Dieser Bericht analysiert die strategische Neuausrichtung Irans hin zu einer vertieften energie- und logistikbezogenen Integration mit Russland, die chronische inländische Versorgungsdefizite abmildern soll. Er untersucht, inwiefern der Internationale Nord-Süd-Transportkorridor (INSTC) sowie bilaterale Gastransitabkommen als Grundsatzmechanismen dienen, um wirtschaftlichen Beschränkungen durch westliche Staaten standzuhalten

Zuerst erschienen am 13. Mai 2026 auf Englisch bei specialeurasia.com

Von Silvia Boltuc

Silvia Boltuc ist Mitbegründerin und Geschäftsführerin von SpecialEurasia. Sie ist Spezialistin für internationale Beziehungen, Unternehmensberaterin und politische Analystin und berät private und öffentliche Institutionen. Boltuc leitet die Abteilung für Energie und Ingenieurwesen von CeSEM – Centro Studi Eurasia Mediterraneo

Kontext

Am 25. März 2026 veranstaltete Moskau eine wissenschaftlich-praktische Konferenz mit dem Titel „Herausforderungen bei der Entwicklung des Internationalen Nord-Süd-Transportkorridors (INSTC): logistische, politische, wirtschaftliche, ökologische, sanktionsbezogene und militärische Aspekte. Iran 3.0: potenzielle Sanktionen gegen den INSTC“. Die Konferenz wurde im Vorfeld des IV. Astrakhan International Forum organisiert – unter direkter Unterstützung von Alexander Michailowitsch Scharow, dem Generaldirektor der OOO Neftekhimtrans (RusIranExpo Group). 

Anastasia Nikolaevna Obukhova, Wissenschaftlerin am Zentrum für die Erforschung der Länder des Nahen und Mittleren Ostens des Instituts für Orientalistik der Russischen Akademie der Wissenschaften (Institut Vostokovedenija Rossijskoj Akademii Nauk), erörterte in ihrem Vortrag die Schwierigkeiten Teherans auf dem Weg zur Erlangung von Energiesouveränität und -sicherheit. Dabei beleuchtete sie Methoden zur Monetarisierung iranischer Energieressourcen und Möglichkeiten zur vollen Erschließung des iranischen Energiepotenzials. 

Das vorrangige Hemmnis der Islamischen Republik Iran ist nicht Ressourcenknappheit, sondern ein strukturelles Ungleichgewicht zwischen Produktion, Speicherung und Verbrauch. Der iranische Energiesektor ist durch ein Paradoxon gekennzeichnet: Das Land verfügt über 17,1 % der weltweiten Gasreserven (die zweitgrößten der Welt, insgesamt 32,17 Bio. Kubikmeter) sowie über 9,1 % der Ölreserven, leidet aber unter systemischen Unterinvestitionen und wiederkehrenden landesweiten Stromausfällen. Seit 2012 haben der Ausschluss aus dem SWIFT-System und der darauf folgende Rückzug der USA aus dem JCPOA-Atomabkommen die Diversifizierung der Exporte eingeschränkt, über 90 % der Ölexporte mussten auf China ausgerichtet werden.

Nach dem Rückzug der USA aus dem JCPOA brachen die Rohölexporte von 2,5 Mio. Barrel pro Tag im Jahr 2017 auf 0,4 Mio. Barrel pro Tag im Jahr 2020 ein. Dieser Einbruch erzwang eine strategische Neuausrichtung hin zur Petrochemie und raffinierten Produkten, wodurch der Anteil des Rohöls an den nationalen Gesamtexporten von 83 % im Jahr 2007 auf 49 % im Jahr 2021 sank. Diese binnenwirtschaftliche Industrialisierung führte – in Verbindung mit einem 1,6-fachen Anstieg des Gasverbrauchs im letzten Jahrzehnt – allerdings zu einer schweren Energiekrise. Gegen Ende des Jahres 2024 sah sich die Regierung dazu gezwungen, landesweite Stromabschaltungen anzuordnen, um ein Stromdefizit zu bewältigen, das in Spitzenlastzeiten 26.000 MW erreichte.

Im Inland bleibt das South-Pars-Gasfeld das Rückgrat der Wirtschaft und liefert 70 % der Gasproduktion. Steigender Bedarf der privaten Haushalte (48 % der Produktion) und sinkende technische Kapazitäten erfordern aber Investitionen in Höhe von 75 Mrd. US-Dollar im Rahmen des Siebten Nationalen Entwicklungsplans, um die Rentabilität zu erhalten. Trotz eines Produktionsanstiegs von 60 % zwischen 2013 und 2023 werden fast 94 % der Produktion im Inland verbraucht. Der Verbrauch konzentriert sich stark auf private Haushalte und KMU, das Angebot für industrielle Nutzung und Export ist so einschränkt. Gleichzeitig ist die Speicherkapazität weiterhin kritisch unzureichend. Nur 3,5 % des Spitzenbedarfs können durch unterirdische Speicher gedeckt werden.

Der Iran steht vor einem sich verschärfenden Energieungleichgewicht, was sich 2024 in landesweiten Stromausfällen und prognostizierten Gasdefiziten von über 500 Millionen Kubikmetern pro Tag bis 2041 ausdrückt. Als Reaktion darauf verfolgt Teheran verschiedene Strategien: Investitionen in Infrastruktur (insbesondere South Pars), Entwicklung des Kernenergiepotenzials mit russischer Unterstützung und verstärkte Nutzung des Transitverkehrs sowie die regionale Integration über den INSTC. 

Analyse

Obukhovas Daten offenbaren ein strukturelles Paradoxon: Der Iran ist ein ressourcenreicher Staat, der unter systemischer Energieunsicherheit leidet. Dieser Widerspruch rührt nicht her von Produktionsbeschränkungen, sondern von drei Faktoren, die miteinander verbunden sind: ineffiziente Verteilung, saisonale Nachfrageschwankungen und unzureichende Speicherinfrastruktur.

Erstens schränkt die Dominanz des Inlandsverbrauchs (94 %) die Fähigkeit des Iran ein, als exportorientierter Energieproduzent aufzutreten. Der unverhältnismäßig hohe Anteil des von Haushalten und KMU verbrauchten Gases (bis zu 68 % in Spitzenzeiten) spiegelt sowohl Preisverzerrungen als auch Ineffizienz im Nachfragemanagement. Dieses Missverhältnis hemmt die Flexibilität bei der Umverteilung von Gas hin zu höherwertigen industriellen oder Exportverwendungen und schränkt so die Erzielung von Einnahmen zum Aufbau strategischer Hebelwirkung ein.

Zweitens führt der Mangel an ausreichenden unterirdischen Gasspeichern zu akuter saisonaler Anfälligkeit. Der Iran kann nur 3,5 % des täglichen Spitzenverbrauchs seinen unterirdischen Speichern entnehmen – Russland zum Vergleich 45 %. Da die Entnahmekapazität nur einen Bruchteil der Spitzennachfrage deckt, ist der Iran nicht dazu in der Lage, Angebotsschocks während extremer Winter- und Sommertemperaturen abzufedern. Dies verwandelt ansonsten beherrschbare Nachfrageschwankungen in systemische Krisen, wie Stromausfälle und Notfallmaßnahmen zur Verbrauchsreduzierung zeigen. Diese Krisen lösen wiederum soziale Instabilität aus.

Drittens haben Infrastruktur- und Investitionslücken – verschärft durch Sanktionen – die Entwicklung alternativer Energiequellen, insbesondere Kernenergie, verlangsamt. Auch wenn die Zusammenarbeit mit Russland einen Weg zum Ausbau nuklearer Kapazitäten bietet, bleiben die Fortschritte begrenzt. Am Standort Buschehr sind nur marginale Fortschritte zu verzeichnen. Obwohl Block 1 in Buschehr 1.020 MW (1,2 % der Gesamtkapazität) liefert, existiert ein Memorandum mit Rosatom über den Bau von acht weiteren Blöcken. Der Bau stockt aber, Block 2 ist erst zu 17 % fertiggestellt. Folglich bleibt der Iran stark von gasbasierter Stromerzeugung abhängig, was den Teufelskreis des internen Verbrauchs- und Versorgungsdrucks verstärkt. 

Im aktuellen Krieg gegen den Iran haben die USA und Israel wiederholt das Kernkraftwerk angegriffen, das für die künftige Energiesicherheit des Landes im Nahen Osten von vitaler Bedeutung ist. Auf der Suche nach internationaler Zusammenarbeit für sein ziviles Atomprogramm sieht sich Teheran mit einer harten Tatsache konfrontiert. Zwar verfügen viele Nationen über Anreicherungskapazitäten, der globale kommerzielle Markt für den Brennstoffkreislauf wird allerdings von einer sehr kleinen Gruppe von Akteuren dominiert. Für einen sanktionierten Staat wie den Iran sind die Optionen noch stärker begrenzt.

Weltweit beherrschen vier Hauptakteure den kommerziellen Markt für Urananreicherung: Rosatom (Russland) hält den größten Anteil an der weltweiten Anreicherungskapazität, URENCO (Großbritannien/Deutschland/Niederlande), Orano (Frankreich) und CNNC (China). Für die Islamische Republik reduziert sich dieser Markt der vier Akteure auf eine Wahl zwischen zwei Optionen. Teheran kann weder Brennstoff noch Technologie von westlichen Konsortien erwerben. Rosatom/TVEL ist der einzige international anerkannte Partner, der bereit und fähig ist, großangelegte nukleare Infrastruktur (wie das Kernkraftwerk Buschehr) und die damit verbundenen Dienstleistungen für den Brennstoffkreislauf bereitzustellen. Teherans eigener, im Inland entwickelter Technologie – wie etwa die in jüngsten IAEA-Berichten erwähnten IR-6-Zentrifugen – fehlt die internationale Zertifizierung und Kooperation. Sie wäre also anhaltenden Sanktionen ausgesetzt, was den Iran dazu zwingt, sein Atomprogramm für zivile Zwecke gemeinsam mit Moskau voranzutreiben.

Obuchowa erinnert daran, dass das Abkommen zwischen Russland, Georgien, Armenien und dem Iran 2015 über ein Elektrizitätsabkommen bislang nicht umgesetzt worden ist. Sollte das Kernkraftwerk Buschehr wie vorgesehen fertiggestellt werden, könnte der Iran zu einer „Energiebrücke“ avancieren und als regionale Drehscheibe wirken, indem er russische Energie an den Irak und die Türkei weiterleitet – und somit eine innenpolitische Krise in ein regionales Druckmittel verwandelt. Allerdings beeinträchtigen die Schäden am Kernkraftwerk Buschehr sowie die gegen das iranische Atomprogramm verhängten Sanktionen die Fähigkeit des Landes, sich in den regionalen Energiefluss zu integrieren.

In diesem Kontext erweist sich der geplante Transit russischen Gases in den Iran als strategisch bedeutsame Entwicklung. Das zu 90 % fertiggestellte Abkommen über die Gasleitung durch Aserbaidschan eröffnet einen möglichen externen Ausgleichsmechanismus für den Nordiran. Selbst bei den anfänglich vorgesehenen Mengen von zwei Mrd. Kubikmetern pro Jahr besitzt das Projekt nicht nur symbolische, sondern auch infrastrukturelle Bedeutung. Bei einer Ausweitung des Volumens auf bis zu 55 Mrd. Kubikmeter könnte es die Energiebilanz des Iran grundlegend verändern.

Diese Initiative zeigt zudem ein weiteres Muster der energiepolitischen Interdependenz zwischen Russland und dem Iran auf. Moskau gewinnt angesichts westlicher Restriktionen eine alternative Exportroute und geopolitische strategische Tiefe, während Teheran Zugang zu weiteren Versorgungsquellen und Einnahmen aus dem Gastransit erhält. Das historische Beispiel der sowjetisch-iranischen Gaskooperation untermauert die Machbarkeit solcher Vereinbarungen. Die 1975 fertiggestellte Iranian Gas Trunkline (IGAT) ermöglichte der UdSSR, ihre westeuropäischen Lieferverpflichtungen mithilfe von iranischem Gas zu erfüllen.

Dem INSTC-Korridor kommt innerhalb dieser Architektur eine zentrale ermöglichende Rolle zu. Obukhova hebt hervor, dass die aus dem Korridor generierten Transiteinnahmen als wesentliche Finanzierungsquelle für großangelegte Energie- und Nuklearprojekte vorgesehen sind. Hierdurch entsteht ein Rückkopplungseffekt: Der Ausbau der Infrastruktur stärkt die Transitkapazitäten, die wiederum die Expansion des Energiesektors finanzieren. Die Einbindung in Rahmenwerke wie die SOZ und BRICS verstärkt diese Dynamik, indem sie die Abhängigkeit von westlich kontrollierten Systemen verringert.

Allerdings bestehen weiterhin Schwachstellen. Mängel in der Cybersicherheit, belegt durch wiederholtes Eindringen in Industrie- und Energiesysteme, stellen ein erhebliches Zuverlässigkeitsrisiko für die Infrastruktur dar. Die weite Verbreitung ungesicherter Server sowie erfolgreiche Angriffe auf SCADA-Systeme deuten auf eine systemische Anfälligkeit hin, die die operative Kontinuität gefährden könnte. Daten des Suchdienstes Shodan zufolge ist der Iran das am zweitstärksten exponierte Land im Nahen Osten, was Server mit offenen Ports (Port 3389, Port 5900) betrifft. Diese Risiken haben bereits zu Sicherheitsverletzungen in petrochemischen Anlagen, Wasseraufbereitungsanlagen und Systemen zur Verwaltung von Ölprojekten geführt. Um sie zu mindern, könnte der Iran von Russland entwickelte Verteidigungstechnologien einführen. 

Obukhova schlägt hierfür das Programm APT Bug Bounty vor, das für Stresstests genutzt wird, die Firewall PT NGFW und in Russland entwickelte sichere Container- und Cloud-Lösungen. Da westliche Unternehmen aus den Bereichen industrielle Steuerungstechnik und Cybersicherheit im Iran mit Beschränkungen konfrontiert sind, präsentiert Russland seine Software nicht nur als technische Option, sondern als strategisches Gebot, um die Knotenpunkte des INSTC vor digitaler Sabotage zu schützen. Andererseits schränkt die Exportabhängigkeit der Islamischen Republik von einem einzigen Abnehmer – über 90 % der Exporte gehen nach China – ihre strategische Autonomie ein und setzt Teheran Nachfragerisiken aus. 

Eine weitere Herausforderung für das Land sind die durch Katar auferlegten Einschränkungen. Ein im März 2025 unterzeichneter Großauftrag im Wert von 17 Mrd. US-Dollar, der an inländische Partner (MAPNA, Petropars) vergeben wurde, verdeutlicht eine existenzielle Bedrohung: South Pars/North Dome ist ein gemeinsames Gasfeld. Sollte es dem Iran nicht gelingen, den Druck im Feld durch massive Infrastrukturmaßnahmen aufrechtzuerhalten (was den Einsatz von 420.000 Tonnen an Ausrüstung erfordert), wandert das Gas naturgemäß auf die katarische Seite ab. Bei diesem Projekt geht es somit nicht allein um Förderung, sondern darum, den dauerhaften Verlust souveräner Ressourcen an einen westlich orientierten Wettbewerber zu verhindern.

Aus geopolitischer Perspektive bedeutet die Konvergenz der russischen und iranischen Energiestrategien – in Verbindung mit dem Ausbau des INSTC – eine schrittweise Verlagerung hin zu einem parallelen Energie- und Logistiksystem außerhalb des westlichen Einflussbereichs. Auch wenn dieses System noch nicht vollständig realisiert ist, könnte es im Laufe der Zeit die regionalen Energieflüsse neu ordnen – insbesondere wenn es durch eine erweiterte Pipeline-Infrastruktur und zusätzliche LNG-Kapazitäten gestützt wird.

Fazit

Die Annäherung zwischen dem Iran und Russland in den Bereichen Energie und Logistik ist als erzwungene strategische Neuausrichtung zu verstehen. Sie wird durch ein strukturelles Energieungleichgewicht vorangetrieben und durch kriegsbedingte Schäden an der Infrastruktur beschleunigt. Die Beschädigung kritischer Infrastruktur – einschließlich der Einschränkungen beim Betrieb des Kernkraftwerks Buschehr – hat Teherans Fähigkeit vermindert, die interne Energiekrise eigenständig zu bewältigen. So hat sich die externe Integration von einer strategischen Option zu einer operativen Notwendigkeit gewandelt.

In der zunehmend instabilen Region des Persischen Golfs, wo die Seerouten exponiert sind und die Straße von Hormus wiederholt Störungen ausgesetzt ist, etabliert sich der „Internationale Nord-Süd-Transportkorridor“ (INSTC) als entscheidende alternative Achse. Er ermöglicht dem Iran, seine maritime Verwundbarkeit teilweise zu umgehen und gleichzeitig seine geografische Lage wirtschaftlich nutzbar zu machen. Dies positioniert den Iran weniger als unabhängige Energiemacht, sondern vielmehr als transitabhängigen Knotenpunkt innerhalb eines an Russland angebundenen kontinentalen Systems, in dem Resilienz durch Interdependenz erreicht wird.

Infolgedessen dürfte diese Kooperation die internen Energiedefizite des Iran kurzfristig stabilisieren, ihn gleichzeitig jedoch strukturell in eine nicht-westliche Energiearchitektur einbetten und so das regionale Gleichgewicht von der maritimen Kontrolle hin zum Wettbewerb um Korridore verschieben. Im Kontext eines destabilisierten Persischen Golfs wird diese Dynamik die Volatilität nicht verringern, sondern geografisch umverteilen und dabei ein duales System aus umkämpften Seewegen und zunehmend strategischen landgestützten Energieflüssen verfestigen.

Titelbild: Horizont des Persischen Golfs im South-Pars-Gebiet, Foto: Alireza824, März 2009, Wikimedia Commons, Lizenz: CC BY-SA 3.0. https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/?utm_source=chatgpt.com