JD Vance verliert Regierungsvertreter aus seinem Umfeld. Baut er eine Außenstelle auf, um seinen Präsidentschaftswahlkampf vorzubereiten? Oder verliert er an Boden gegen Marco Rubio und die Vertreter einer interventionistischen Außenpolitik? Je mehr Vertreter außenpolitischer Zurückhaltung gehen, desto eher könnte der Außenminister für den Irankrieg geradestehen müssen
Der Beitrag erschien am 2. September 2026 auf der Seite des Quincy Institute for Responsible Statecraft
Von Connor Echols und Kelley Beaucar Vlahos
Connor Echols ist leitender Redakteur von Responsible Statecraft. Zuvor war er Chefredakteur des NonZero Newsletter, Kelley Beaucar Vlahos ist Chefredakteurin von Responsible Statecraft
Heeresstaatssekretär Dan Driscoll ist diese Woche zurückgetreten und hat damit eine Welle von Spekulationen ausgelöst: Ist sein Abgang Teil einer größeren politischen Neuordnung, durch die Skeptiker der Kriegspolitik von Präsident Donald Trump zunehmend an den Rand gedrängt werden?
Driscoll ist ein langjähriger Freund von Vizepräsident JD Vance, er erhielt weithin Anerkennung für seine Bemühungen um eine Modernisierung des Heeres. Er geriet jedoch mit Verteidigungsminister Pete Hegseth aneinander, besonders wegen dessen Entlassung zahlreicher hochrangiger Militärs, darunter Generäle des Heeres und der Luftwaffe sowie der Marineminister. Driscoll trug seine Bedenken wegen dieser Entlassungen vergangene Woche direkt Trump vor. Dieser erklärte laut The Atlantic, ihm sei nicht bewusst gewesen, wie viele Offiziere aus ihren Ämtern entfernt worden waren.
Driscolls Abgang ist der jüngste in einer Reihe prominenter Rücktritte von Verbündeten und ideologischen Weggefährten Vances. Dazu gehören die Direktorin der nationalen Nachrichtendienste Tulsi Gabbard, der stellvertretende Nationale Sicherheitsberater Andy Baker, der für die Beziehungen zum Kongress zuständige Direktor des Weißen Hauses James Braid sowie der Direktor des Nationalen Zentrums für Terrorismusbekämpfung Joe Kent. Diese Entwicklung ist umso bedeutsamer, als Trump nun die Hälfte seiner zweiten Amtszeit hinter sich hat. Quellen von Responsible Statecraft zufolge findet dieser personelle Umbruch teils deshalb statt, weil Trump nach den Zwischenwahlen zunehmend zur „lahmen Ente“ werden könnte.
Während sich Vance und Außenminister Marco Rubio für den erwarteten Kampf um die republikanische Präsidentschaftskandidatur 2028 in Stellung bringen, zeigt sich bereits, wie sie innerhalb und außerhalb des Weißen Hauses um Einfluss ringen. Vances Anhänger haben für die Abgänge eine optimistische Erklärung: Er baut bereits eine politische Außenstelle auf. Mehrere weniger hochrangige Verbündete Vances haben die Regierung verlassen und sind zu Unternehmen und Lobbyfirmen in der K Street gewechselt, die bei der Finanzierung einer künftigen Vance-Kampagne eine wichtige Rolle spielen könnten, wie Politico Anfang des Jahres berichtet hat.
Ein solches Netzwerk wäre für Vance besonders wertvoll, da er nur zwei Jahre im Senat verbracht hatte, bevor er Vizepräsident wurde. Wie eine mit den Interna der Regierung vertraute Quelle erklärt, könnte die „Flut von Abgängen aus dem Vance-Lager“ seinen Verbündeten den nötigen Freiraum verschaffen, um sich auf einen möglichen Präsidentschaftswahlkampf 2028 vorzubereiten. Bei Personen wie Baker und Driscoll könnte der Entschluss zum Ausscheiden aber auch schlicht praktische Gründe haben, meint Justin Logan vom Cato Institute: „Wir unterschätzen häufig, was diese Ämter den Menschen abverlangen – besonders, wenn sie Partner und Kinder haben.“
Mit anderen Worten: Diese jüngeren Regierungsmitarbeiter wollen womöglich nur mehr Geld verdienen und mehr Zeit mit ihren Familien verbringen, bevor sie sich in einen möglichen Wahlkampf 2028 stürzen. Rubio hingegen ist ein typisches Geschöpf des Washingtoner Beltway. Bevor er in Trumps Regierung eintrat, hatte er 14 Jahre im Senat verbracht. Angesichts seines umfangreichen Netzwerks in Washington besteht für Rubio kaum die Notwendigkeit, dass seine Mitarbeiter die Regierung zu verlassen und von außen Strukturen aufzubauen.
Eine andere plausible Erklärung: Innerhalb der Regierung findet ein Revierkampf statt – und der Vizepräsident verliert an Boden. Vance und seine Verbündeten werden gemeinhin mit außenpolitischer Zurückhaltung in Verbindung gebracht und stehen Trumps Entscheidung zum Krieg gegen den Iran im Allgemeinen skeptisch gegenüber. Mit der internen Regierungsdynamik vertraute Quellen berichten, dass sich zunehmend Lager herausbilden und Rubios Falken auf dem Vormarsch sind. In zahlreichen Fällen werden sie befördert, während Verbündete und politische Weggefährten Vances die Regierung ganz verlassen.
„Ich halte den Abgang von Andy Baker für wesentlich wichtiger als Driscolls Ausscheiden aus dem Pentagon“, sagt eine mit den gegenwärtigen Vorgängen in der Regierung vertraute Quelle. „Andys Zuständigkeitsbereich“ als stellvertretender Nationaler Sicherheitsberater sei „praktisch alles“ gewesen: „Er ist Berufsdiplomat, war im Ausland eingesetzt und sieht die Welt ähnlich wie JD. Sein Abgang bedeutet leider, dass dieses Lager an Boden verliert.“ Dieser „Krieg“ gegen Realisten und Vertreter außenpolitischer Zurückhaltung soll, so die Quellen, nicht nur Rubios Lager für 2028 stärken, sondern der Republikanischen Partei auch wieder die neokonservative Außenpolitik der Vor-Trump-Ära aufzwingen. Wer diesen Kurs nicht mitträgt, muss gehen.
Gabbard und Kent sind letztlich beide zurückgetreten. Berichten zufolge gehörte Gabbard, die ihre politische Karriere auch auf der Kritik an der neokonservativen Kriegspolitik der Vergangenheit aufgebaut hatte, zu den wenigen hochrangigen Regierungsmitgliedern, die Trump vor einem Angriff auf Iran warnten. Berichten zufolge wurde sie wohl aus dem Amt gedrängt. Kent erklärte, er sei gegangen, weil kein Raum mehr für Widerspruch bestehe und er es nicht verantworten könne, „die nächste Generation in einen Krieg zu schicken, der dem amerikanischen Volk nichts bringt und den Verlust amerikanischer Menschenleben nicht rechtfertigt“. Mehrere von Gabbard eingestellte Vertreter einer realistischen Außenpolitik wurden später im Juni von einer groß angelegten „Verkleinerung“ des Apparats unter dem amtierenden Geheimdienstdirektor Bill Pulte erfasst.
Diese Veränderungen haben abweichende Stimmen innerhalb der Regierung nicht ganz zum Verstummen gebracht. Mehrere Viersternegeneräle haben Hegseth kürzlich laut Washington Post gewarnt, dass „eine Fortsetzung großangelegter Operationen gegen den Iran nicht durchzuhalten“ sei. Es gibt aber kaum Anzeichen dafür, dass diese Stimmen Trumps politische Entscheidungen beeinflussen. Hegseth werden Berichten zufolge selbst Ambitionen auf eine Präsidentschaftskandidatur 2028 nachgesagt. Er hat die Kontrolle über militärische Entscheidungen in seinem Ministerbüro konzentriert und die uniformierte Militärführung im Laufe des vergangenen Jahres weitgehend an den Rand gedrängt.
Unabhängig davon, weshalb die Abgänge stattfinden, besteht das Ergebnis darin, dass Rubio und seine Verbündeten aus dem Falkenlager „ihren Einfluss und ihre Macht innerhalb der Regierung gefestigt haben“, erklärte eine mit den Vorgängen vertraute Quelle gegenüber Responsible Statecraft. Sie verwies insbesondere auf den Einfluss des stellvertretenden Nationalen Sicherheitsberaters Mike Needham auf den Nationalen Sicherheitsrat sowie auf die starke Stellung von Rubios Verbündeten im Außenministerium.
Bislang spielen diese Entwicklungen Rubio in die Hände. Sie könnten sich aber auch gegen ihn wenden, wie eine gut vernetzte Quelle anmerkt. Rubio hat es bisher geschafft, zu umstrittenen Entscheidungen Trumps auf Distanz zu bleiben, auch zum unpopulären Irankrieg, zu dem sich Vance und Hegseth wesentlich häufiger öffentlich äußerten. Da nun immer mehr Verbündete Vances aus der Regierung ausscheiden, könnte es für Rubio schwieriger werden, diese politisch vorteilhafte Position zu halten.
„Je mehr Neokonservative im Raum sitzen und je mehr Stimmen der Zurückhaltung verstummen, desto weniger wird dieses Problem in absehbarer Zeit verschwinden. Und gelöst werden schon gar nicht“, sagt eine Quelle. „Irgendwann werden die Leute anfangen, mit dem Finger aufeinander zu zeigen. Und irgendjemand wird die Verantwortung übernehmen müssen.“
Titelbild: Foto des Official State Department von Freddie Everett