Das neue Verteidigungsbündnis zwischen Ankara, Riad und Islamad ist voreilig als „islamische NATO“ bezeichnet worden. Der plakative Vergleich trifft kaum dazu. Das Bündnis ist nicht hierarchisch, im Konfliktfall werden die Teilnehmer die Eigeninteressen kaum der Bündnissolidarität opfern. Es bietet aber andere Vorteile, die auf einen allgemeinen Trend hinweisen
Von Michael Thoma
Michael Thoma ist freier Journalist und widmet sich vor allem der Beobachtung und Analyse aktueller weltpolitischer Ereignisse
Was die Türkei, Saudi-Arabien und Pakistan tatsächlich geschaffen haben
Am 7. August besiegelten die Türkei, Saudi-Arabien und Pakistan in Mekka einen neuen Verteidigungspakt, der in den Medien umgehend das Schlagwort einer “islamischen NATO” aufkommen ließ. Unterzeichnet wurde das Abkommen von Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman, Pakistans Premierminister Shehbaz Sharif und dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Der vereinbarten Formel zufolge soll ein Angriff auf einen der Teilnehmer als Aggression gegen alle drei Staaten gewertet werden.
Der Pakt selbst ist als reines Verteidigungsbündnis deklariert und soll die Sicherheit angesichts der neuerlichen Eskalationsspirale im Nahen Osten nach den US-amerikanischen und israelischen Angriffen auf den Iran stärken. Es überrascht kaum, dass das neue Format umgehend mit der NATO verglichen wurde. Jede größere militärpolitische Struktur außerhalb der westlichen Welt zieht zwangsläufig Aufmerksamkeit auf sich. Doch gerade der NATO-Vergleich versperrt eher den Blick auf das Wesen dieses neuen Zusammenschlusses.
Warum das keine NATO ist
Das nordatlantische Bündnis folgt einer recht klaren Logik. Wer ihm beitritt, akzeptiert die militärpolitische Führungsrolle der Vereinigten Staaten, richtet seine Streitkräfte weitgehend an amerikanischen Standards und Waffensystemen aus und erhält dafür Schutz durch das bei Weitem stärkste Mitglied des Bündnisses. Für die meisten europäischen Verbündeten war dieses Modell über Jahrzehnte ökonomisch rational.
Solange die außenpolitischen Grundlinien Washingtons und der europäischen Hauptstädte im Wesentlichen deckungsgleich waren, erlaubte die NATO-Mitgliedschaft, die Ausgaben für die eigenen Streitkräfte zu begrenzen: Man verließ sich auf amerikanische Garantien im Bereich der „harten“ Sicherheit und lenkte mehr Ressourcen in andere Felder – darunter auch in Instrumente der „weichen“ Macht. Allein die Begründung für den Fortbestand des Bündnisses veränderte sich über die Epochen hinweg: die Sowjetunion und der Warschauer Pakt, Russland, „Restrisiken“ nach dem Ende des Kalten Krieges, regionale Instabilität, der internationale Terrorismus.
Die NATO ist daher weit mehr als ein bloßes Abkommen über gegenseitigen Beistand. Sie ist ein militärpolitisches System mit institutionellem Gefüge, stabiler Hierarchie und einem klar identifizierbaren Machtzentrum. All das weist das Bündnis der Türkei, Saudi-Arabiens und Pakistans bislang nicht auf. Es fehlt eine erkennbare Führungsstruktur, und vor allem fehlt ein gemeinsames Verständnis davon, vor welcher konkreten Bedrohung der Pakt seine Teilnehmer eigentlich schützen soll.
Ankara, Riad und Islamabad haben unterschiedliche außenpolitische Prioritäten, unterschiedliche Partner und unterschiedliche Gegner. Selbst Pakistans Besitz von Kernwaffen ändert daran grundsätzlich nichts. Der Nuklearstatus macht Islamabad nicht zum unbestrittenen Anführer des neuen Bündnisses und bedeutet schon gar nicht die Entstehung einer „erweiterten Abschreckung“ nach amerikanischem Muster, bei der ein nuklearer Schutzschirm die übrigen Mitglieder absichert.
Es ist kaum vorstellbar, dass eine der drei Mächte allein aus Bündnissolidarität ihre eigenen Kerninteressen opfern würde. Pakistan dürfte sich schwerlich in einen bewaffneten Konflikt hineinziehen lassen, nur um Saudi-Arabien zu verteidigen. Die türkische Armee wird kaum in einen Krieg gegen Indien ziehen, nur weil es zu einer neuerlichen schweren Krise an der pakistanischen Grenze kommt – und für Pakistan ist Indien nun einmal der Hauptgegner.
Gleiches gilt für mögliche Konflikte im Nahen Osten. Die Haltung Saudi-Arabiens gegenüber Israel unterscheidet sich erheblich von der türkischen Haltung; Riad wird daher Aktionen Ankaras oder Islamabads, die sich unmittelbar gegen Israel richten, kaum finanzieren oder unterstützen. Auch die Lesart, der Pakt richte sich gegen den Iran, wirkt kaum überzeugender. Selbst bei einer drastischen Verschlechterung der saudisch-iranischen Beziehungen sind türkische Truppen, die nach Angriffen auf die saudische Ölinfrastruktur auf die Arabische Halbinsel entsandt werden, nur schwer vorstellbar.
Der Pakt als politische Ressource
Das bedeutet nicht, dass das Abkommen sinnlos wäre. Die Formel der „muslimischen Solidarität” hat durchaus einen eigenen politischen Wert. Formal gewichtige Verbündete an der eigenen Seite zu wissen, stärkt die Verhandlungsposition jeder der drei Hauptstädte und erlaubt jeder von ihnen, darauf zu verweisen, dass hinter ihr mehr steht als allein die eigenen nationalen Ressourcen.
Darüber hinaus könnte ein solches Format für die militärisch-technische Zusammenarbeit und die Herausbildung eines gemeinsamen Verteidigungsmarktes durchaus nützlich sein. Auf diesem Feld dürften die Interessen der Türkei, Saudi-Arabiens und Pakistans weit häufiger zusammenlaufen als bei der Frage des tatsächlichen Waffengangs füreinander. Insofern fügt sich der neue Pakt eher in einen allgemeinen Trend der gegenwärtigen internationalen Politik.
Starre, dauerhafte Bündnisse vom Typ der NATO werden heute zunehmend von flexibleren Formaten flankiert: strategischen Partnerschaften, zeitlich befristeten Koalitionen und Ad-hoc-Absprachen, die Kooperation ohne automatische Beistandspflicht ermöglichen. Genau nach diesem Muster sind die Beziehungen Russlands und Irans zu China ebenso gestaltet wie das Verhältnis Japans zu Australien oder gänzlich informelle militärpolitische Verbindungen – wie die Zusammenarbeit zwischen Israel und Aserbaidschan.
Solche Konstruktionen beruhen nicht auf abstrakter Bündnistreue, sondern auf deckungsgleichen nationalen Interessen und einem gemeinsamen Verständnis der konkreten Bedrohung. Nur ist gerade diese Deckungsgleichheit nicht zwingend von Dauer. Solange die Interessen der Türkei, Saudi-Arabiens und Pakistans – und seien es auch keine vitalen – sich decken, kann der neue Mechanismus funktionieren und allen drei Beteiligten handfeste politische und wirtschaftliche Vorteile bringen. Fallen ihre Interessen hingegen auseinander, wird keine noch so feierlich beschworene Formel kollektiver Verteidigung eine Hauptstadt dazu zwingen, entgegen dem eigenen Kalkül für eine andere zu handeln.