Die Türkei präsentiert sich als Energie-Drehscheibe zwischen Europa und Asien. Die drohende Schließung der Straße von Hormus hat die geopolitische Bedeutung der Türkei zwar gestärkt. Aber alle diskutierten Handelsrouten durch die Türkei stehen vor technischen oder politischen Hürden. Keines dieser Projekte ist eine Alternative zu Hormus
Der Beitrag erschien am 8. Mai 2026 auf Englisch bei unitedworldint.com
Von Yunus Soner
Yunus Soner ist Politikwissenschaftler und Kolumnist der Zeitung Aydınlık
Die Schließung der Straße von Hormus hat einen der größten Schocks auf dem Energieweltmarkt seit Jahrzehnten ausgelöst. Fast ein Fünftel des weltweiten Ölhandels und ein erheblicher Anteil der Lieferungen von Flüssigerdgas passieren normalerweise die schmale Wasserstraße zwischen Iran und Oman. Mit der Eskalation der Spannungen am Golf und den Unterbrechungen des Schiffsverkehrs begannen Länder in ganz Europa und Asien händeringend nach alternativen Lieferrouten zu suchen.
In Ankara hat die Krise ein lang gehegtes geopolitisches Ziel neu entfacht: die Türkei zu einem wichtigen regionalen Energiezentrum auszubauen, das den Nahen Osten, Zentralasien und Europa verbindet. Türkeis Regierung hat in den letzten Monaten mehrere Projekte mit Nachdruck vorangetrieben und das Land als strategische Alternative zu Hormus präsentiert. Offizielle Stellen schlugen den Ausbau der irakisch-türkischen Ölpipeline in Richtung Basra vor, die Wiederaufnahme der Pipeline-Gespräche mit Syrien und Katar, die Integration turkmenischen Gases in die türkischen Netze und die Beschleunigung des sogenannten „Entwicklungskorridors“, der sich vom Irak bis zum Mittelmeer erstreckt.
Energieminister Alparslan Bayraktar sagte, die Türkei könne während der Krise in der Region zu einem „alternativen Energiekorridor“ werden. Laut Nachrichtenagentur Anadolu sieht Ankara die irakisch-türkische Rohölpipeline von Kirkuk nach Ceyhan neben möglichen Gasrouten aus Katar und Turkmenistan als eine Säule dieser Strategie. Gleichzeitig sprach sich der Chef der Internationalen Energieagentur Fatih Birol öffentlich für eine Basra-Ceyhan-Pipeline aus, die die Straße von Hormus umgehen soll. In den Medien bezeichnet Birol das Projekt als strategisch wichtig für die Energiesicherheit des Irak, der Türkei und Europas.
Doch hinter dieser ambitionierten Rhetorik verbirgt sich eine weitaus komplexere Realität. Der türkische Ölexperte und Ingenieur Necdet Pamir führt aus, dass die von Ankara propagierten Projekte maßlos übertrieben dargestellt werden. Pamir ist ein anerkannter Experte auf seinem Gebiet. Er war Vorsitzender der Türkischen Kammer der Ölingenieure, Präsident der Energiekommission der oppositionellen Republikanischen Volkspartei CHP und forscht bis heute an verschiedenen Universitäten. Vor der Universität Westindien (UWI) erklärte Pamir kürzlich, keiner der vorgeschlagenen Korridore könne die Straße von Hormus hinsichtlich Umfang und Wirtschaftlichkeit realistisch ersetzen.
„Keines dieser Projekte stellt eine ausreichende Alternative zur Straße von Hormus dar“, sagt Pamir. „Genau darin liegt das Problem.“ Laut Pamir präsentieren die türkische Regierung und ihr nahestehende Medien Infrastrukturprojekte, als könnten sie die enorme Energiemenge aufnehmen, die normalerweise durch Hormus transportiert wird, obwohl die bestehenden Pipelines nur einen Bruchteil dieser Kapazität bewältigen. Pamir betonte das immense Ausmaß der Herausforderung. Täglich würden rund 20 bis 21 Mio. Barrel Rohöl und Erdölprodukte durch Hormus transportiert, neben etwa 20 % des weltweiten LNG-Handels. Vor diesem Hintergrund wirke die Irak-Türkei-Pipeline bescheiden.
„Die Kapazität der Irak-Türkei-Rohölpipeline beträgt derzeit 1,6 Mio. Barrel pro Tag“, bemerkte Pamir. „Aktuell transportiert sie nur etwa 170.000 Barrel.“ Pamir kritisiert türkische Medien, die die Wiedereröffnung der Pipeline als Lösung der Hormus-Krise darstellten. Die Pipeline bleibt auch politisch heikel. Der Warenverkehr auf der Kirkuk-Ceyhan-Route kam nach Angriffen des IS und einem bedeutenden internationalen Schiedsgerichtsverfahren zwischen Ankara und Bagdad über unerlaubte kurdische Ölexporte lange zum Erliegen. Die Türkei wurde zur Zahlung von rund 1,8 Mrd. US-Dollar Schadenersatz an den Irak verurteilt.
Trotz dieser Komplikationen drängt Ankara weiterhin auf den Ausbau der Route. Türkeis Energieminister Bayraktar schlägt vor, die Pipeline nach Süden bis Basra, der wichtigsten Ölförderregion des Irak, zu verlängern, um den Golf vollständig zu umgehen. Türkische Offizielle argumentieren, das Projekt könne einen erheblichen Teil der irakischen Exporte in Richtung Mittelmeer umleiten. Die Finanzierung ist jedoch weiter ungewiss. Pamir bezweifelt, ob internationale Investoren Dutzende Milliarden Dollar in eine Infrastruktur investieren, die durch eines der instabilsten Gebiete des Nahen Ostens verläuft.
„Für das Entwicklungsstraßenprojekt Türkei-Irak ist allein auf dem Papier von 17 Mrd. Dollar die Rede“, sagt er. „Wer würde so viel Geld in eine Region investieren, die nicht sicher genug ist und so viele Risiken birgt?“ Er führt aus, dass allein die geopolitische Instabilität langfristige Infrastruktur-Investitionen mit hohen Risiken versieht. Jede Route durch den Irak sei Angriffen von Milizen, regionalen Rivalitäten und wechselnden Allianzen ausgesetzt. Pamir sagt, diese Straße würde als Projekt gegen den Iran und das Milizenbündnis Hashd al-Shaabi oder die PKK wahrgenommen – und somit zum leichten Ziel werden. „Das ist keine einfache Investition“, warnt Pamir. „Aus 17 Mrd. Dollar werden schnell 25 oder 27 Mrd.“
Der Experte kritisiert die Berichterstattung über die „Entwicklungsstraße“: „Es wird behauptet, der türkische Abschnitt der Straße sei bereits zu 95 % fertiggestellt. Blickt man auf die Realität, zeigt sich: Die Inbetriebnahme der Route wurde für Anfang 2026 angekündigt. Betrachtet man jedoch die Details des Projekts, gliedert es sich in drei verschiedene Phasen: 2028, 2033 und 2050. Hier wird die gesamte Terminologie durcheinandergeworfen.“
Eine weitere Route führt durch Syrien – ein Land, dessen anhaltende Instabilität Pamir betont. Türkische Regierungsvertreter und regionale Akteure haben zuletzt verstärkt über die Möglichkeit von Pipeline-Routen durch syrisches Hoheitsgebiet diskutiert, die Gas aus der Golfregion mit der Türkei und Europa verbinden sollen. Einige dieser Vorschläge reichen Jahre zurück. Dazu zählen konkurrierende Pläne unter Beteiligung Katars und Irans.
Allerdings liegt die Infrastruktur Syriens nach Jahren des Krieges noch immer in Trümmern. Analysten und regionale Beobachter weisen darauf hin, dass Pipelines, Häfen, Eisenbahnstrecken und Stromnetze in Syrien einer umfassenden Sanierung und eines Wiederaufbaus bedürfen, bevor das Land als Energietransit-Korridor ernstzunehmen ist. Pamir nimmt kein Wort vor den Mund: „Ihr habt Assad gestürzt“, sagt er. „Aber gibt es heute in Syrien wirklich noch einen Staat? Es handelt sich vielmehr um ein Gebilde, das nur dank der Unterstützung durch die USA, Israel und sogar die Türkei Bestand hat.“
Hinzu kommt die wirtschaftliche Dimension. Ein Großteil der geplanten Entwicklungsstraße zwischen dem Irak und der Türkei besteht eher aus Eisenbahn- und Straßenverbindungen als aus Pipelines. Während Regierungsvertreter das Projekt als einen transformativen Handelskorridor preisen, betont Pamir, dass der Seetransport nach wie vor dramatisch günstiger ist als der Landweg: „Der Seetransport ist siebenmal billiger als der Straßentransport, dreimal billiger als der Schienentransport und 21 Mal billiger als der Lufttransport“, erklärt er. „Sollte die Straße von Hormus wieder geöffnet werden – wird Ihre geplante Route dann noch wirtschaftlich attraktiv sein?“
Diese Bedenken werden von internationalen Analysten geteilt. Selbst Länder, die bereits über alternative Infrastruktur verfügen – wie Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate –, könnten eine längerfristige Blockade der Straße von Hormus nicht vollständig kompensieren. Die bestehenden Alternativen decken nur einen Teil der unterbrochenen Versorgungsströme ab und bleiben anfällig für Angriffe und politische Instabilität.
Allerdings geht es Ankara bei seiner Initiative nicht allein um Krisenmanagement. Die Projekte spiegeln vielmehr die umfassende geopolitische Neuausrichtung der Türkei. In den vergangenen Jahren hat Ankara versucht, aus dem europäischen Bestreben nach einer Diversifizierung und der damit verbundenen Ablösung von der russischen Energieabhängigkeit Kapital zu schlagen. Der Krieg in der Ukraine hat diesen Prozess beschleunigt und die Bedeutung der Türkei als Transitland zwischen Ost und West gesteigert.
Gleichzeitig bleibt die Türkei selbst in hohem Maße von Energieimporten abhängig. Pamir weist darauf hin, dass die Türkei rund 88 % ihres Ölbedarfs, 96 % ihres Erdgasbedarfs und 97 % ihres Bedarfs an Steinkohle importieren muss. „Das macht die Wirtschaft extrem anfällig.“ Er ergänzt, dass die infolge des Russland-Ukraine-Krieges sprunghaft angestiegenen Energiepreise dazu führten, dass die türkische Rechnung für Energieimporte im Jahr 2022 auf fast 97 Mrd. US-Dollar hochgeschossen ist. Als die Ölpreise später wieder sanken, ging auch die Importrechnung deutlich zurück. Dieser Umstand verdeutlicht, wie anfällig die türkische Wirtschaft nach wie vor für globale Energieschwankungen ist.
Ankara hat versucht, seine Lieferantenbasis zu diversifizieren und gleichzeitig seine Verhandlungsposition gegenüber Moskau zu wahren. Laut Pamir ist die Abhängigkeit der Türkei von russischem Gas im Vergleich zu früheren Jahrzehnten zwar etwas zurückgegangen. Die Importe von russischem Öl bleiben jedoch beträchtlich, da Moskau unter dem Druck der Sanktionen weiterhin vergünstigte Preise anbietet. Gleichzeitig hat die Türkei ihre LNG-Importe aus den Vereinigten Staaten gesteigert. „Generell ist eine Tendenz hin zu Amerika zu beobachten“, Pamir warnt aber vor einer übermäßigen Abhängigkeit von einem einzelnen Partner.
Dieser Balanceakt ist zentral für die Ambitionen der Türkei, sich als Energie-Drehscheibe zu etablieren. Ankara strebt danach, sich gleichzeitig als Transitstaat, Handelszentrum und geopolitischer Vermittler zu positionieren – fähig dazu, Energiequellen aus Russland, dem Nahen Osten, Zentralasien und potenziell auch dem östlichen Mittelmeerraum mit Europas Märkten zu verbinden. Diese Vision reicht über bloße Pipelines hinaus.
Die Türkei setzt auf den „Mittleren Korridor“ – eine kontinentale Handelsroute, die Asien über den Kaukasus mit Europa verbindet. Türkische Regierungsvertreter meinen, dieser Korridor könne nicht nur eine Alternative zur Straße von Hormus, sondern auch zu den Routen durch Russland darstellen. Allerdings steht fast jeder der vorgeschlagenen Korridore vor erheblichen politischen und technischen Hürden:
Die Pipeline zwischen dem Irak und der Türkei erfordert eine stabile Zusammenarbeit zwischen Bagdad, Erbil und Ankara. Routen durch Syrien sind an Wiederaufbau und politische Normalisierung geknüpft. Gasprojekte in Zentralasien setzen mühsame Vereinbarungen zwischen den Anrainerstaaten des Kaspischen Meeres voraus. Und für fast alle großen Infrastrukturvorhaben bleibt die Finanzierung ungewiss.
Vorerst hat die – drohende – Schließung der Straße von Hormus die geopolitische Bedeutung der Türkei zweifellos gestärkt. Europäische Regierungen und internationale Energieinstitutionen betrachten das Land in der fragmentierten globalen Energielandschaft immer stärker als wichtigen Transitpartner. „Diese Projekte mögen die Bedeutung der Türkei in der Region steigern“, so Pamir. „Doch sie werden niemals eine Alternative schaffen können, die der Straße von Hormus ebenbürtig wäre.“
Titelbild: Mike van Schoonderwalt / Pexels