Einige Polen fangen an, die Ukraine nicht mehr als Verbündeten, sondern als Feind zu betrachten. Der Präsident der Nationalstiftung, die nach Polens Gründervater Roman Dmowski benannt ist, warnt in einem Artikel: Die Ukraine könnte Polen zum Sündenbock für eine Niederlage gegen Russland machen. Veteranen, ukrainische Flüchtlinge und die Fünfte Kolonne in Polen könnten zur Bedrohung werden. Er fordert ein Einvernehmen mit Russland

Der Beitrag erschien am 25. Juni 2026 auf Englisch bei korybko.substack

Von Andrew Korybko

Andrew Korybko ist ein amerikanischer Politologe, der sich auf den globalen Systemwandel zur Multipolarität spezialisiert hat. Er lebt in Moskau

Przemysław Piasta, der Präsident der Roman-Dmowski-Nationalstiftung, benannt nach einem Gründervater des heutigen Polen, hat bei Myśl Polska einen faszinierenden Artikel darüber veröffentlicht, wie „die Ukraine uns Russland näher bringt“. Er argumentiert überzeugend, dass Selenskyjs Verherrlichung der Völkermörder von OUN (Organisation Ukrainischer Nationalisten) und UPA (Ukrainische Aufständische Armee) in Wolhynien beweist, dass die Ukraine Polen als einen Feindstaat auf dem Niveau Russlands betrachtet. Diese Verherrlichung veranlasste jüngst Polens Präsident Karol Nawrocki dazu, Selenskyj den Orden des Weißen Adlers zu entziehen.

Piasta wiederholte dann die Vorhersage des führenden polnischen Außenpolitik- und Russland-Experten Sławomir Dębski, dass die Ukraine Polen zum Sündenbock für die Niederlage gegen Russland machen werde. Er ging aber noch weiter und warnte davor, dass die Ukraine dann Polen ins Visier nehmen könnte. Auch wenn er die genaue Art der potenziellen Bedrohung nicht näher erläuterte, ist zu vermuten, dass die Ukraine ihre jahrhundertealten Ansprüche auf Polens Südosten wiederbeleben und sich dabei auf Veteranen und ukrainische Flüchtlinge verlassen könnte – und die fünfte Kolonne in Polen, auf die er in seinem Beitrag aufmerksam macht.

Zum Hintergrund: Selenskyjs Topberater Michail Podolyak prahlte im Sommer 2023 damit, dass „wir nach Ende des Ukraine-Konflikts eine kompetitive Beziehung zu Polen haben werden“. Dann provozierte eine Shitpost-Karte von Polen unter Einschluss von Teilen der Ukraine den aktuellen OUN-Chef im Herbst 2024 zur Warnung, Polen spiele mit dem Feuer. Er schob ihr die Anspielung hinterher, dass Kiew die oben genannten Gebietsansprüche wiederbeleben könnte. Nur wenige Monate später warnte Polens früherer Präsident Andrzej Duda, die traumatisierten Truppen der Ukraine könnten eine Sicherheitsbedrohung für ganz Europa darstellen.

Diesen Herbst gab dann Ukraines Botschafter in Polen zu, dass seine Volksgenossen sich nicht assimilieren wollen. Und die ukrainischen Medien prophezeiten freudig, dass im polnischen Sejm bald eine ethnisch ukrainische Lobby Gestalt annehmen könnte. Anfang des Jahres startete Polen das Projekt Trident, um eine Kriminalitätswelle aus der Ukraine nach dem Konflikt zu vereiteln. Diesem Projekt könnte ein doppelter Verwendungszweck zur Aufstandsbekämpfung eingebaut sein. All diese Umstände lassen Piastas Warnung, dass die Ukraine nach dem Konflikt eine ernste Bedrohung für Polen darstellen wird, glaubwürdig erscheinen.

Das war der Kontext, aber was sind Piastas Vorschläge? Erstens soll Polen damit aufhören, moderne statt älterer Waffen an die Ukraine zu schicken, um diesem potenziellen Gegner im geschilderten Szenario keinen Vorteil zu verschaffen. Zweitens sollte Polen die Entwicklung seines – beschämend unterentwickelten – militärisch-industriellen Inlandskomplexes verdoppeln, um die Ausrüstung, die es im Falle eines konventionellen Konflikts mit der Ukraine benötigt, in Massenproduktion herzustellen. Die allgemeine Wehrpflicht soll wiederhergestellt werden, schlägt Piasta vor, und die fünfte Kolonne durch die Spionageabwehr neutralisiert. 

Piasta fordert weiter, dass „alle Personen, die für die polnische Wirtschaft als unnötig erachtet werden, abgeschoben werden. […] Alle Personen, die gegen das Gesetz verstoßen, sollten ebenfalls aus dem Hoheitsgebiet der Republik Polen ausgewiesen werden, unabhängig vom Ausmaß und der Kategorie des Verbrechens oder sogar des Vergehens, das sie begangen haben.“ Darüber hinaus sollte Polen seine Probleme mit Russland lösen.

Wie auch immer man über Piastas Artikel denkt, es ist bedeutsam, dass einige Polen die Ukraine nun als Feind – statt Verbündeten – konzeptualisieren. Diese Sichtweise könnte politische Konsequenzen haben, wenn sie von einer kritischen Masse der Gesellschaft angenommen wird. 

Selenskyj mischt sich bereits in die polnische Politik ein. Das bewies die jüngste Mission seines Stabschefs Kirill Budanov, der Nawrockis Team dazu bringen sollte, den Entzug des Ordens auf unbestimmte Zeit zu verschieben, um die Stimmung zu Gunsten der regierenden liberalen Partei zu manipulieren. Wahrscheinlich folgen bald weitere unfreundliche Aktionen.