Geld wird reichlicher, aber Materie knapper. Damit schwinden Überschüsse, die eine immer komplexere und stärker finanzialisierte Wirtschaft ermöglicht haben. Die wirtschaftliche Evolution kehrt sich um: Auf Komplexität und Finanzialisierung folgen Vereinfachung und De-Finanzialisierung. Die Realwirtschaft kann auf diese Weise geordnet schrumpfen, aber das hochkomplexe Finanzsystem ist nicht zu halten

Der Beitrag ist am 31. August 2026 auf Englisch im Blog des Autors erschienen: surplusenergyeconomics

Von Tim Morgan

Tim Morgan war von 2009 bis 2013 globaler Forschungsleiter bei Tullett Prebon, London, einem der weltgrößten Vermittler zwischen Geschäfts- und Investmentbanken im Bereich Finanz-, Energie- und Rohstoffmärkte. Seit 2013 befasst er sich mit der Entwicklung des ökonomischen SEEDS-Modells, das auf der Grundlage seines Buchs Life After Growth basiert

Vorbemerkung

Leonardo da Vinci schuf weniger als 25 bedeutende Kunstwerke, von denen eines 2017 für 450 Millionen Dollar verkauft wurde. Hätte er 25.000 davon produziert, wären ihre Preise drastisch niedriger. Selbst bei durchweg überragender Qualität.

Wert ist eine Funktion von Knappheit. Und bislang haben nur wenige erkannt, dass sich das Verhältnis der Knappheiten in der Wirtschaft dramatisch verschiebt. Das Materielle, dessen potenzielles Angebot lange als nahezu unbegrenzt galt, erweist sich als stark beschränkt. Geld, dessen Menge bislang zumindest durch ein gewisses Maß an politischer Zurückhaltung begrenzt wurde, ist dagegen in jüngerer Zeit in geradezu fahrlässigem Übermaß vorhanden – bis zu dem Punkt, an dem eine Zerstörung seines Wertes droht.

Zwischen dem Ende und der Umkehr eines nennenswerten Wirtschaftswachstums und dieser Neuordnung der Knappheitsverhältnisse besteht ein unmittelbarer Zusammenhang. Einer der hartnäckigsten Mythen der Ökonomie ist der Irrglaube, eine schwächelnde materielle Wirtschaft lasse sich mit monetären Instrumenten wiederbeleben. Während sich das materielle Wachstum immer weiter verlangsamt und einer Schrumpfung nähert, wurde im Dienste dieses Irrglaubens immer mehr Kreditliquidität in das System gepumpt.

Wir konnten diesen Prozess über einen langen Zeitraum verfolgen. Und in einem kreditbasierten Geldsystem sind die Verbindlichkeiten die Zahlen, auf die man achten muss. Seit 2005 sind die weltweiten Schulden – zu konstanten Werten gerechnet – um 150 Prozent gestiegen, die weiter gefassten Finanzaktiva, die nicht vollständig offengelegt werden, um mindestens 175 Prozent. Nichts in der materiellen Wirtschaft ist auch nur annähernd mit diesen monetären Wachstumsraten mitgekommen. Im selben Zeitraum von zwanzig Jahren ist der Energieverbrauch um 34 Prozent gestiegen, die alles entscheidende Überschussenergie nach Abzug der Energiekosten um 26 Prozent und der materielle wirtschaftliche Wohlstand um 24 Prozent. 

Ausgehend von diesen sich umkehrenden relativen Knappheiten sollten Anleger idealerweise alles Monetäre shorten und beim Materiellen long gehen. Natürlich kann man nicht einfach „aus Geld aussteigen“. Aber man kann das Nächstbeste tun: das Komplexe und Überfinanzialisierte meiden und erkennen, dass sich die wirtschaftliche Evolution in Richtung Vereinfachung und De-Finanzialisierung umkehrt.

1. Das Physische und das Monetäre

Dazu müssen wir zunächst die entscheidende begriffliche Unterscheidung zwischen dem Physischen und dem Monetären erkennen. Richtig verstanden ist schon die Rede von „der“ Wirtschaft irreführend. Die „finanzielle“ Wirtschaft aus Geld, Transaktionen und Kredit existiert parallel zur darunterliegenden „realen“ Wirtschaft materieller Produkte und Dienstleistungen und bildet deren Proxy.

Diese Vorstellung von zwei Wirtschaften ergibt sich bereits aus dem Wesen des Geldes. In welcher Form auch immer: Geld ist Zeichen, nicht Substanz – für den Reisenden durch die Wirtschaft ist es die Karte, nicht das Gelände. Geld besitzt keinen intrinsischen Wert. Es erhält seinen Wert nur als ein einlösbarer Anspruch auf jene materiellen Dinge, gegen die es eingetauscht werden kann.

Aus diesem Prinzip des Geldes als Anspruch folgt, dass das allgemeine Preisniveau zu jedem gegebenen Zeitpunkt den Wechselkurs zwischen dem Monetären und dem Materiellen darstellt. Wächst das Monetäre schneller als das Materielle, kann das einzige Ergebnis eine Verschiebung dieses Wechselkurses zwischen Geld und Materie sein, die wir als Inflation erleben. So wirken relative Knappheiten.

Kryptowährungen haben viel von ihrem Reiz verloren. Ihr Gesamtwert ist von 4,2 Billionen Dollar im Oktober auf 2,7 Billionen gefallen, weil sich herausgestellt hat, dass die behauptete Fähigkeit, die physische Knappheit von Gold digital nachzubilden, nicht wirklich existiert. Die Blockchain-Technologie ermöglicht eine solche Flut neuer Angebote, dass jeder mitmachen kann – sogar ein amerikanischer Präsident in seiner Freizeit.

Entsprechend versucht Smart Money bereits, den richtigen Zeitpunkt für den Ausstieg aus der zweifellos gewaltigen KI-Blase zu erwischen. Dabei geht es eigentlich nicht um die Leistungsfähigkeit der Technologie selbst, sondern um die klaffende Lücke zwischen einerseits den enormen Kapitalmengen und finanziellen Ambitionen, die in künstliche Intelligenz investiert werden, und andererseits den unrealistischen Ressourcenanforderungen des KI-Geschäftsmodells, das Amerikas Big Tech bevorzugt.

2. Energie und Arbeit

Dass die orthodoxe klassische und neoklassische Ökonomie das Materielle fast vollständig außer Acht lässt, ist ein historischer Zufall. Eigentlich sollte es selbstverständlich sein, dass die Wirtschaft in erster Linie ein Energiesystem ist. Und doch sucht man Begriffe wie die Rate, mit der sich Energieeinsatz in Wert umwandelt, oder den proportionalen Energieaufwand in den Standardwerken vergeblich.

Allzu oft wird vergessen, dass das Gründungswerk der konventionellen Ökonomie, Adam Smiths Wohlstand der Nationen, in vorindustrieller Zeit geschrieben worden ist. Unter agrarischen Bedingungen stammte fast die gesamte in der Wirtschaft verbrauchte Energie aus menschlicher und tierischer Arbeit, die ihrerseits durch Nahrungsenergie ermöglicht wurde.

Die verfügbaren Mengen an Arbeit und Nahrung konnten zwar von Jahr zu Jahr steigen oder fallen – etwa infolge guter oder schlechter Ernten, von Kriegen oder Seuchen, doch die Qualität dieser Energie schien unveränderlich. Niemand stand kurz davor, den effizienteren Arbeiter Mk2, ein produktiveres Zugtier Mod 1.1 oder eine wesentlich verbesserte Getreidesorte auf den Markt zu bringen. Die qualitative Dimension der Energie konnte daher als konstant betrachtet und aus der ökonomischen Rechnung ausgeklammert werden.

Es gibt kaum eine größere Ironie als die Tatsache, dass ausgerechnet 1776, im selben Jahr, in dem der Wohlstand der Nationen erschien, ein anderer Schotte, James Watt, jene Entdeckung vollendete, die diese Prämissen ungültig machen sollte, indem sie die wirtschaftlichen Bedingungen bis zur Unkenntlichkeit veränderte. Die Qualität von Energie war nicht länger statisch, nachdem uns die erste wirklich effiziente Maschine zur Umwandlung von Wärme in Arbeit Zugang zu den gewaltigen und fundamental variablen Energiereserven fossiler Brennstoffe verschafft hatte.

3. Finanz und Physik

Wenn wir die Variabilität und den Primat der Energie sowie den Stellvertretercharakter des Geldes als „Anspruch“ verstanden haben, bleiben wir – oder könnten wir zumindest – von der Sinnlosigkeit verschont, Geld immer nur mit Geld zu vergleichen. Unser Ziel sollte vielmehr darin bestehen, das miteinander verflochtene Verhalten des Physischen und des Finanziellen zu verstehen.

Die „reale“ Wirtschaft nutzt Energie, um andere natürliche Ressourcen – Mineralien, nichtmetallische Bergbauerzeugnisse, Chemikalien, Biomasse und Wasser – in Güter und in jene Anlagen und Infrastrukturen umzuwandeln, ohne die keine nennenswerte Dienstleistung erbracht werden kann. Da Produkte verbraucht werden und Anlagen sowie Infrastrukturen verschleißen, handelt es sich um einen kontinuierlichen Prozess von Herstellung, Verbrauch, Aufgabe und Ersatz.

Beide entscheidenden Gleichungen, die den Output materiellen wirtschaftlichen Wohlstands bestimmen, haben sich in jüngerer Zeit gegen uns gewendet. Die Rate, mit der Rohstoffe in Produkte und Anlagen umgewandelt werden, hat sich infolge der Erschöpfung von Ressourcen allmählich verschlechtert. Der entscheidend wichtige Energieaufwand – jener Anteil der erschlossenen Energie, der bereits bei ihrer Erschließung verbraucht wird und daher für keinen anderen wirtschaftlichen Zweck zur Verfügung steht – steigt unerbittlich: von 2,0 Prozent im Jahr 1980 und 4,3 Prozent im Jahr 2000 auf heute mehr als 11 Prozent.

Es ist verlockend, aber falsch, sich vorzustellen, diese materielle Verlangsamung ließe sich durch monetäre Stimuli umkehren oder aufhalten. Jeder solche Versuch verringert lediglich den Wert einer Geldeinheit, indem er das Ungleichgewicht zwischen einem wachsenden Geldangebot und einer schrumpfenden Verfügbarkeit des Materiellen weiter verschärft.

4. Energieaufwand und Ende des Wachstums

Seit Veröffentlichung des vorherigen Artikels Anfang Juli ist einige Zeit vergangen. Diese Pause war beabsichtigt und markiert das Ende der ersten Phase des Projekts Surplus Energy Economics und den Beginn der nächsten. Von Anfang an sollte das Projekt eine einzige Frage beantworten: Wird das Wirtschaftswachstum, dessen Potenzial lange als nahezu unbegrenzt galt, zu Ende gehen und einer Schrumpfung weichen?

Diese Frage bedarf einer zeitlichen Einschränkung. Dass Wachstum irgendwann enden muss, war immer offensichtlich, denn unendliche wirtschaftliche Expansion ist auf einem letztlich endlichen Planeten logisch unmöglich. Das wäre nicht besonders relevant, wenn der Wendepunkt hundert Jahre oder noch ferner in der Zukunft läge. Wirklich entscheidend ist, ob die Wirtschaft innerhalb eines relevanten Zeitraums aufhören wird zu wachsen und zu schrumpfen beginnt. Diese Frage ist inzwischen mit Ja beantwortet. Wir wissen mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit, dass nennenswertes Wirtschaftswachstum zu Ende geht und eine Schrumpfung bevorsteht. (Es ist immer ein Wettbewerbsvorteil, etwas zu wissen, das die Allgemeinheit nicht nur nicht akzeptieren, sondern nicht einmal in Betracht ziehen will.) 

Der vorherige Artikel sollte die Ergebnisse unserer bisherigen Untersuchungen „abschließen“ und unsere Schlussfolgerungen an einem Ort zusammenführen, der neuen wie alten Lesern leicht zugänglich ist. Zu diesen Schlussfolgerungen sind wir auf einem analytischen Weg gelangt, der bei den grundlegenden Prinzipien ansetzt. Zugleich finden sie reichlich empirische Bestätigung in den Ereignissen und Trends, die wir um uns herum beobachten können.

5. Was kommt danach?

Nachdem die erste Frage beantwortet ist, ergeben sich zwangsläufig zwei neue: Wie wird eine Welt nach dem Wachstum tatsächlich aussehen, und wie gelangen wir von hier dorthin?
Grob gesprochen gibt es zwei Denkschulen darüber, was geschieht, wenn das Wachstum endet und die Schrumpfung beginnt. Die eine erwartet einen chaotischen Zusammenbruch, die andere einen allmählichen und vielleicht beherrschbaren Niedergang. 

Entweder erreichen wir also eine Klippe und stürzen hinab, oder wir marschieren – wie die Soldaten des Grand Old Duke of York – in vergeblich guter Ordnung wieder den Hügel hinunter, den wir zuvor erklommen haben. Doch keine dieser Prognosen überzeugt, denn beiden fehlen zwei Voraussetzungen. Erstens: Welche Wirtschaft meinen wir überhaupt? Wird die „finanzielle“ Wirtschaft zusammenbrechen oder schrumpfen, oder erwartet eines dieser Schicksale vielmehr die „reale“ Wirtschaft des Materiellen?

Zweitens berücksichtigt keine der beiden Prognosen den entscheidenden Prozess wirtschaftlicher Evolution. Wachstum bestand nie darin, Jahr für Jahr ein bisschen mehr von genau demselben zu produzieren. Die Wirtschaft hat sich in ihrer Gestalt und ihrem Charakter immer weiterentwickelt – und damit wird sie nicht aufhören, wenn sie vom Wachstum in die Schrumpfung übergeht.

Barry Cooper, der wirtschaftliche Evolution besser versteht als die meisten, hat gesagt, „Wachstum und Schrumpfung der Wirtschaft sind keine Spiegelbilder voneinander“. Wir sollten vielmehr damit rechnen, dass sich die Polarität der wirtschaftlichen Evolution umkehrt. Bislang nahm Evolution die kombinierte Form immer größerer Komplexität und immer weitergehender Finanzialisierung an. Von nun an wird die Evolution in Richtung des Einfacheren verlaufen und de-monetarisieren.

6. Industrie und Monetarisierung

„Finanzialisierung“ wird meist als überproportionales Wachstum der Finanzdienstleistungen im Verhältnis zu anderen – von manchen als „produktiv“ bezeichneten – Wirtschaftssektoren definiert. Wenn wir jedoch das entscheidende Konzept der beiden Wirtschaften verstanden haben, bietet sich eine nützlichere Definition an: Finanzialisierung bedeutet eine Zunahme der monetären Aktivität, die mit einer gegebenen Menge materiellen wirtschaftlichen Outputs verbunden ist.

Bemerkenswert ist, dass zu Beginn des Industriezeitalters ein großer Teil der wirtschaftlichen Aktivität informell war. Schätzungen zufolge waren in der Frühen Neuzeit – ungefähr zwischen 1500 und 1750 – überhaupt nur 20 bis 30 Prozent der wirtschaftlichen Aktivität monetarisiert. Ein hohes Maß an wirtschaftlicher Informalität bestand bis weit ins 19. Jahrhundert fort. Informelle wirtschaftliche Aktivität lässt sich schwer besteuern, und ebenso schwer lässt sich daraus viel Profit schlagen. 

Erst im Gefolge der Industrialisierung schritt die Monetarisierung allmählich voran. Entsprechend beschränkte Ressourcen begrenzten den Handlungsspielraum des Staates bis weit ins 19. Jahrhundert hinein auf Landesverteidigung sowie rudimentäre Systeme von Recht und Verwaltung. Abgesehen vom Sonderfall der Monopole im Kolonialhandel – wie bei den britischen und niederländischen Ostindien-Kompanien – entstanden bis zum Eisenbahnboom der 1840er Jahre keine großen Wirtschaftsunternehmen. 

Tatsächlich sah bis in die 1850er Jahre niemand überhaupt die Notwendigkeit einer Unternehmensform mit beschränkter Haftung. Bis dahin war die Wirtschaft nicht ausreichend monetarisiert, um dies erforderlich zu machen. Kleine Unternehmen dominierten – im britischen Mutterland der industriellen Revolution etwa die Mühlen von Lancashire und Yorkshire und die Werkstätten der Midlands. Erst später erlebte die Geschäftswelt den Aufstieg der Großunternehmen, die Entstehung einer Managerklasse und die Trennung von Eigentum und Kontrolle.

In dieser Hinsicht war die Entwicklung der Eisenbahn wesentlich bedeutender als die Nutzung der Dampfkraft selbst. Dampfmaschinen konnten Mühlen und Fabriken antreiben, die weiterhin relativ kleine Unternehmen blieben. Eisenbahnen hingegen benötigten standardisierte Stahlprodukte in großen Mengen, ein großes Angebot an lese-, schreib- und rechenkundigen Arbeitskräften und Zugang zu gewaltigen Kapitalpools. Harold Perkins bemerkenswertes Buch The Age of the Railway (1970) bleibt die herausragende Studie zu diesem Thema.

7. Finanzialisierung und Komplexifizierung

Finanzialisierung ging Hand in Hand mit Komplexifizierung, wobei Letztere häufig dazu genutzt wurde, Erstere weiter voranzutreiben. Die Automobilindustrie illustriert diese Entwicklung besonders gut. Bis vor vergleichsweise kurzer Zeit wurden Autos aus Ersparnissen gekauft, bevor das Geschäft durch die inzwischen fast allgegenwärtigen Autokredite finanzialisiert wurde. In jüngerer Zeit wurde die Komplexifizierung – in Gestalt fortgeschrittener Elektronik – dazu genutzt, die Finanzialisierung weiter zu beschleunigen.

Fahrzeuge brauchten schon immer Elektrik – Licht, Zündung, Instrumente und so weiter –, doch die Elektronik hat dem Verbraucher vergleichsweise wenig zusätzlichen Nutzen gebracht. Vielmehr bestand das Ziel darin, dem Kunden nach dem Verkauf weitere finanzielle Verpflichtungen aufzuerlegen. Ein anschauliches Beispiel lieferte BMW 2022 mit der Ankündigung, dass die Sitzheizung seiner Autos nicht mehr funktionieren würde, wenn der Käufer nicht ein Abonnement für 18 Dollar im Monat abschloss.

Das wurde stillschweigend wieder aufgegeben, vielleicht weil es allzu unverblümt darauf hinauslief, den Kunden ein zweites Mal für etwas bezahlen zu lassen, das er bereits gekauft hatte. Die allgemeine Richtung ist jedoch geblieben: wertabschöpfende Kontrolle über Fahrzeuge nach dem Verkauf, die mithilfe fortgeschrittener Elektronik „over the air“ ausgeübt wird.

Für den Hersteller besteht ein großer Vorteil dieser aufgezwungenen Komplexität darin, dass Besitzer und kleine Werkstätten fortgeschrittene Elektronik weder warten noch reparieren können. Dadurch geraten Autofahrer in die alles andere als zärtlichen Hände monopolistischer Vertragshändler, die allein elektronische Fehler diagnostizieren und beheben sowie Ersatzchips beschaffen können.

John Michael Greer hat kürzlich auf den Erfolg von Ursa Ag hingewiesen, einem kanadischen Unternehmen, das eine Reihe elektronikfreier Traktoren herstellt. Sie sind nicht nur billiger und zuverlässiger als das Standardangebot, sondern können auch von ihren Besitzern oder unabhängigen Werkstätten vor Ort gewartet werden. Das erklärt mit, warum ihre Verkäufe so schnell steigen, wie die Produktionskapazitäten ausgebaut werden können.

Greer schlägt weiter vor, Ford könne seine Beliebtheit und seine Verkaufszahlen steigern, indem das Unternehmen die Version des Mustang von 1966 wieder auf den Markt bringt. (Ich selbst habe nie einen Mustang besessen – mein verstorbener Vater allerdings kaufte einen für eine Reise zwischen der kanadischen und der mexikanischen Grenze –, aber das Argument gilt ebenso, wenn man einen TR6 oder den bescheidenen Cortina bevorzugt.)

8. Die Autos der Zukunft

Es mag sehr unwahrscheinlich erscheinen, dass die Automobilindustrie freiwillig auf ihre lukrative Vorliebe für fortgeschrittene Elektronik verzichten wird. Eine wettbewerbsfördernde Deregulierung könnte allerdings, indem sie den Käufern eine Auswahl konkurrierender Angebote ermöglicht, zum selben Ergebnis führen. Entscheidend ist, dass die Präferenzen der Industrie bei dem, was kommt, nur wenig zu melden haben werden. So wie der Wohlstand sinkt, steigen die realen Kosten energieintensiver lebensnotwendiger Güter unerbittlich.

Soll die Automobilindustrie in einer Zukunft schrumpfender Erschwinglichkeit überleben, werden Autos zwangsläufig langlebiger und sowohl in der Anschaffung als auch im Unterhalt billiger werden müssen. Im Kern werden veränderte wirtschaftliche Bedingungen der Industrie die Vereinfachung aufzwingen. Anders gesagt: Es wird entweder einfachere Autos geben – oder gar keine.

Die Herausforderungen, denen Unternehmen in einer schrumpfenden Wirtschaft generell gegenüberstehen, haben wir bereits in unserer Taxonomie des Degrowth behandelt. Eine davon sind „diseconomies of scale“: Sinkende Verkaufszahlen lassen die auf die einzelne Einheit entfallenden Fixkosten steigen. Eine weitere ist die Gefährdung der kritischen Masse, wenn notwendige Inputs entweder untragbar teuer oder überhaupt nicht mehr verfügbar sind. Diesen Problemen lässt sich nur durch eine Kombination aus Vereinfachung des Produkts und Vereinfachung des Prozesses begegnen.

9. Vereinfachung und Definanzialisierung

Diese Vereinfachung und die mit ihr einhergehende De-Finanzialisierung bilden eine Entwicklung, die Barry Cooper „localism“ nennt: einen Prozess, bei dem versagende zentralisierte Top-down-Systeme durch lokale Bottom-up-Alternativen ersetzt werden. Ein großer Teil von Coopers Analyse beruht auf der Beseitigung jener Kosten, die durch Komplexität entstehen. 

Würde beispielsweise das staatlich finanzierte britische System stationärer Sozialpflege durch Unterstützung für Pflege zu Hause ersetzt – wobei der Staat sich auf Zuschüsse sowie die Bereitstellung von Kurzzeitpflege und Schulungen beschränkt –, könnten 70 bis 90 Prozent der Kosten des heutigen, völlig untragbaren Systems entfallen. Die Einsparungen entstünden durch den Wegfall „der Kosten für Immobilien, Gewinne, Verwaltung und Schuldendienst, die bei kommerziellen und anderen Pflegeheimbetreibern anfallen“.

Anders gesagt: „Nur etwa 50 bis 60 Prozent der Gebühren fließen tatsächlich in die Löhne des Personals und die tägliche Pflege. Der Rest entfällt auf Gebäudeunterhalt, Kredittilgung, Versicherungen, Versorgungsleistungen, Gewinnmargen und Verwaltungskosten. In vielen privaten Pflegeheimen, insbesondere solchen im Besitz von Private Equity, kann allein der Schuldendienst 10 bis 20 Prozent der gesamten Gebühren ausmachen.“ Das, so Cooper, „sind öffentliche Gelder, die nicht dazu verwendet werden, das Leben der Menschen zu verbessern, sondern kommerzielle Kreditaufnahme zu finanzieren“. 

Und es ist außerdem etwas, das wir uns nicht länger leisten können. Auch Lebensmittel sind übermäßig teuer geworden, weil während der langen Jahre zunehmender Komplexität zahlreiche Zwischenstufen in die immer längeren Lieferketten zwischen Erzeugern und Lebensmittelkonsumenten eingeschoben wurden. Zwischen Acker und Teller, so Cooper, „durchlaufen Lebensmittel Verarbeiter, Großhändler, Distributoren und Supermärkte. Jede dieser Stufen verursacht zusätzliche Kosten, darunter Verpackung, Transport, Kühlung, Lagerung, Marketing und Gewinn.“

10. Scheitern der Komplexität

All das – Lokalismus, informelle Beschäftigung, häusliche Pflege alter und kranker Menschen, die Ablösung zentralisierter institutioneller Systeme und die Beseitigung von Zwischenstufen – mag nicht gerade wie ein politisches Erfolgsprogramm klingen. Doch das geht am Punkt vorbei. Denn wie bei der zuvor genannten Automobilindustrie werden durch das Ende und die Umkehr des Wachstums die Alternativen beseitigt werden.

„Zwischenhändler“ werden durch dieselben Prozesse aus den Versorgungssystemen verdrängt werden, die bereits heute die Erschwinglichkeit diskretionärer, also nicht lebensnotwendiger Produkte und Dienstleistungen unter Druck setzen. Die durch diese Entwicklung freigesetzten Arbeitskräfte werden von einer Wirtschaft aufgenommen werden, in der menschliche Arbeit zunehmend die schwindenden Mengen exogener Energie ersetzt.

Für Planer besteht die entscheidende Erkenntnis darin, dass das Ende und die Umkehr des Wachstums – ein Prozess, den wir nicht verhindern können – Entwicklungen in Gang setzen werden, die unaufhaltsam in Richtung Vereinfachung und De-Finanzialisierung weisen. Regierungen werden nach qualitativen Lösungen suchen müssen, nachdem quantitative Lösungen, die auf Wachstum beruhen, nicht mehr möglich sind. 

Unternehmen werden durch die praktischen Bedingungen zur Vereinfachung ihrer Produkte und Prozesse gezwungen werden. Letztlich gibt es keinen Grund, warum die „reale“ Wirtschaft des Materiellen nicht auf einigermaßen beherrschbare Weise schrumpfen sollte. Aber das Komplexe wird scheitern – und an schierer Komplexität hat es noch nie etwas gegeben, das mit dem heutigen Finanzsystem konkurrieren könnte.

Hintergrundbild: Tolga Utangan via Pexels