Die US-Militärpräsenz im Nahen Osten wurde lange unter dem Aspekt von Schutz, Sicherheit und Abschreckung betrachtet. Seit dem Irankrieg wird sie immer stärker als Bedrohung wahrgenommen. Amerika wird in der Region ein wichtiger Faktor bleiben, aber Sicherheit künftig nicht mehr allein definieren. Das Zeigt nicht zuletzt das Abkommen von Mekka
Der Beitrag erschien auf Englisch am 13. August 2026 bei United World
Von Mohammad Reza Moradi
Mohammad Reza Moradi ist Leiter der Abteilung für Fremdsprachen und internationale Nachrichten bei der Nachrichtenagentur Mehr
Seit mehr als drei Jahrzehnten beruht die US-Militärpräsenz im Nahen Osten auf einer relativ einfachen Prämisse: Die arabischen Staaten, insbesondere die Golfstaaten, übertragen einen Teil ihrer Sicherheit auf eine externe Macht, während Washington durch Truppenstationierungen, Militärstützpunkte, Luftverteidigungssysteme und Geheimdienstnetzwerke als Garant ihrer Sicherheit fungiert.
Der jüngste Krieg zwischen den Vereinigten Staaten, Israel und dem Iran hat diese Gleichung auf den Prüfstand gestellt. Die Frage drängt sich immer stärker auf: Sorgt die amerikanische Militärpräsenz noch immer für Abschreckung oder wird sie in Kriegszeiten selbst zu einer Quelle der Verwundbarkeit für die Gastländer? Eine eindeutige Antwort gibt es bislang nicht. Die arabischen Regierungen setzen weiterhin auf die sicherheitspolitische Zusammenarbeit mit Washington. Wenig deutet darauf hin, dass die Vereinigten Staaten einen umfassenden militärischen Rückzug aus der Region vorbereiten.
Auf der Ebene der öffentlichen Meinung zeichnen sich aber Veränderungen ab. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass die arabischen Gesellschaften antiamerikanischer werden. Vielmehr schwindet das Vertrauen in die Annahme, dass die Sicherheit der Region notwendigerweise von einer externen Macht gewährleistet werden muss.
Jordanien ist ein gutes Beispiel für diesen Wandel. Ende Juli 2026 unterzeichneten Hunderte jordanische Politiker, Wissenschaftler, Juristen, pensionierte Militärs und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens einen offenen Brief, in dem sie ein Ende der Präsenz amerikanischer Streitkräfte im Land fordern. Die Bedeutung dieser Initiative geht über die Zahl der Unterzeichner hinaus. Jordanien gehört lange zu den engsten Sicherheitspartnern Washingtons in der Region.
Der jüngste Krieg hat zur Revision der Einschätzung geführt: Die amerikanische Militärpräsenz, zuvor vor allem als sicherheitspolitischer Vorteil betrachtet, wird von Teilen der jordanischen Gesellschaft zunehmend als Risikofaktor für die Verwicklung in einen Krieg betrachtet. Das lässt sich als veränderte Wahrnehmung von Sicherheit verstehen. Es geht nicht mehr nur um die Frage, wie wirksam die Vereinigten Staaten ein Gastland verteidigen können. Es geht auch darum, ob die Präsenz amerikanischer Streitkräfte dieses Land nicht selbst zum Angriffsziel macht.
Die traditionelle Logik ausländischer Militärstützpunkte ist Abschreckung. Eine Großmacht stationiert Streitkräfte in einem verbündeten Land und signalisiert damit, dass jeder Angriff auf dieses Land eine kostspielige Reaktion nach sich ziehen wird. Im Krieg kann derselbe Militärstützpunkt aber zum Angriffsziel werden. Je mehr Infrastruktur ein Gastland für ausländische Kommandozentralen, Radarsysteme, Flugzeuge, Waffenlager oder Logistik zur Verfügung stellt, desto wahrscheinlicher wird es, dass es in die militärischen Planungen der Gegenseite einbezogen wird.
Während des jüngsten Krieges hat der Iran deutlich gemacht, dass Staaten, die eine Nutzung ihres Territoriums für militärische Operationen gegen Iran zulassen, sich nicht vollständig von den Folgen des Konflikts abkoppeln könnten. In der Folge wurden amerikanische Streitkräfte und Einrichtungen in mehreren Teilen der Region angegriffen. Für die arabischen Staaten ist damit ein neues Sicherheitsdilemma entstanden: Was in Friedenszeiten der Abschreckung dient, kann im Krieg zur Quelle der Verwundbarkeit werden.
Der Wahrnehmungswandel begann nicht erst mit dem jüngsten Krieg. Daten des Arab Barometer deuteten bereits zuvor auf ein sinkendes Vertrauen in die Vereinigten Staaten in Teilen der arabischen Welt hin. In Jordanien sank der Anteil der Menschen mit einer positiven Einstellung zu den Vereinigten Staaten zwischen 2022 und 2024 um rund 23 Prozentpunkte auf 28 %. Im Irak lag der Wert 2024 ebenfalls bei rund 28 %.
Wichtiger als die allgemeine Zustimmung ist die Frage, wie die Araber die Rolle der USA für die regionale Sicherheit beurteilen. In einer Umfrage des Arab Barometer hielten nur 9 % der Jordanier den amerikanischen Ansatz für den geeigneteren Weg zur Wahrung der regionalen Sicherheit, während 43 % Chinas Sicherheitspolitik in der Region bevorzugten. In Ägypten lagen die entsprechenden Werte bei 6 % für die Vereinigten Staaten und 36 % für China.
Diese Zahlen sollten nicht als Beleg dafür interpretiert werden, dass die arabischen Gesellschaften die Vereinigten Staaten durch China ersetzen wollen. Diese Schlussfolgerung wäre zu vereinfachend. Sie zeigen vielmehr, dass Amerikas Alleinstellung bei der Definition regionaler Sicherheit schwindet. Die bedeutende Entwicklung besteht in den zunehmenden Bemühungen von Staaten der Region, ihre Sicherheitspartnerschaften zu diversifizieren und ihre Abhängigkeit von einer einzigen externen Macht zu verringern.
Das Sicherheitsabkommen von Mekka zwischen Saudi-Arabien, der Türkei und Pakistan ist das beste Beispiel für diesen Trend. Das Abkommen legt den Schwerpunkt auf die Zusammenarbeit im Verteidigungsbereich, sicherheitspolitische Koordinierung und eine Art gemeinsamer Abschreckung zwischen den drei Staaten. Seine Bedeutung liegt nicht nur in seinen militärischen Bestimmungen, sondern auch in der Kombination der drei beteiligten Akteure.
Saudi-Arabien zählt zu den wichtigsten ökonomischen und politischen Mächten am Golf. Die Türkei ist ein bedeutender militärischer und geopolitischer Akteur der Region. Und Pakistan ist eine bedeutende Militärmacht mit Nuklearwaffen. Die engere verteidigungspolitische Zusammenarbeit dieser Staaten schafft eine zusätzliche Ebene regionaler Sicherheit außerhalb des traditionellen, von den USA bestimmten Rahmens.
Deshalb kehren diese Länder Washington längst nicht den Rücken. Die Golfstaaten sind weiterhin stark auf amerikanische Militärtechnologie, Waffen, Geheimdienstinformationen und Abschreckungsfähigkeiten angewiesen. Ihre Verteidigungsbeziehungen zu Washington bleiben wichtig. Der jüngste Krieg hat allerdings gezeigt, dass die vollständige Abhängigkeit von einer einzigen externen Macht in einer Krise selbst zur Quelle der Verwundbarkeit werden kann.
Was sich abzeichnet, ist weniger ein Ausstieg aus der amerikanischen Sicherheitsordnung als eine Entwicklung hin zu einem mehrschichtigen Sicherheitssystem – zu einer Ordnung, in der die Vereinigten Staaten ein wichtiger Akteur bleiben, aber nicht mehr die einzige Säule der regionalen Sicherheitsarchitektur bilden. Die Staaten des Nahen Ostens bemühen sich immer stärker darum, externe Sicherheitsgarantien durch regionale Bündnisse und eigene Sicherheitsmechanismen zu ergänzen.
Der vierzigtägige Krieg hat eine weitere wichtige strategische Folge: Er verändert die Kalkulation der Staaten in der Region im Hinblick auf die Kosten, die mit der Stationierung ausländischer Streitkräfte auf ihrem Territorium verbunden sind. Während des Konflikts zeigte der Iran, dass er bei einer direkten Konfrontation mit den Vereinigten Staaten amerikanische Militärstützpunkte und militärische Infrastruktur in der Region in sein Abschreckungskalkül einbeziehen wird. Die Botschaft an die Gastländer war eindeutig: Ein Staat, der zulässt, dass sein Territorium für militärische Operationen gegen Iran genutzt wird, kann sich bei einer Eskalation des Konflikts wohl nicht vollständig vor dessen Folgen schützen.
Die arabische Öffentlichkeit hat das iranische Sicherheitsnarrativ natürlich nicht einfach so übernommen. In vielen arabischen Gesellschaften bestehen weiterhin erhebliche Sorgen, was das iranische Atomprogramm, den regionalen Einfluss und die militärischen Fähigkeiten des Iran betrifft. Der Krieg hat allerdings einen neuen Widerspruch sichtbar gemacht: Eine Gesellschaft kann den Iran gleichzeitig als Sicherheitsbedrohung betrachten und ihre Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten zu ihrem Schutz infrage stellen.
Dieser Widerspruch ist signifikant. Es geht nicht mehr nur um eine Entscheidung zwischen dem Iran und den Vereinigten Staaten. Die umfassendere Frage lautet, wie sich die Staaten der Region schützen können, ohne zum Schauplatz der Konkurrenz zwischen mächtigeren Staaten zu werden. Darum könnte die Entwicklung hin zu regionalen Bündnissen und Sicherheitsmechanismen eine der wichtigsten Langzeitfolgen des jüngsten Krieges sein.
Der vierzigtägige Krieg markiert nicht das Anfang vom Ende der amerikanischen Präsenz im Nahen Osten. Washington verfügt in der Region weiterhin über erhebliche militärische, geheimdienstliche und diplomatische Fähigkeiten, die arabische Staaten kurzfristig nicht ersetzen können. Was sich verändert, ist nicht unbedingt die amerikanische Präsenz, sondern die Alleinstellung der Vereinigten Staaten bei der Definition regionaler Sicherheit.
Gleichzeitig bewertet die arabische Öffentlichkeit die sicherheitspolitische Funktion der US-Militärpräsenz neu. Stützpunkte, die einst vor allem Symbole der Abschreckung und Stabilität waren, werden von Teilen der arabischen Öffentlichkeit zunehmend als Faktoren betrachtet, die die Gastländer im Kriegsfall der Gefahr von Angriffen aussetzen können. Die Frage verschiebt sich allmählich von „Schützt Amerika uns?“ zur grundsätzlicheren Frage: „Macht uns die amerikanische Militärpräsenz tatsächlich sicherer?“
Das sinkende Vertrauen in Washingtons Rolle als Sicherheitsgarant, die wachsende Zusammenarbeit mit nichtwestlichen Mächten und die Entstehung von Vereinbarungen wie dem Abkommen von Mekka zwischen Saudi-Arabien, der Türkei und Pakistan weisen allesamt auf ein verändertes regionales Kalkül hin.
Die Zukunft des Nahen Ostens wird kaum durch einen schlichten Rückzug der Vereinigten Staaten bestimmt werden. Prägend dürfte vielmehr das Ende der amerikanischen Alleinstellung und die schrittweise Entstehung einer stärker diversifizierten, mehrschichtigen regionalen Sicherheitsarchitektur sein.
Titelbild: U.S. Air Force / Tech. Sgt. Nathan Lipscomb, Public Domain, via Rawpixel