türkischen oder pakistanischen Truppen an der Front im Jemen, um vom Abkommen zu profitieren. Angesichts der spezifischen Huthi-Bedrohung sind Luftverteidigung, Frühwarnung, elektronische Kampfführung, Drohnenabwehr, maritime Aufklärung und der Austausch nachrichtendienstlicher Erkenntnisse wichtiger als die bloße Entsendung zusätzlicher Bodentruppen. Sowohl die Türkei als auch Pakistan können die saudischen Fähigkeiten auf diesen Gebieten stärken. Die entscheidende militärische Frage lautet also, ob Ankara und Islamabad Riad dabei helfen werden, Angriffe der Huthi schwieriger, weniger wirksam und kostspieliger zu machen.
„Ein wichtiger Faktor für militärischen Wandel besteht darin, wie schnell eine Bedrohung erkannt und bekämpft werden kann, bevor sie ihr Ziel erreicht“, sagt Salah Moayed, Militärkommandeur der international anerkannten jemenitischen Regierung, der in der westlichen Küstenregion des Landes am Roten Meer stationiert ist: „Wenn das Abkommen die Frühwarnung, Luftverteidigung, Aufklärung, Drohnenabwehr und den Austausch nachrichtendienstlicher Erkenntnisse verbessert, steigen für die Huthi die Kosten für denselben Angriff, selbst wenn kein türkischer oder pakistanischer Soldat den Jemen betritt.“
Das bedeutet aber nicht zwingend, dass sich dadurch das Kräfteverhältnis im Jemenkrieg grundlegend verändert. Es besteht ein wesentlicher Unterschied zwischen Unterstützung Saudi-Arabiens bei der Verteidigung seines Staatsgebiets und Unterstützung eines Feldzuges, der darauf abzielt, die territorialen Machtverhältnisse innerhalb des Jemen zu verändern. Der Pakt ist ein Verteidigungsabkommen zwischen seinen Unterzeichnern und keine Verpflichtung, die territorialen Verhältnisse im Jemen umzukehren. Die Türkei oder Pakistan könnten eine auf Saudi-Arabien zufliegende Rakete abfangen, ohne Operationen innerhalb des Jemen in irgendeiner Weise zu unterstützen.
Die Bewährungsprobe im Roten Meer
Die erste Bewährungsprobe muss sich gar nicht an der Landgrenze ergeben. Seit 2023 ist das Rote Meer zu einem zentralen Schauplatz der regionalen Huthi-Strategie geworden. Damals begann die Gruppe mit einer Reihe von Angriffen auf Schiffe mit Verbindungen zu Israel, um Israel zur Beendigung seines Kriegs im Gazastreifen zu bewegen. Die Angriffe auf die Schifffahrt haben den Bab al-Mandab, die schmale Meerenge zwischen dem Indischen Ozean und dem Roten Meer, zum Schauplatz der Konfrontation gemacht.
Für Saudi-Arabien ist das Rote Meer ein lebenswichtiger Korridor für Energieexporte und Handel. Zugleich befinden sich dort Häfen und ökonomische Großprojekte von strategischer Bedeutung. Die erste praktische Anwendung des Pakts könnte daher auf See erfolgen: durch den Austausch nachrichtendienstlicher Erkenntnisse, Luft- und Seeüberwachung, den Schutz von Energieinfrastruktur und Schifffahrtswegen oder die Zusammenarbeit bei der Abwehr von Drohnen und Raketen. Eine solche Kooperation wäre politisch weniger riskant als Angriffe auf Ziele im Jemen, könnte den operativen Spielraum der Huthi allerdings einschränken.
Washington vor einer neuen Konstellation
Für die Vereinigten Staaten könnte das Abkommen zwei gegensätzliche Auswirkungen haben. Einerseits fordert Washington seine Verbündeten und Partner seit Jahren dazu auf, einen größeren Teil der Verantwortung für ihre eigene Sicherheit zu übernehmen. Wenn Saudi-Arabien, die Türkei und Pakistan Infrastruktur und Seewege besser schützen und Bedrohungen abfangen können, ohne ständig auf amerikanische Streitkräfte angewiesen zu sein, entspräche dies dem Prinzip einer stärkeren Lastenteilung.
Größere regionale Fähigkeiten bedeuten aber gleichzeitig größere Unabhängigkeit bei politischen und militärischen Entscheidungen. Dieser Widerspruch könnte sich im Jemen rasch bemerkbar machen. Washington könnte eine stärkere Verteidigung Saudi-Arabiens unterstützen und gleichzeitig zu verhindern versuchen, dass ein Angriff der Huthi im Jemen eine neue Kriegsrunde auslöst. Riad, Ankara und Islamabad könnten unterdessen gemeinsam Entscheidungen über das angemessene Ausmaß einer Reaktion treffen, die nicht unbedingt den Vorstellungen Washingtons entsprechen.
Abschreckung oder neuer Weg zur Eskalation?
Der Erfolg des Mekka-Abkommens wird sich nicht daran messen lassen, wie viele Flugzeuge oder Soldaten die drei Länder aufbieten können. Entscheidend ist vielmehr, ob das Abkommen einen Angriff auf Saudi-Arabien kostspieliger machen kann, ohne einen größeren regionalen Krieg wahrscheinlicher zu machen.
Fällt die Reaktion auf einen größeren Angriff so begrenzt aus, dass sie die Schwäche der kollektiven Beistandsverpflichtung offenbart, könnten die Huthi versucht sein, die Grenzen des Pakts erneut auszutesten. Führt dagegen jeder Angriff zu einer umfassenden Reaktion oder zu erneuter Eskalation im Jemen, könnte das Abkommen selbst zu einem Mechanismus werden, der jene Konfrontation ausweitet, die er eigentlich abschrecken sollte.
Zwischen diesen beiden Möglichkeiten liegt die schwierigste Aufgabe: eine glaubwürdige Abschreckung aufzubauen, ohne die Tür zu einem neuen Krieg zu öffnen. Das Mekka-Abkommen wurde nicht als Bündnis gegen die Huthi angekündigt. Aber die Huthi könnten die Ersten sein, die seine Grenzen auf die Probe stellen.