In der Sendung Strategic Compass diskutieren Hasan Ünal, Professor für internationale Beziehungen, und Larry Johnson, ehemaliger CIA-Geheimdienstanalyst und erfahrener Anti-Terror-Experte über den Irankrieg: youtu.be

USA und Israel haben die Stabilität und Widerstandsfähigkeit des Iran falsch eingeschätzt. Auf der Liste von Ländern, deren Regierungen umgestürzt werden sollen, folgt die Türkei auf den Iran. Der Iran ist nicht der führende Unterstützer von Terrorismus. Die Blockade der Straße von Hormus verwandelt den Konflikt in eine Weltwirtschaftskrise. Russland ist der Hauptnutznießer des Kriegs und seiner wirtschaftlichen Folgen

Dieser Beitrag erschien am 15. März 2026 auf Englisch bei harici.com.tr

Von Harici

Harici ist eine digitale Medienplattform mit Sitz in der Türkei. Sie wird geleitet von Tunç Akkoç und konzentriert sich auf internationale Berichterstattung

In einer umfassenden und ernüchternden Analyse des eskalierenden Konflikts in Südwestasien bezeichnet Larry Johnson, ehemaliger CIA-Geheimdienstanalyst und erfahrener Anti-Terror-Experte, die US-israelische Offensive gegen den Iran als katastrophale strategische Fehlkalkulation. Im Gespräch mit Professor Hasan Ünal argumentiert Johnson in der Sendung Strategic Compass, Washington und Westjerusalem hätten die innere Stabilität und militärische Widerstandsfähigkeit des Iran grundlegend falsch eingeschätzt und damit eine globale Wirtschaftskrise ausgelöst, die den Westen in eine lang anhaltende Depression zu stürzen droht.

Die Debatte, die im Anschluss an den von Johnson als „mörderischen Angriff“ bezeichneten Anschlag vom 28. Februar geführt wurde, konzentriert sich auf die Ermordung der iranischen Führung und die darauf folgende Schließung der Straße von Hormus. Am 14. Tag des Konflikts warnt Johnson vor einer unumkehrbaren Zerstörung der geopolitischen Ordnung in der Region, mit der die Türkei in die gefährliche Position Nummer 1 auf der Liste der nächsten Ziele für israelische Umsturzversuche geraten könnte.

„Totale Fehleinschätzung seitens USA und Israel“

Das Gespräch eröffnend, bezeichnet Professor Ünal die aktuellen Kampfhandlungen als „offene, unverhohlene Aggression“ der USA und Israels. Er merkt an, dass das Kriegsgeschehen deutlich von den ursprünglichen Plänen der Aggressoren abzuweichen scheint. Johnson stimmt dem zu und bemerkt, die Geheimdienste in Washington seien ihren selbst konstruierten Narrativen zum Opfer gefallen:

„Sie haben die militärischen Fähigkeiten des Iran unterschätzt“, sagt Johnson und fügt hinzu, dass das Pentagon und der Mossad „ihre eigene Fähigkeit, die Führung im Iran zu zerstören, überschätzt haben.“ Die US-Planer seien dem Irrglauben erlegen, die Eliminierung des Obersten Führers und hochrangiger Funktionäre der Revolutionsgarden würde einen Volksaufstand auslösen. Diese Annahme basierte laut Johnson auf fehlerhaften Umfragedaten, die von der CIA über National Endowment for Democracy (NED) und USAID finanziert wurden.

„Sie hatten eine Reihe von Online-Meinungsumfragen finanziert, die behaupteten, 80 % der iranischen Bevölkerung seien gegen die Islamische Republik, ja sogar vehement dagegen“, sagt Johnson. „Nun stellt sich heraus, dass dies eine Lüge war.“ Er verweist auf Gegenumfragen der Universität Maryland, die mit herkömmlichen telefonischen Methoden durchgeführt wurden und ergaben, dass das Regime weiterhin auf etwa 70 % Zustimmung stoße. „Man kann die Ereignisse nicht rechtfertigen, es handelt sich um einen Akt des Verrats, um einen Akt der Barbarei“, betont Johnson und vergleicht das aktuelle Vorgehen der USA und Israels mit dem Angriffskrieg, für den die Nazis in Nürnberg vor Gericht standen.

„Ist den Türken klar, dass sie als Nächstes auf der Liste stehen?“

Ein Großteil des Gesprächs dreht sich um die Folgen für Ankara. Während Professor Ünal die türkische Wahrnehmung der israelischen Rhetorik mit dem Sprichwort „Hunde, die bellen, beißen nicht“ wiedergibt, warnt Johnson eindringlich. Er vermutet, dass Israel, sollte es die aktuelle Konfrontation mit Teheran überstehen, seinen „bösartigen, außer Kontrolle geratenen“ Staatsapparat gegen die türkische Führung richten werde.

„Israel ist die bösartigste und unkontrollierbarste staatliche politische Organisation der Welt“, bemerkt Johnson. „Kein anderes Land greift so willkürlich und regelmäßig andere an und tötet – insbesondere Zivilisten im Libanon, in Syrien, im Iran und im Jemen.“ Er weist die Vorstellung zurück, die Türkei könne sich dem Chaos entziehen, und argumentiert, der israelische Staat betrachte die Türkei als strategisches Hindernis, das es zu beseitigen gelte, und nicht als Partner, der Respekt verdiene.

Johnson merkt an, dass die USA die Türkei seit Langem für ihre eigenen Zwecke instrumentalisieren, ohne Rücksicht auf Ankaras langfristige Interessen zu nehmen. „Die Türkei ist jemand, den wir für unsere Zwecke missbrauchen“, sagt er und spiegelt damit die vorherrschende Meinung in Washington wider. Er warnt davor, dass jegliche türkische Kooperation bei der „Zerschlagung“ des Iran nicht auf israelische Dankbarkeit, sondern auf weitere Umsturzversuche stoßen würde. „Sie werden euch umstürzen, sie werden euch zerstören, sie werden euch beseitigen“, warnt er und bezeichnet Präsident Recep Tayyip Erdoğans Bestrebungen, die Israelis zu kontrollieren, als „töricht“.

„Donald Trump steht unter Kontrolle der Zionisten“ 

Mit Blick auf die innenpolitischen Kräfte in den USA bekräftigt Johnson seine umstrittene Position, dass die amerikanische Regierung weiterhin von der israelischen Lobby „besetzt“ sei. Er zieht Benjamin Netanjahus häufige Besuche in Washington – sieben seit Donald Trumps Amtsantritt – als Beweis dafür heran, dass die Regierungsspitze „Anweisungen“ erhalte.

„Donald Trump steht unter dem Einfluss der Zionisten, ebenso wie viele Mitglieder des US-Kongresses“, behauptet Johnson. Er führt an, die USA und Israel verbreiteten seit 46 Jahren die „absolut falsche“ Behauptung, der Iran sei der weltweit führende Unterstützer von Terrorismus. Auf seine Erfahrungen im Bureau of Counterterrorism und auf Daten der CIA und des National Counterterrorism Center gestützt, stellt Johnson klar, dass die Haupttreiber des internationalen Terrorismus im letzten Vierteljahrhundert eher sunnitische Dschihadisten, insbesondere Takfiri- und Wahhabiten-Gruppen mit Verbindungen zu saudischen Milliardären waren – und weniger Teheran.

„Der Iran ist definitiv nicht der Hauptförderer von Terrorismus, nicht einmal annähernd“, sagt Johnson. Er hebt die historische Zurückhaltung des Iran hervor und merkt an, dass Teheran während des achtjährigen Krieges gegen den Irak in den 1980er Jahren sogar nach dem irakischen Angriff mit – von den USA geliefertem – Giftgas auf chemische Vergeltung verzichtet habe. Dies führte er auf die „spirituelle Führung“ zurück, die solche Waffen als „Sünde gegen Allah“ betrachtete.

„Die Weltwirtschaft wird am Kragen gepackt und erstickt“ 

Die Blockade der Straße von Hormus durch den Iran hat den militärischen Konflikt in eine Weltwirtschaftskrise verwandelt. Johnson berichtet, dass selbst in den USA, die weitgehend energieunabhängig sind, die psychologischen und wirtschaftlichen Auswirkungen gravierend seien. Er nennt einen Preisanstieg von 54 % bei Benzin an einer Tankstelle in Florida innerhalb einer Woche als Vorboten der kommenden Entwicklungen.

Johnson macht allerdings eine noch gefährlichere Unterbrechung der Versorgung aus als die Erdölversorgung: die Versorgung mit Harnstoff und Stickstoff für Düngemittel. „Die Menschen können ohne Benzin leben. Man kann zu Fuß gehen, anstatt Auto zu fahren […] – aber ohne Dünger keine Lebensmittel“, sagt er. „Hungersnot ist in sechs bis sieben Monaten eine sehr wahrscheinliche Möglichkeit.“ Er prognostiziert, dass der Ölpreis auf 200 Dollar pro Barrel steigen könnte, bevor ein Nachfrageeinbruch eine globale Depression auslöst.

Der Iran, sagt Johnson, verfügt nun unbeschränkt über strategische Verhandlungsmasse. „Der Iran wird seinen Würgegriff nicht lockern. Warum sollte er auch?“, fragt Johnson und merkt an, Teheran sei nun dazu in der Lage, Reparationen, die vollständige Aufhebung der Sanktionen und die eiserne Sicherheitsgarantie zu fordern, dass es nie wieder von den USA oder Israel angegriffen wird.

„Irans Militär- und Verteidigungsanlagen sind in Berge gebaut … immun gegen westliche Raketen“ 

Auf taktischer Ebene habe der Krieg die Grenzen sowohl westlicher als auch östlicher Technologie aufgezeigt. Johnson bemerkt, dass ein von China geliefertes Luftverteidigungsradarsystem zwar im Kampfeinsatz versagt, das iranische Militär aber hochentwickelte US-amerikanische MQ-9 Reaper- und israelische Hermes-Drohnen abgeschossen habe. Er hält fest, dass die US-amerikanische JASSM (Joint Air-to-Surface Standoff Missile) zwar Schäden an der iranischen Infrastruktur verursacht, aber nicht geschafft habe, das Land zu entwaffnen. 

„Der Iran ist dreimal so groß wie die Ukraine“, erinnert Johnson das Publikum und merkt an, dass der Iran im Gegensatz zu Israel, wo 55 % der Bevölkerung in nur zwei Städten – Haifa und Tel Aviv – konzentriert seien, riesig sei und seine kritischen Anlagen tief unter der Erde lägen. „Der Iran muss nicht hundert verschiedene Orte angreifen […], er muss sich nur um zwei Orte kümmern: Haifa und Tel Aviv“, sagt er. Er enthüllt, dass mindestens ein US-Stützpunkt im Persischen Golf vollständig ohne Luftverteidigung sei, wodurch das Personal angreifbar werde. „Iranische Raketen können ihn nach Belieben penetrieren und treffen.“

„Russland ist in der Position, von der Welt dringend gebraucht zu werden“

Moskau ist in dieser regionalen Krise laut Johnson der Hauptnutznießer. Da der Persische Golf neutralisiert ist, bleibt Russland die einzige Weltmacht mit reichlichen Vorräten an Öl, Flüssigerdgas und Düngemitteln. „Russland ist in der Position, […] … von der Welt jetzt dringend gebraucht zu werden. Und ich bin sicher, Russland wird das ausnutzen.“

In seinen Schlussbemerkungen betont Johnson, die Ära der US-Hegemonie im Nahen Osten – gekennzeichnet durch jahrzehntelange Ausbeutung der arabischen Golfstaaten unter dem Deckmantel des Schutzes – sei beendet. Das Versagen beim Stoppen der iranischen Raketenangriffe und beim Schutz von Israels mehrschichtigem Luftverteidigungssystem vor den vierstündigen Flächenangriffen der Hisbollah habe die Vorstellung von der Unbesiegbarkeit der USA zutiefst erschüttert.

„Die Vereinigten Staaten sind Goliath“, resümiert Johnson. „Und nun hat der Iran, wie einst David, die Vereinigten Staaten mit dem Stein zwischen die Augen getroffen. Und die Vereinigten Staaten sind zusammengebrochen.“

Titelbild: Screenshot des Gesprächs youtu.be