Finnlands Präsident Alexander Stubb trennt zwischen dem Globalen Westen der USA und dem Globalen Norden der EU. Weil der Westen im Globalen Süden negativ wahrgenommen wird? Die Unterscheidung zwischen einem transaktionsorientierten Westen und einem liberalen Norden mag eine treffende Zustandsbeschreibung sein. Aber die EU hat dem Globalen Süden weniger zu bieten als China oder die USA
Der Beitrag erschien am 7. April 2026 auf korybko.substack.com
Von Andrew Korybko
Andrew Korybko ist ein amerikanischer Politologe, der sich auf den globalen Systemwandel zur Multipolarität spezialisiert hat. Er lebt in Moskau
Der finnische Präsident Alexander Stubb hat sich aufgrund seiner engen Freundschaft mit Trump und seiner oft lautstark geäußerten Meinungen zu globalen Angelegenheiten als einflussreiche Persönlichkeit im Westen positioniert. Im vergangenen Dezember veröffentlichte er in Foreign Affairs einen ausführlichen Artikel mit dem Titel „Die letzte Chance des Westens: Wie man eine neue Weltordnung aufbaut, bevor es zu spät ist“. [1] Seine Kernaussage: die Unterteilung der Welt in den von den USA angeführten Globalen Westen, den von China angeführten Globalen Osten und den Globalen Süden. Die USA führten den sogenannten Globalen Westen eher transaktionsorientert an, während die EU den Globalen Norden repräsentiere, der die liberale Weltordnung wiederherstellen wolle.
Stubb hat sein Modell in einem kurzen Interview mit Politico aktualisiert. Nach der Festnahme Maduros durch die USA und deren Entscheidung, den Dritten Golfkrieg auszulösen, kommt er zur Feststellung: „Wir erleben wahrscheinlich keinen Bruch, sondern einen Graben in der transatlantischen Partnerschaft. Der Globale Norden übernimmt die Rolle des Verteidigers der liberalen Weltordnung, während der Globale Westen – die USA – eher transaktionsorientiert agiert.“ Er ging nicht weiter darauf ein, doch lassen sich daraus Rückschlüsse im Hinblick auf sein aktualisiertes Modell ziehen. Allem Anschein nach versucht Stubb, die EU von den USA zu trennen, um die negativen Wahrnehmungen des Westens durch den Globalen Süden ausschließlich mit dem Globalen Westen der USA zu verknüpfen.
Womöglich wurde er von der Reaktion des singapurischen Diplomaten Kishore Mahbubani auf seinen Artikel „Der Traumpalast des Westens: Warum die alte Ordnung endgültig verschwunden ist“ in Foreign Affairs beeinflusst, der im Februar veröffentlicht wurde. [2] Mahbubanis Argument läuft im Wesentlichen darauf hinaus, dass sich der Westen durch seine Doppelmoral im Ukraine-Konflikt und im Gaza-Krieg selbst diskreditiert, eine kontraproduktive, ideologisch motivierte Politik verfolgt und sich arrogant weigert, sinnvolle Reformen der globalen Governance umzusetzen. Indem Stubb die Schuld dafür Trump zuschiebt und die EU als die globale Nordhälfte des Westens von den USA abgrenzt, glaubt er wohl, die in seinem Artikel vom Dezember dargelegte Vision verwirklichen zu können.
Das Problem ist jedoch, dass die EU weder mächtig, einflussreich noch wohlhabend genug ist, um den Globalen Süden davon zu überzeugen, die Multipolarität aufzugeben und die liberale Weltordnung wiederherzustellen, anstatt sich für Chinas multipolares Modell oder das US-Modell unter Trump 2.0 zu entscheiden. Es gibt keine europäische Armee, um widerstrebende Staaten unter Druck zu setzen. Die Soft Power der EU verblasst im Vergleich zu der der USA, Russlands, Chinas und sogar von Mittelmächten wie der Türkei. Und die Bewältigung der globalen Energiekrise wird noch eine Weile die fiskalische Priorität der EU bleiben. Dennoch hat Stubb wohl recht, wenn er die EU und die USA hinsichtlich ihrer Herangehensweise an die Weltpolitik unterscheidet.
Es trifft tatsächlich zu, dass die EU die liberale Weltordnung wiederherstellen will, während die USA eher transaktionsorientiert agieren. Dies könnte mit der Zeit sogar zu Spannungen zwischen beiden führen. Die ideologisch geprägte Rhetorik mancher europäischer Politiker birgt die Gefahr, Trump zu verärgern – wie kürzlich der Spruch des deutschen Bundeskanzlers Friedrich Merz, der Dritte Golfkrieg sei „nicht unser Krieg“. Trump entgegnete: „Nun, die Ukraine ist nicht unser Krieg. Wir haben zwar geholfen, aber die Ukraine ist nicht unser Krieg.“ Dies deutet unheilvoll darauf hin, dass die Ukraine zu Lasten der vermeintlichen EU-Interessen im Stich gelassen werden soll.
Stubbs Modell beschreibt zwar die gegenwärtigen Unterschiede zwischen den USA und der EU zutreffend. Aber die EU darf nicht vergessen, dass sie Juniorpartner und nicht gleichberechtigter Partner der USA ist. Sollte sie denselben Fehler begehen wie Merz, könnte Trump ihr eine Lektion erteilen, die sie nie vergessen wird.
Anmerkungen
[1] Hier analysiert: https://korybko.substack.com/p/finnish-president-stubb-wont-succeed
[2] Hier analysiert: https://korybko.substack.com/p/foreign-affairs-explained-why-the