Der Übergang von einer Energiequelle zur anderen führt zu Boom und bestimmt das Geldsystem. Nach dem Zweiten Weltkrieg folgte Europa den USA aus dem Kohle- ins Ölzeitalter. Heute endet das Fiatgeldsystem, das auf den Höhepunkt der Ölproduktion folgte. Die westlichen Volkswirtschaften sind finanzialisiert und stehen vor einem neuen Energieschock. Aber diesmal kann keine neue Energiequelle das System retten

Der Beitrag erschien am 20. März 2026 auf Englisch unter consciousnessofsheep.co.uk

Von Tim Watkins

Tim Watkins ist Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler und Publizist. Die Website Consciousness of Sheep wurde vom Ableger seines gleichnamigen Buches zum fortlaufenden Kommentar zu Wirtschaft, Energie und Umwelt im Niedergang des Westens

1927 stieg der Weltkohlepreis sprunghaft an. Die Schuld wurde den walisischen Bergleuten zugeschoben, nachdem sie das ganze Vorjahr gestreikt hatten. Doch es stellte sich heraus, dass die weltweite Kohleförderung ihren Höhepunkt erreicht hatte. Zwar gab es noch riesige Kohlevorkommen, doch der Energieaufwand für deren Gewinnung war zu hoch. So stieg der Kohlepreis und damit auch der Preis für alle Produkte, die aus Kohle hergestellt, mit Kohle verarbeitet oder mit Kohle transportiert wurden.

Dieser Förderhöhepunkt der Kohle hätte an sich nicht katastrophal sein müssen. Die USA befanden sich bereits im Übergang von einer kohle- zu einer erdölbasierten Wirtschaft. Und schon bald wäre der Rest der entwickelten Welt diesem Beispiel gefolgt. Wegen der zusätzlichen Energie und Vielseitigkeit des Öls wären zuvor unwirtschaftliche Kohlevorkommen leicht zugänglich gewesen – hätte nicht die Welt, insbesondere die USA, im Jahrzehnt nach dem Ersten Weltkrieg nachweislich den Verstand verloren.

Aber der Reihe nach: Als die europäischen Staaten begannen, ihre Kriegsschulden an Amerika zurückzuzahlen, erreichte der US-Aktienmarkt Rekordhöhen. Das war an sich kein Problem. Aber ein Problem entstand aus dem weit verbreiteten Glauben, der scheinbare Wohlstand würde ewig anhalten. Dieser Glaube war sogar so stark, dass Börsenmakler ihren Kunden Kredite für den Aktienkauf gewährten. Und diese Praxis war so weit verbreitet, dass fast jeder darin investiert hatte. 

Einer (wahrscheinlich erfundenen) Geschichte zufolge stieg Joseph Kennedy, der Begründer der Kennedy-Dynastie, gerade noch rechtzeitig aus, nachdem er sich mit einem Schuhputzer über Aktienkurse unterhalten hatte. Ihm war klar geworden: Wenn selbst Schuhputzer investieren konnten, war niemand mehr da, der die Kurse weiter in die Höhe treiben konnte. Das Problem reicht allerdings noch tiefer als bis in die Schneeballsystem-Natur von Finanzblasen. 

Auf der anderen Seite des Atlantiks verlief die Erholung vom Krieg deutlich langsamer. Insbesondere Frankreich hatte Schwierigkeiten, seine amerikanischen Schulden zurückzuzahlen, da Deutschland seine Reparationszahlungen an Frankreich nicht leisten konnte. Auch Großbritannien kämpfte mit einer schwachen Wirtschaft und instabilen Arbeitsbeziehungen. Damals war Kohle die primäre Energiequelle all dieser europäischen Volkswirtschaften. Als der Kohlepreis seinen Höchststand erreichte, wuchs das Risiko eines Zahlungsausfalls bei den Kriegsschulden. Die US-Regierung musste intervenieren, damit Deutschland und Frankreich ihre Zahlungen umstrukturierten. Großbritannien geriet schließlich 1934 in Zahlungsverzug.

Es war die Kombination aus Energieschock und erdrückender Schuldenlast, die den Börsenkrach von 1929 und die darauf folgende Weltwirtschaftskrise so verheerend machte. Sie trieb die Europäer – und schließlich die ganze Welt – in den politischen Extremismus bis zum Ausbruch eines neuen, weitaus tödlicheren globalen Konflikts. Im Verlauf dieses Konflikts lieferten die USA sechs von sieben Barrel verbrauchtem Öl. Der größte Teil vom Rest kam aus Venezuela und dem Kaukasus. 

Deutschlands großes Versäumnis bestand darin, die Ölfelder von Maikop – die sie zwar erobern, aber nicht wiederherstellen konnten – und Grosny zu sichern sowie die sowjetischen Öltransporte entlang der Wolga bei Stalingrad zu unterbrechen, wo der Ausgang des Kriegs entschieden wurde. Als die Westalliierten im Juni 1944 in der Normandie landeten, waren alle ihre Divisionen motorisiert. Neun von zehn deutschen Divisionen, die ihnen gegenüberstanden, waren hingegen auf Pferde und Fußtruppen angewiesen.

Der massive Nachkriegsboom von 1953 bis 1973 verdankte seine Dynamik maßgeblich dem Übergang der europäischen, japanischen und südkoreanischen Wirtschaft von Kohle zu Öl als primärer Energiequelle. Die kontinentalen USA lieferten einen Großteil des Öls und druckten Dollar, um sie den Europäern zum Kauf zu leihen. Doch 1970 hatte die Produktion in den kontinentalen USA ihren Höhepunkt erreicht. Im folgenden Jahr wurde der Dollar vom Goldstandard abgekoppelt. Das leitete den Beginn des Fiatgeldsystems ein, das heute sein Ende findet. 

Die ölproduzierenden Staaten des Nahen Ostens, die ebenfalls in US-Dollar handelten, erkannten die Schwäche der USA. Sie nutzten die US-Unterstützung für Israel im Krieg von 1973 als Vorwand, um ein Embargo gegen Ölexporte in die USA und zu ihren Verbündeten zu verhängen. Dies führte zum Ölpreisschock, der die Stagflation auslöste und so den Rest des Jahrzehnts prägte. 

In einem der unglücklichsten Zufälle der modernen Geschichte erhöhte die US-amerikanische Federal Reserve unter dem Vorsitz von Paul Volcker die Zinsen in einem letzten verzweifelten Versuch, die Inflation einzudämmen. Der Zufall bestand darin, dass dies inmitten eines neuen Ölpreisschocks geschah, ausgelöst durch die iranische Revolution und den darauffolgenden Iran-Irak-Krieg, der die Inflation tatsächlich senkte. Der Ölpreisschock, verstärkt durch wirtschaftsschädigende Zinserhöhungen, leitete die Depression der frühen 1980er-Jahre ein, in deren Folge Großbritannien und die USA Millionen von Industriearbeitsplätzen einbüßten und die verheerende Finanzialisierung ihrer Wirtschaften einleiteten.

Da Fiatgeld durch Kredite erschaffen wird, führte die Deregulierung des Banken- und Finanzwesens Mitte der 1980er-Jahre, finanziert durch die neue Ölförderung vor Alaska, in der Nordsee und im Golf von Mexiko, zu einem neuen, schuldenbasierten Wirtschaftsboom in den 1990er-Jahren. Er reichte bis ins neue Jahrhundert hinein. Und genau wie in den 1920er-Jahren führte scheinbarer Wohlstand zu Wahnsinn – diesmal auf dem Markt für verbriefte Hypotheken, wo man glaubte, die Hauspreise würden ewig steigen.

Ein weiterer Energieschock – der Höhepunkt der globalen konventionellen Ölproduktion im Jahr 2005 – war der erste Dominostein in der Kette von Ereignissen, die zum Crash von 2008, der europäischen Staatsschuldenkrise und der Depression führten und die westlichen Volkswirtschaften seither plagen. Die Ölpreise stiegen auf über 140 US-Dollar pro Barrel. Und angesehene Ökonomen versicherten uns, dass die Preise bis zum Ende des Jahrzehnts auf über 200 US-Dollar steigen würden. Doch die westlichen Volkswirtschaften können einen Ölpreis von deutlich über 80 US-Dollar (zum heutigen Kurs) nicht verkraften, ohne in eine tiefe Rezession zu geraten. 

Anfang der 2010er Jahre fiel der Ölpreis unter 40 US-Dollar, bevor er allmählich wieder über 70 US-Dollar stieg. Die (private) Schuldenlast von 2008 wurde jedoch nie wirklich bewältigt. Vielmehr befinden wir uns in einem Spiel der Verlängerung und Verdrängung, in dem Regierungen und Zentralbanken versuchen, die Finanzmärkte zu stützen, bis das Wirtschaftswachstum wieder einsetzt. Aber Wachstum hat nicht wirklich mit Vertrauen oder Geldschöpfung zu tun. Vielmehr wurde jeder Crash durch die Erschließung neuer Energieressourcen so überwunden, wie er durch einen Energieschock ausgelöst worden war. 

Die amerikanische Schiefergasblase erwies sich aufgrund der hohen Energiekosten als weitaus weniger wirkungsvoll als frühere Ölförderprojekte. Seitdem erlebten wir Lieferkettenschocks infolge schlecht durchdachter Covid-Lockdowns und einen neuen Energieschock infolge der westlichen Sanktionen gegen Russland, der Europa in gefährliche Abhängigkeit von Katar und den USA beim Gashandel gebracht hat.

Gas ist unter anderem unerlässlich für den Lastausgleich im britischen Stromnetz. Großbritannien hat derzeit die höchsten Industriestrompreise in der entwickelten Welt. Auch wenn statistische Schumeleien und Tricksereien bei der Definition uns vor einer offiziellen Rezession bewahrt haben, haben fast alle Haushalte, die in Großbritannien und Europa zu den unteren 80 % gehören, in den letzten fünf Jahren einen Rückgang des Lebensstandards erlebt. Das ist ein Grund dafür, dass die neoliberalen Parteien der Mitte zusammengebrochen sind, während linke und rechte Parteien bei Umfragen und Nachwahlen vorne liegen.

Das war, bevor die Trump-Regierung Operation Epic Clusterfuck startete – einen Versuch, die USA und ihre Verbündeten durch einen massiven Energieschock zu zerstören, der die Rolle des US-Dollars als globale Reservewährung beenden soll. Wie schon 1927 und 2005 wird der aktuelle Energieschock das westliche Finanzsystem möglicherweise nicht sofort zum Einsturz bringen. Doch wie bei diesen beiden Schocks kämpft die Welt erneut mit einem massiven privaten Schuldenberg, insbesondere im sogenannten Schattenbankensystem. 

Dieser Schuldenberg wird wohl einen Crash auslösen, der alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt. Noch besorgniserregender: Diesmal steht keine neue Energiequelle in den Startlöchern, um das System zu retten. Nicht einmal eine so schwache wie Fracking.

Titelbild: Foto: Greg Johnson / Unsplash (25. September 2023)