Die Türkei kann ihre Sicherheit nicht länger einem Bündnis anvertrauen, dessen Machtzentrum Tausende Kilometer entfernt liegt und von dessen Mitgliedern Bedrohungen für die Türkei ausgehen. Die Türkei ist ein afroeurasisches Land mit einer besonderen geografischen Lage. Sie muss ihre strategische Abhängigkeit vom Westen überwinden und eine eigene Sicherheitsarchitektur aufbauen – durch engere Zusammenarbeit mit Russland, China und dem Iran
Der Beitrag erschien am 19. Oktober 2026 auf Englisch bei United World
Von Mehmet Enes Beşer
Mehmet Enes Beşer ist Soziologe, Marketingspezialist und Direktor des Bosphorus Center for Asian Studies
Seit Jahrzehnten bietet die NATO der Türkei durch Mitgliedschaft eine Art strategische Absicherung. Die dahinterstehende Überlegung ist einfach: Die Türkei liegt in einer gefährlichen Nachbarschaft und benötigt deshalb den Schutz des stärkstmöglichen Bündnisses. So erscheint die NATO-Mitgliedschaft sinnvoll, denn die Sicherheit der Türkei ist durch zahlreiche konkrete Gefahren bedroht: Terrorismus, Migration, Energieunsicherheit und Konflikte im Schwarzen Meer, im östlichen Mittelmeer und im Kaukasus.
Die Türkei muss ihre eigene Sicherheitsarchitektur aufbauen. Daran führt kein Weg vorbei. Allerdings stellt sich die Frage, ob die NATO überhaupt noch dazu in der Lage ist, einem gefährdeten Staat Schutz zu bieten. Vor wem soll die NATO die Türkei schützen?
Die Wahrheit ist unbequem, denn sie offenbart das Paradox, das der gegenwärtigen strategischen Lage der Türkei zugrunde liegt. Viele Gefahren, denen das Land ausgesetzt ist, haben ihren Ursprung nicht außerhalb des westlichen Bündnissystems. Einige dieser Gefahren gehen von anderen NATO-Mitgliedstaaten oder sogar von Strukturen aus, die von der NATO unterstützt werden. Mit anderen Worten: Die Vorstellung, die NATO garantiere die Sicherheit der Türkei, ist überholt und einfach unrealistisch.
Während des Kalten Krieges war die NATO-Mitgliedschaft angesichts der besonderen geostrategischen Lage der Türkei durchaus sinnvoll. Das Land war ein Frontstaat an der Grenze zur Sowjetunion. Im Gegenzug für die Übernahme dieser Rolle erwartete die Türkei Sicherheitsgarantien, modernisierte ihre Streitkräfte und erhielt politische Unterstützung. Aber diese Zeiten sind längst vorbei. Die Sowjetunion und der Kalte Krieg gehören der Vergangenheit an, und auch die NATO ist nicht mehr dieselbe. Heute stellt sich die Lage anders dar. Die Bedrohungen, denen die Türkei ausgesetzt ist, lassen sich nicht mehr auf das Ost-West-Schema in den internationalen Beziehungen der 1950er-Jahre reduzieren.
Heute kommen die Herausforderungen aus verschiedenen Richtungen und betreffen unterschiedliche Bereiche. In Syrien beispielsweise sah die türkische Regierung ihre territoriale Sicherheit durch Gruppen gefährdet, mit denen die Vereinigten Staaten unter dem Vorwand der Terrorismusbekämpfung aktiv zusammenarbeiteten. Im östlichen Mittelmeer geriet die türkische Regierung unter Druck durch Griechenland und die griechisch-zyprische Verwaltung, während westliche Hauptstädte die türkischen Ansprüche als Störfaktor betrachteten. In der Ägäis steht die Türkei bei der konventionellen Bewaffnung in direkter Konkurrenz zu einem anderen NATO-Mitgliedstaat. Beim Aufbau ihrer Verteidigungsindustrie war sie wiederholt Embargos und Wirtschaftssanktionen durch sogenannte Freunde und Verbündete ausgesetzt.
Unter diesen Umständen ergibt es keinen Sinn mehr, die NATO als Schutzmechanismus zu betrachten, denn dieses Bündnis ist weder neutral noch unparteiisch. Es kann von den Interessen seiner einflussreichsten Mitglieder nicht abgelöst werden. Mit anderen Worten: Das Bündnis kann der Türkei keinen Schutz garantieren, wenn ihre Interessen mit denen der Vereinigten Staaten, des Vereinigten Königreichs, Frankreichs oder Deutschlands kollidieren.
Der gefährlichste Mythos betrifft Artikel 5. Das Prinzip der kollektiven Verteidigung mag in Reden beruhigend klingen, in der Praxis hängt die Anwendung dieses politischen Konzepts von der Auslegung und vom Zeitpunkt konkreter Vorfälle ab. Überdies setzt die Umsetzung der kollektiven Verteidigung das gegenseitige Einverständnis aller Beteiligten voraus. Kein Land sollte sein Überleben von diesem Prinzip abhängig machen. Verschieben sich die drängendsten Sicherheitsprobleme eines Staates in eine Grauzone, verschwindet nämlich die Solidarität der NATO.
Das bedeutet allerdings nicht, dass die türkische Regierung die Vernunft aufgeben, emotionale Entscheidungen treffen oder ihre Außenpolitik auf leere Parolen reduzieren sollte. Es wäre ein großer Fehler, eine Abhängigkeit durch eine andere zu ersetzen. Stattdessen muss die Regierung den Unterschied zwischen NATO-Mitgliedschaft und strategischer Autonomie verstehen. Ein Staat kann einer Organisation angehören und gleichzeitig völlig schutzlos bleiben. Für die Türkei ist diese Situation besonders relevant, da die meisten ihrer Sicherheitsprobleme in einer Grauzone liegen.
Das Land muss eine neue Verteidigungsinfrastruktur aufbauen, die sich nicht länger auf das Bündnis konzentriert, sondern auf die eigenen Fähigkeiten. Schließlich ist die Türkei kein abgelegenes europäisches Land, das durch befreundete Staaten und Ozeane vor zahlreichen Gefahren geschützt ist. Sie ist ein afroeurasisches Land, das eine besondere geografische Position zwischen dem Balkan, dem Schwarzen Meer, dem Kaukasus, dem Nahen Osten, dem östlichen Mittelmeer und Zentralasien einnimmt. Ihre Sicherheit darf nicht von einer externen Struktur abhängen, deren Machtzentrum Tausende Kilometer entfernt liegt.
Hier kommt die Bedeutung des TRCI-Konzepts ins Spiel. Man darf sich Russland, China und den Iran keineswegs als Staaten vorstellen, die der Türkei ähnlich sind. Sie haben nichts gemeinsam, außer dass sie alle ihre nationale Sicherheit gewährleisten und ihre Souveränität bewahren wollen, indem sie sich der Entstehung einer unipolaren Sicherheitsordnung widersetzen. Alle diese Staaten kennen die Folgen, die von außen angestoßene Regimewechsel-Projekte, Sanktionsregime und Stellvertreterkriege haben können. Darüber hinaus verfolgen sie ein gemeinsames Interesse an einer Zusammenarbeit in den Bereichen Energie und Handel und an der Entwicklung von Zahlungsmechanismen und Technologietransfers.
Die Türkei wiederum muss den Kreis ihrer Partner erweitern, um ihre strategische Flexibilität und Souveränität zu stärken. Mit anderen Worten: Sie würde von einer Zusammenarbeit im Rahmen des TRCI-Konzepts profitieren. Das Ziel einer solchen Verteidigungsarchitektur besteht nicht darin, die Disziplin eines Blocks durch die eines anderen zu ersetzen. Vielmehr geht es darum, strategische Tiefe zu schaffen: durch Verteidigungskooperation, den Aufbau unabhängiger Luftverteidigungssysteme, die Entwicklung von Energiekorridoren, die Koordinierung der Nachrichtendienste und die Schaffung alternativer Finanzmechanismen.
Die türkische Verteidigungsindustrie hat bereits bewiesen, wie wichtig der Aufbau eigener Kapazitäten im militärisch-industriellen Bereich ist. Ein breites Netzwerk von Beziehungen in Eurasien würde diese Kapazitäten erheblich stärken. Ein solches Netzwerk schafft die Grundlage für eine Verteidigungsindustrie, die nicht vollständig von der NATO oder vom Westen abhängig ist und in der die Türkei als gleichberechtigter Partner und nicht als Frontstaat behandelt wird.
Kritiker könnten einwenden, dass Russland, China und der Iran ihre eigenen Ziele verfolgen. Das stimmt, geht aber am eigentlichen Punkt vorbei. Hier ist strategisches Denken gefragt. Entscheidend ist, ob die Regierung durch die Zusammenarbeit mit Staaten, die ähnliche Bedürfnisse haben, bessere Bedingungen schaffen kann. Ein solcher Ansatz zeugt von der strategischen Reife einer Nation: Man muss mit schwierigen Staaten verhandeln können, ohne sie zu idealisieren.
Das Problem besteht nicht darin, die Interessen anderer Akteure anzuerkennen. Es besteht darin, die von ihnen ausgehenden Gefahren zu ignorieren, nur weil sie demselben strategischen Bündnis angehören. Die Sicherheit der Türkei darf heute nicht von einer sentimentalen Haltung gegenüber der NATO bestimmt werden. Die Türkei muss die Sache realistisch betrachten und erkennen, dass dieses Bündnis ihre Sicherheit nicht garantieren kann, solange seine Mitglieder Bedrohungen für die Türkei ermöglichen oder unterstützen.
Im besten Fall ist die NATO nur eine weitere diplomatische Plattform. Im schlimmsten Fall ist sie ein Instrument, das die Bemühungen der Türkei verzögert, Wege zur Gewährleistung ihrer Sicherheit und Souveränität zu finden. Entscheidend ist dabei, die Ablehnung der NATO nicht mit einer antiwestlichen Haltung zu verwechseln. Die Regierung muss erkennen, wer Freund und wer Feind des Landes ist, wer die Position der Türkei im Bereich der nationalen Sicherheit stärken und wer sie schwächen kann.
Sobald diese Fragen geklärt sind, wird die Antwort unausweichlich klar: Das Land braucht einen strategischen Verteidigungsrahmen, der auf geografischen Besonderheiten, den Interessen der Regierung und kulturellen Traditionen beruht. Die NATO wird ein Bestandteil der türkischen Außenpolitik bleiben, kann aber nicht länger ihr zentraler Bestandteil sein.
Titelbild: Kampfjet am Himmel. Foto: Hakan Semiz / Pexels (2025).