Es gibt eine antiimperialistische und eine antideutsche Linke. Die Teilung der Linken stammt auch von der Blockspaltung, die Deutschland durchzog. Sie hält bis heute nach, auch wenn die Multipolarität die Linke allmählich neu anordnet wie die Rechte.
Ohne die außenpolitische Einbindung zu berücksichtigen, kann man die Zwiste auf den politischen Flügeln unmöglich verstehen. In polemischer Absicht mag man natürlich dem Wort „antideutsch“ einen subjektiven Sinn zuschreiben und damit alles bezeichnen, was man als gegen Deutschland gerichtet wahrnimmt. Damit verfehlt man allerdings den objektiven Sinn, der wichtiger ist.
Die antideutsche Erzählung lautet verkürzt: Deutschland ist verantwortlich für alles Unheil. Das Heil kommt durch Israel. Und dem Kommunismus darf nur im Zuge einer bürgerlich-westlichen Weltrevolution kapitalistisch der Weg bereitet werden. Diese Erzählung war anschlussfähig an das politische Koordinatensystem der BRD. Die US-Reeducation hatte nach dem Weltkrieg den deutschen Sonderweg aus Militarismus und Autorität bewältigt. Die Frankfurter Schule hatte sich vom Arbeiter als revolutionärem Subjekt verabschiedet und an die Stelle des Klassenkampfs etwa die Aufarbeitung des Antisemitismus gerückt.
Die Kommunisten im Osten lehnten diese Sonderwegsbewältigung ab. Sie durchschauten die Erzählung vom deutschen Weg ins Unheil als „Miserekonzeption“, die revolutionäre Linien der deutschen Geschichte verschweige und den westlichen Imperialismus entlaste. Mit den deutschen Kommunisten bemühten sie sich um eine positive Erzählung deutscher Geschichte. Der Antiimperialismus schrieb die Ursachen des Faschismus in der Dimitroff-Formel den „am meisten imperialistischen Elementen des Finanzkapitals“ zu. Das war auch die Linie der DDR.
Die Bezeichnung antiimperialistischer Denkmuster als „antideutsch“ folgt in der Rechten einer fremdbestimmten Strategie. – Nein, Postkolonialismus ist nicht antideutsch, sowjetinspirierter Antiimperialismus ist auch nicht antideutsch. Antideutsche akzeptieren die Sowjetunion gerade noch als Sieger über das Deutsche Reich, das Sowjetreich lehnen sie mit dem Willy-Brandt-Berater Fritz Sternberg, einst Exilant in New York, als reaktionäre Despotie ab, die man – wie Deutschland – durch Selbstbeschäftigung zur Abdankung zwingen müsse.
Die Verdrehung der Begriffe soll vermutlich auch verdecken, dass sich antideutsche Denkmuster heute immer stärker auf der Rechten ausbreiten. Nicht nur über die Pipeline zwischen Jungle World und Springer. Es wurden Anreize geschaffen für eine Erzählung, die homolog zur antideutschen Erzählung ist, aber eine konservative Färbung trägt. Die Kontinuität entspricht derjenigen zwischen Trotzkismus und Neokonservatismus in den USA und stellt sicher, dass systemische Entscheidungen auf beiden politischen Flügeln tragfähig sind.
Die antideutsch-rechte Erzählung lautet: Der Islam bedroht westliche Werte, die Deutschlands eigene Ordnung legitimieren. Gegen den Islam braucht es außenpolitisch Regime Changes und innenpolitisch einen Gegendschihad. Die USA sind unsere legitime Schutzmacht. – Außenpolitisch-rituelle Aspekte des Volksbegriffs werden ausgeblendet. Die Weltrevolution wird rechts angestrichen, geopolitische Grundlagenentscheidungen der deutschen Rechten stillschweigend einkassiert. Das Mosaik dieser Erzählung ergibt sich aus der Zusammenarbeit verschiedener Lager, die von Westen Rückenwind eingehaucht bekommen.
Was links oder rechts sein soll, ergibt sich aus der Bemächtigung dieser Richtungen durch Akteure, die weder links noch rechts sind. Als die Linke ab- und die Rechte aufstieg, schichtete man Denkmuster und Personal von links nach rechts um. Die Neue Rechte ist dagegen weitgehend wehrlos, weil sie in Kommunikation statt Geopolitik denkt. Ohne strategische Autonomie sind Erfolge aber wertlos. Den Anfang bilden saubere Begriffe.