Das Memorandum zwischen dem Iran und den Vereinigten Staaten lässt nicht die Geburtsstunde eines neuen Nahen Ostens schlagen. Denn der Krieg gegen den Iran war nie ein rein amerikanisches Projekt, sondern ein israelisches Projekt, das auf amerikanischer Macht basiert. Für Israels politisches Establishment bleibt der Iran der einzige Staat, der Israels regionale Hegemonie verhindern kann. Israel rüstet sich für eine Zeit nach dem US-amerikanischen Imperium

Der Beitrag erschien am 21. Juni 2026 auf Englisch bei kevorkalmassian.substack

Von Kevork Almassian

Kevork Almassian ist syrischer Geopolitik-Analyst und Gründer von @SyrianaAnalysis

Als die Diskussionen über ein mögliches Memorandum zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran begannen, deuteten Beobachter das voreilig als Beginn eines neuen Kapitels im Nahen Osten. Manche sprachen davon, dass sich Diplomatie endlich gegen Konfrontation durchsetze. Andere waren der Ansicht, Washington habe nach Jahren von Sanktionen, gezielten Tötungen, verdeckten Operationen und militärischer Eskalation endlich akzeptiert, dass der Iran weder militärisch besetzt noch zur Unterwerfung gezwungen werden kann. Der Gedanke hinter diesen Interpretationen: Beide Seiten treffen eine rationale Entscheidung für den Frieden, sobald sie die hohen Kosten eines fortgesetzten Konflikts erkannt haben.

Diese Annahme ist schwer akzeptabel. Nicht weil Diplomatie unmöglich wäre oder weil der Iran und die Vereinigten Staaten unfähig wären, vorübergehende Verständigungen zu erzielen. Staaten verhandeln ständig mit ihren Gegnern. Die Geschichte ist voller Beispiele, in denen erbitterte Feinde Vereinbarungen trafen, die ihren unmittelbaren Interessen dienten. Aber es gibt einen grundlegenden Unterschied zwischen einer taktischen Atempause und der strategischen Beilegung eines Konflikts. Ein Waffenstillstand kann die Lage auf dem Schlachtfeld einfrieren, er kann aber nicht jene Kräfte beseitigen, die den Konflikt überhaupt erst ausgelöst haben. Deshalb sollte jedes Memorandum zwischen Washington und Teheran als Unterbrechung in einem weit größeren Kampf verstanden werden.

Der Krieg gegen den Iran war nie ein rein amerikanisches Projekt. Er ist vor allem ein israelisches Projekt, das auf amerikanischer Macht basiert. Diese Unterscheidung ist wichtig, weil sie unsere Interpretation aller nachfolgenden Ereignisse verändert. Würde Washington ausschließlich auf Grundlage eigener strategischer Kalkulation handeln, ließe sich plausibel argumentieren, dass ein Abbau der Spannungen mit dem Iran amerikanischen Interessen dient. Die Vereinigten Staaten haben sich jahrzehntelang in endlosen Kriegen im Nahen Osten aufgerieben und sind gleichzeitig Chinas Aufstieg im Indopazifik entgegengetreten. Aus bloß amerikanischer Sicht könnte die Verringerung einer weiteren kostspieligen regionalen Konfrontation als strategischer Realismus interpretiert werden.

Aber Israels Kalkulationen sind anders.

Für Israels (sicherheits-)politisches Establishment ist der Iran nicht nur ein weiterer regionaler Rivale. Er ist der einzige Staat in Westasien, der Israel daran hindern kann, seine militärische Überlegenheit in regionale Hegemonie umzumünzen. Jede bedeutende arabische Streitkraft wurde entweder besiegt, neutralisiert, zersplittert oder in eine regionale Ordnung integriert, die sich um eine Normalisierung im Rahmen der Abraham Accords dreht. Der Irak und Syrien wurden zerstört. Libyen brach zusammen. Ägypten gab die Konfrontation schon vor Jahrzehnten auf. Die Golfmonarchien haben sich schrittweise auf eine Strategie der Verständigung zubewegt. Was bleibt, ist der Iran samt jenem Netzwerk von Verbündeten, das Teheran über Jahrzehnte hinweg aufgebaut hat – weil es erkannte, dass eine direkte Konfrontation mit Israel allein nicht durchzuhalten wäre.

Betrachtet man die Dinge so, lässt sich das übergeordnete Ziel des jüngsten Krieges leichter verstehen. Militärschläge allein waren nie das Endziel. Sie sollten die politischen Voraussetzungen für etwas weitaus Größeres schaffen.

Seit Jahren diskutieren einflussreiche Stimmen in Israel und innerhalb der amerikanischen Außenpolitik-Elite offen über einen Regime Change in Teheran. Andere gehen noch weiter und plädieren für eine Aufspaltung des Iran in konkurrierende ethnische Gebilde. Kurdischer Separatismus, Aufstände der Belutschen, aserbaidschanischer Nationalismus und andere zentrifugale Kräfte tauchen immer wieder in strategischen Erörterungen zur Schwächung des iranischen Staates auf. Ob jeder dieser Vorschläge realistisch ist, spielt kaum eine Rolle. Entscheidend ist die bemerkenswert beständige Annahme, die zugrundeliegt: Ein geeinter, souveräner Iran stellt das Haupthindernis für Israels langfristige regionale Ambitionen dar.

Und hier unterschätzen meiner Meinung nach viele Beobachter das Ausmaß dessen, was auf dem Spiel stand. Wäre eine solche Strategie erfolgreich, würden die Folgen weit über den Iran hinausreichen. Eine Regierung in Teheran, die von politischer Rückendeckung des Westens abhängig wäre, hätte die Außenpolitik des Landes ziemlich sicher neu ausgerichtet. Nach Jahrzehnten der Sanktionen und der Isolation hätte sich der riesige iranische Energiesektor für ausländische Konzerne geöffnet. 

Noch wichtiger: Die Kontrolle über das strategische Umfeld der Straße von Hormus hätte sich drastisch verschoben. Dabei handelt es sich nicht bloß um irgendeine Seepassage, sondern um einen der wichtigsten Engpässe für die Energieversorgung der Weltwirtschaft. Wer auch immer entscheidenden Einfluss auf den Persischen Golf ausübt, verfügt über einen Hebel, dessen Wirkung weit über den Nahen Osten hinausreicht. Energiemärkte, Schifffahrtsrouten, Versicherungskosten, die globale Inflation und der strategische Wettbewerb der Großmächte – all dies führt auf die eine oder andere Weise über Hormus.

Stellen Sie sich mal ein Israel vor, das den Iran erfolgreich neutralisiert, eine erdrückende militärische Überlegenheit erreicht, uneingeschränkte amerikanische Unterstützung genießt, die Normalisierung in der arabischen Welt ausweitet und indirekt den Zugang zu einem der weltweit wichtigsten Energiekorridore mitgestaltet. In diesem Szenario wäre Israel nicht nur Amerikas engster Verbündeter in der Region, sondern auch dominierender geopolitischer Akteur – vom Mittelmeer bis zum Persischen Golf. Länder, die bislang zögerten, sich den Abraham Accords anzuschließen, sähen sich mit enormen Anreizen konfrontiert, dies doch zu tun. Widerstandsbewegungen wären zunehmend isoliert. Arabische Regierungen würden sich auf ein neues regionales Machtgefüge einstellen, in dem ein Arrangement mit Israel mehr Sicherheit brächte als der Widerstand dagegen.

Mit anderen Worten: Israel hätte etwas erreicht, das es seit Jahrzehnten anstrebt – regionale Hegemonie. Deshalb glaube ich, dass Israels Führung über den unmittelbaren Augenblick hinausdenkt. Viele Analysten gehen nach wie vor davon aus, dass Israels Strategie vollständig von dauerhafter amerikanischer Vormacht abhängt. Ich halte das Gegenteil für realistischer. Den israelischen Planern ist bewusst, dass kein Imperium auf ewig dominant bleibt. Ob der amerikanische Abstieg schleichend oder ungleichmäßig verläuft, steht auf einem anderen Blatt. Aber kaum ein ernstzunehmender Stratege geht davon aus, dass das heutige internationale Machtgefüge auf Dauer unverändert bleiben wird.

Trifft das zu, hat Israel allen Grund, seine eigene, unabhängige Position zu festigen, solange die amerikanische militärische, diplomatische und finanzielle Macht noch verfügbar ist. Die Logik dahinter ist geradezu zwingend: Man nutzt die amerikanische Macht von heute, um die israelische Vormachtstellung von morgen zu sichern. Denn sollte Washington seine militärische Präsenz im Nahen Osten eines Tages reduzieren, bräuchte ein Israel, das das regionale Machtgefüge bereits dominiert, weitaus weniger direkte US-Intervention, um seine Position zu behaupten. So gesehen, ging es bei der jüngsten Konfrontation mit dem Iran nie bloß um den Iran selbst. Es ging vielmehr um die Vorbereitung auf einen post-amerikanischen Nahen Osten.

Deshalb bin ich nach wie vor skeptisch, ob ein Memorandum tatsächlich dauerhaften Frieden schaffen kann. Friede setzt voraus, dass beide Seiten zur Erkenntnis kommen, ihre strategischen Kriegsziele seien nicht mehr zu erreichen. Ich glaube nicht, dass Israel zu dieser Einschätzung gelangt ist. Ich vermute eher das Gegenteil. Sobald ein diplomatischer Rahmen die direkte militärische Konfrontation einfriert, verlagert sich der Fokus zwangsläufig auf andere staatliche Instrumente: Geheimdienstoperationen, Cyberkriegsführung, wirtschaftlichen Druck, psychologische Kriegsführung, Informationskampagnen, verdeckte Sabotage, Einflussnetzwerke und Stellvertreterkonflikte – also Methoden unterhalb der Schwelle eines offenen Krieges.

Manche sagen, der Iran habe sich auf ein Übereinkommen eingelassen, weil er Israels Absichten unterschätzt habe. Auch diese Interpretation halte ich für wenig überzeugend. Eine der wichtigsten Lehren aus dem jüngsten Konflikt ist ja gerade, dass der Iran weitaus besser vorbereitet war, als viele seiner Gegner erwartet hatten. Trotz massiven militärischen Drucks, gezielter Tötungen, verdeckter Operationen, Wirtschaftssanktionen und anhaltender diplomatischer Isolierung bewies der Staat eine Widerstandsfähigkeit, die viele Beobachter überraschte – in und außerhalb der Region.

Diese Widerstandskraft sollte uns davon abhalten, die iranischen Entscheidungsträger als naiv darzustellen. Teheran ist sich im Klaren darüber, dass eine Unterbrechung der militärischen Operationen nicht zwangsläufig eine dauerhafte Beilegung des Konflikts bedeutet. Den iranischen Planern ist zweifellos bewusst, dass israelische Geheimdienste, politische Lobby und verdeckte Netzwerke weiterhin auf dieselben langfristigen Ziele hinarbeiten wie schon vor der Unterzeichnung irgendeines Memorandums. Deshalb vermute ich, dass sich beide Seiten derzeit nicht auf den Frieden vorbereiten, sondern auf die nächste Phase der Auseinandersetzung.

Wann genau diese Phase eintreten wird, hängt von vielen Faktoren ab. Die innenpolitische Lage in den USA spielt sicherlich eine Rolle. Die Kongresswahlen könnten die Bereitschaft Washingtons zur Konfrontation beeinflussen. Regionale Entwicklungen könnten eine Eskalation beschleunigen oder hinauszögern. Die strategischen Kalküle in Israel und im Iran werden sich weiterentwickeln, wenn beide Seiten die Lehren aus dem vorangegangenen Konflikt ziehen. Doch keiner dieser Faktoren ändert etwas an der grundlegenden Tatsache, dass der strukturelle Konflikt ungelöst bleibt.

Deshalb ist es verfrüht, diplomatische Dokumente zu feiern, als ließen sie die Geburtsstunde eines neuen Nahen Ostens schlagen. Manchmal beenden Abkommen Kriege. Manchmal schieben sie Kriege nur auf. Und in geopolitischen Konflikten um regionale Hegemonie, Energiekorridore, die Zukunft der amerikanischen Macht und das Machtgleichgewicht in Westasien geht, kann ein solches Aufschieben wie Frieden wirken. Die Geschichte erinnert uns daran, dass beides nicht dasselbe ist.