Westasien ist der Angelpunkt der Multipolarität. Multipolarität ist eine Ordnung großräumiger Ressourcengliederung. In Westasien wird rund ein Drittel der wichtigsten Ressource zu Antrieb des Weltlaufs gefördert: Erdöl. Und der Irankrieg hat, Stand jetzt, den Erdölhandel deglobalisiert und vergroßräumlicht.
Multipolarität ist eine Ordnung multipler Weltenden. Das eine Ende in der Liberaldemokratie ist suspendiert. Die vielen Enden der Heilsgeschichte verschaffen sich wieder Geltung. In Westasien nehmen viele dieser Enden ihren Ausgang. Und der Irankrieg war, was seine Motivik betrifft, stärker von religiösen Erzählungen bestimmt – Mahdi, Jesus, Dritter Tempel – als von einem Antrieb zur Demokratisierung.
Im Irankrieg, vom China-Kenner Arnaud Bertrand als erster Krieg der Multipolarität bezeichnet, herrscht jetzt zweiwöchiger Waffenstillstand. Dieses Ergebnis wurde ohne die übliche Kulissenschieberei des Westens von Pakistan vermittelt. Kommentatoren schätzen, dass es auf Druck Chinas zustande gekommen ist. Die Volksrepublik hat damit den Eindruck verfestigt, der Erwachsene im Raum zu sein, wie man auf Englisch sagt.
Wer als Gewinner, wer als Verlierer aus dem Krieg auf Dauer hervorgehen wird, hängt auch vom Pfad ab, den die handelnden Staaten fortan einschlagen. Europa hat sich aus dem Krieg so gut wie möglich herausgehalten, zieht man bestehende Abhängigkeiten in Betracht. Es hat Basen und Überflugrechte entzogen und sich distanziert. Aus der Perspektive der longue durée hat die Abnabelung begonnen, wie auch immer sie ideologisch konnotiert ist.
Aus kurzer Sicht sieht es für Deutschland düster aus. Nichts funktioniert mehr. Wirtschaft schrumpft. Inkompetenz überall. Weitet man die Sicht, wird der Ausblick schon heiterer. Die Multipolarität ist eine Ordnung, die Deutschland entgegenkommt, die Deutschland im Ersten Weltkrieg schon vertreten hat – und mit der Deutschland leider gescheitert ist. Ändert sich die Ordnung der Welt nach diesem Muster, kann Deutschland einen neuen Anlauf zur Hegemonie in Europa nehmen. Die alte Abhängigkeit fortzuführen, womöglich in Gegnerschaft zur EU, ist keine Alternative.
Anders als Frankreich ist Deutschland nicht auf die engere Nationalstaatlichkeit fixiert. Hätte Franz I. von Frankreich im 16. Jh. die Kaiserwürde erlangt, wie er wollte, hätte womöglich Frankreich den Weg der Überstaatlichkeit eingeschlagen – und zwei Weltkriege verloren. Frankreich brauchte also den Titel der nationalen Souveränität, weil es kein übernationales Reich hatte. Heute verfügt es über Atomwaffen und Souveränität. Deutschland hingegen hat allen Grund, sein Gewicht in einen Ausbau der EU zu verlagern.
Europa ist politisch noch halbstark. Augenfälliger Ausdruck dieser Halbstärke ist die Einstufung der Islamischen Revolutionsgarden als Terrororganisation im Januar 2026. Wer öffentliche Einrichtungen als Terrorismus einstuft, nimmt sich aus dem Spiel. Heute sitzen die Garden an der Straße von Hormus und regeln den Schiffsverkehr. Wenn der Waffenstillstand hält und die kommende Ordnung vorwegnimmt, dürfte das so bleiben.
Deutschland hat während des Kriegs die Westbindung gelockert. Die Staatsräson, die im Beistand zu Israel bestehen soll, wurde höflich beschwiegen. Denn Israel hatte diesen Krieg ja offenkundig vom Zaun gebrochen.
Kurzfristig mag die Welt wanken. Solange sie langfristig ins Lot kommt, ist alles in Ordnung.