Eurasien droht Rivalität ohne Regeln. Um Eskalation künftig zu verhindern, braucht es einen Mechanismus zwischen drei geografisch wichtigen Ländern, die bereits eng miteinander verbunden sind. Dieser Rahmen zwischen der Türkei, Russland und China könnte Krisenmanagement, Konfliktvermeidung, ökonomische Vernetzung verbessern, ohne ideologischer Blockpolitik zu verfallen. Er könnte ein Gleichgewicht schaffen, das keiner zerstören will
Der Beitrag erschien auf Englisch 19. Juni 2026 bei unitedworldint.com
Von Mehmet Enes Beşer
Mehmet Enes Beşer ist Soziologe, Marketingspezialist und Direktor des Bosphorus Center for Asian Studies
Das Wort „Allianz“ macht Leute nervös. Und das aus gutem Grund. Allianzen verhindern zwar Kriege, aber sie lösen Kriege auch aus: Fronten verhärten sich, Loyalität wird zur Waffe, plötzlich entwickelt sich ein lokaler Konfliktherd zu einer globalen Glaubwürdigkeitsprobe.
Die Tatsache, dass Allianzen scheitern können, ändert nichts an der Realität, auf die Eurasien zusteuert: Rivalität ohne Regeln, gegenseitige Abhängigkeit ohne Vertrauen und ein Mangel an Stoßdämpfern, falls die Dinge aus dem Ruder laufen. Diesen Mangel könnte ein Rahmen für strukturelle Zusammenarbeit zwischen der Türkei, Russland und China beheben.
Keine „Achse“. Kein brusttrommelnder Block. Kein großer zivilisatorischer Kreuzzug. Sondern etwas weit weniger Spektakuläres, dafür umso Nützlicheres: ein Stabilitätspakt – ein Set fest etablierter Kommunikationswege und Grundregeln, die Eskalation erschweren und Krisenmanagement in jenen Regionen erleichtern, in denen Krisen bevorzugt entstehen. Denn gegenwärtig gibt es vor allem Improvisation. Man stimmt sich ab, bis man es nicht mehr tut. Und bleibt die Abstimmung aus, gibt es keinen verlässlichen Mechanismus, um eine Kollision zu verhindern.
Warum ausgerechnet diese drei Länder? Weil sich Geografie nicht um Ideologien schert. Die Türkei ist der Dreh- und Angelpunkt. Sie liegt dort, wo sich Sicherheitssysteme überschneiden und ineinandergreifen: Schwarzes Meer, Kaukasus, östliches Mittelmeer, Naher Osten und am Tor zu Zentralasien. Sie kann sich nicht auf einen einzigen Schauplatz beschränken, sie ist in all diesen Regionen präsent. Zudem hat sie jahrelang – mal unbeholfen, oft effektiv – versucht, ihren Handlungsspielraum zu bewahren, anstatt sich dem Drehbuch eines einzigen Lagers unterzuordnen.
Russland ist eine unumstößliche Tatsache. Unabhängig davon, wie man zu seinen Entscheidungen steht, bleibt das Land ein bedeutender militärischer Akteur, der über Einfluss im Energiesektor sowie über strategische Tiefe im gesamten Raum zwischen Schwarzem Meer, Kaukasus und Zentralasien verfügt. Man kann Russland aus Eurasien ebenso wenig „wegignorieren“ wie den Winter.
China ist das wirtschaftliche Gravitationszentrum: Fertigung, Kapital, Technologie, Infrastruktur. Peking gestaltet die Anreize, die darüber entscheiden, ob sich fragile Räume durch Entwicklung stabilisieren oder durch Rückschlag und Abhängigkeit destabilisieren.
Diese drei Länder sind bereits eng miteinander verbunden: Energiehandel, Sanktionsumgehung, Konfliktvermeidung, Verkehrskorridore und diplomatisches Feilschen. Das Problem ist, dass das gesamte Vorgehen fragmentiert, von Einzelpersonen geprägt und reaktiv ist. Fragmentierte Koordination funktioniert, bis sie scheitert. Dann stellt man fest, dass man kein System hat, sondern nur Gewohnheit.
Was würde ein echter Rahmen bewirken? Er würde nicht jeden Streit lösen. So funktioniert Eurasien nicht. Aber er könnte etwas weitaus Realistischeres leisten: die Wahrscheinlichkeit verringern, dass Konflikte außer Kontrolle geraten und eskalieren:
1. Ein Rahmen könnte Krisenmanagement zu einer Institution machen, nicht zu einer Frage der Stimmungslage. Das Schwarze Meer, der Kaukasus, Syrien, Zentralasien sind keine isolierten Bereiche. Flüchtlingsströme, Waffenlieferungen, Energierouten, Proxies und Milizen sowie politische Ausstrahlungseffekte verbinden sie miteinander. Ein ständiger trilateraler Kanal – regelmäßiger Sicherheitsdialog, Arbeitsgruppen, funktionierende Hotlines, vereinbarte Verfahren zur Konfliktvermeidung – schafft keine Harmonie, aber Zeit. Und Zeit verhindert, dass sich beiläufige in unumkehrbare Eskalation verwandelt.
2. Ein Rahmen könnte das Sicherheitsdilemma durch langweilige, aber lebensrettende Regeln auflösen. Eurasien füllt sich mit Raketen, Drohnen, Systemen für elektronische Kampfführung und mehrdeutiger Dual-use-Infrastruktur. Wenn die Absichten nicht erkennbar sind, wirkt jede „defensive“ Aufrüstung offensiv. Die Lösung ist nicht Vertrauen. Die Lösung sind Protokolle: Vereinbarungen für Zwischenfälle auf See, Kommunikationsregeln im Luftraum, Transparenz bei Militärübungen und klare rote Linien in Bezug auf kritische Infrastruktur. Ja, das ist langweilig. Genau deshalb funktioniert es.
3. Ein Rahmen erzeugt Vernetzung, die stabilisiert, statt Zwang. Eurasien mangelt es nicht an Projekten, sondern an vertrauenswürdigen Projekten. Korridore und Pipelines können Volkswirtschaften miteinander verknüpfen – oder als Hebel dienen, die gegenseitige Abhängigkeit in Erpressung verwandeln. Eine ernsthafte Vereinbarung müsste wirtschaftliche Rahmenbedingungen schaffen, die Beschränkungen vorsehen: diversifizierte Routen, gemeinsame Eigentumsstrukturen, Schiedsmechanismen und klare Regeln gegen politisch motivierte Handelsblockaden.
4. Ein Rahmen bietet einen Ausweg aus der schlimmsten Form von Blockpolitik. Viele Staaten in Asien wollen sich nicht für eine Seite entscheiden. Sie wollen aber auch nicht zwischen größeren Mächten zerrieben werden. Ein pragmatischer eurasischer Rahmen könnte als Stabilisator wirken, sofern er auf ideologische Etikettierungen verzichtet: nicht „antiwestlich“, sondern antichaotisch. Das erreicht er, indem er für berechenbare Diplomatie sorgt, wo Unberechenbarkeit zur Regel zu werden droht.
Der naheliegende Einwand gegen diesen Rahmen lautet: „Er verschärft nur die globalen Spaltungen.“ Das könnte passieren, wenn der Rahmen als Kreuzzug verkauft wird. Wenn die Botschaft lautet: „Wir bilden einen Block gegen den Westen“, dann gibt es eine kältere, härtere Sicherheitsarchitektur mit weniger Leitplanken und mehr Paranoia. Das wäre eine selbst zugefügte Wunde. Dass dieses Risiko besteht, bedeutet aber nicht, dass man die Idee aufgeben muss. Sie muss nur so gestaltet werden, dass sie einem Stresstest standhält.
Ein friedensorientierter Rahmen zwischen der Türkei, Russland und China bräuchte explizite Grenzen: Konfliktlösung und Nichtaggression als Mission, nicht zur Machtprojektion. Souveränität als rote Linie, insbesondere in Regionen, in denen Einfluss schnell zu Besatzung wird. Regelbasierte wirtschaftliche Zusammenarbeit, so dass Konnektivität nicht Abhängigkeit unter anderem Namen ist. Institutionalisierte Diplomatie: Gipfeltreffen, Arbeitsgruppen, Krisen-Hotlines, die wirklich funktionieren. Haltung der offenen Tür: Regionale Mechanismen dürfen nicht ersetzt, sondern müssen zur Koordination ausgebaut werden.
Dagegen lässt rundheraus einwenden: „Wie soll das Frieden stiften, wenn diese Staaten im Widerspruch zum Westen stehen?“
Genau deshalb ist Struktur ja wichtig. Frieden braucht es nicht nur unter Freunden, sondern auch zwischen Akteuren, die auf lange Sicht miteinander zurechtkommen müssen – mit allen Konsequenzen. Die Türkei wird weiter eine Schlüsselrolle spielen. Russland wird nicht wegziehen. China wird nicht schrumpfen. Anderes vorzutäuschen, ist nicht Strategie, sondern Wirklichkeitsverweigerung mit Sprechzettel. Und nein, die Romantisierung zur Bruderschaft ist nicht nötig, im Gegenteil: Man muss Unterschiede anerkennen und bewusst managen. Weil die Reibung real ist.
Die Türkei konkurriert in manchen Gegenden mit Russland, in anderen kooperieren sie. Die Türkei hat Ambitionen im turkischen Zentralasien, Russland betrachtet Zentralasien als Kernzone seiner Sicherheit, China betrachtet es als Korridor für Kapital und Konnektivität. Diese Antriebe passen nicht genau zusammen. Das ist normal. Der Stabilitätspakt soll Reibungen nicht beseitigen, sondern verhindern, dass sie sich in Krieg verwandeln.
Wie sieht diese Friedensarchitektur in der Praxis aus? Sie ist keine Poesie, sondern Klempnerei. Ein trilateraler Sicherheitsrat, der regelmäßig tagt, nicht nur in Krisenzeiten. Hotlines, die getestet, mit Personal besetzt und genutzt werden. Ständige Konfliktlösungsmechanismen für Krisenherde. Gemeinsame Protokolle zum Schutz kritischer Infrastruktur. Selbstverpflichtungen zur Deeskalation im Hinblick auf bestimmte Korridore und Engpässe. Ein wirtschaftlicher Rahmen, der stabilisierendes Verhalten belohnt und nötigendes bestraft.
Vor allem würde diese Architektur einen Wandel in der politischen Vorstellungskraft erfordern: weg von der kindischen Fantasie, dass Frieden entsteht, wenn eine Seite „gewinnt“ – hin zur härteren Wahrheit, dass Frieden durch den Aufbau eines Gleichgewichts entsteht, das niemand zerstören will.
Eurasien braucht mehr Stoßdämpfer – Mechanismen, die Krisen lange genug verlangsamen, um Diplomatie funktionieren zu lassen. Ein gut durchdachtes Geschäft zwischen der Türkei, Russland und China könnte ein solcher Stoßdämpfer sein. Nicht, weil es alle Probleme lösen würde. Weil es schwieriger machen würde, alles auf einmal in die Luft zu jagen.
Titelbild: The Russian Presidential Press and Information Office, CC BY 4.0, zugeschnitten. Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/