Von Weltinsel
Ayatollah Ali Khamenei ist bei einem Luftangriff von USA und Israel in seinem Anwesen in Teheran getötet worden, gemeinsam mit engen Angehörigen. Dem Anschlag waren laut New York Times monatelange Beobachtungen seiner Gewohnheiten durch die CIA vorausgegangen. Am 19. April wäre Khamenei 87 Jahre alt geworden. Wie vom Recht vorgesehen, übernimmt ein Übergangsrat die Regierungsgeschäfte, bis ein neuer Oberster Führer bestimmt ist.
1981 wurde Khamenei zum Präsidenten gewählt. Seit 1989 herrschte er als Rahbar, Oberster Führer, über die Islamische Republik Iran. In der Statthalterschaft des Rechtsgelehrten, dem von Ayatollah Khomeini ausgearbeiteten politischen System, übte er – in Abwesenheit des verborgenen zwölften Imam und in Erwartung von dessen Rückkehr – die Kommandogewalt über die Streitkräfte aus und ernannte die Stützen des Systems, dessen Strategie er vorgab.
Ayatollah Khamenei hat die Märtyrerschaft gesucht und gefunden. Auf den Straßen des Iran und weit über den Iran hinaus betrauern muslimische Massen seinen Tod. Im Westen feiern Exiliraner mit den Flaggen Israels und der Pahlavi-Monarchie. Immer wieder auffällig ist der enthemmte und blasphemische Ton, mit dem einheimische Kommentatoren im Westen bis weit in die linken und rechten Spektren hinein Attacken auf den Iran fordern und rechtfertigen. Woher kommt das?
Die Islamische Revolution ist eine konservative Revolution, wie sie in Europa im 20. Jahrhundert nicht mehr erreichbar war. Als sich Europa – auch Spanien und Portugal – den Maximen der Französischen Revolution gefügt hatte, rief Ayatollah Khomeini, aus dem Exil in Frankreich kommend, ein System ins Leben, das der Laizität und der Herrschaft des dritten Standes widersprach. Durch die indoeuropäische Verwandtschaft zwischen Europäern und Persern sticht der Kontrast besonders scharf hervor, weil er sich vor der Folie des Eigenen betrachten lässt.
In den heidnischen Religionen der indoeuropäischen Völker ist vom Religionswissenschaftler Georges Dumézil eine dreigliedrige Struktur des Götterhimmels festgestellt worden. Drei herausgehobene Götter standen jeweils für Souveränität bzw. Magie, für Gewalt bzw. Kraft und für Fruchtbarkeit. Bei den Germanen waren es Odin, Thor und Freyr, im indoiranischen Zoroastrismus Ahura Mazda (Souveränität), Verethragna (Krieg) und Anahita (Fruchtbarkeit). Dem Religionsstrukturalismus zufolge entsprachen diesen drei Funktionen soziale Gruppen.
In der Ständegesellschaft des christlichen Mittelalters meldeten sich die drei Funktionen zurück: Die Kleriker beteten und sprachen der Gesellschaft ihren Sinn zu, die Adligen kämpften, die Bürger und Bauern arbeiteten. Die Historiker der Annales-Schule, allen voran Georges Duby, haben die Ideologie des Mittelalters auf die trifunktionale Ideologie der Antike rückbezogen. Auch in der Anthropologie ist die Trifunktionalität einschlägig: Der Strukturalist Claude Lévi-Strauss warnte im Angesicht der Islamischen Revolution vor einem Wiedererwachen der Trifunktionalität, als er am 14. Juni 1979 die Laudatio zu Dumézils Aufnahme in die Académie française hielt.
Lévi-Strauss’ Warnung enthielt einen Seitenhieb gegen Michel Foucault. Als Journalist hatte der Meisterdenker des Poststrukturalismus die Revolution im Iran wohlwollend begleitet. Dabei charakterisierte er ihr Merkmal als „politische Spiritualität“, wofür er von der aufgeklärten Linken exkommuniziert wurde. Die Trifunktionalität, die Lévi-Strauss im Iran erkannte, stellte sich in der Folge immer stärker als soziales Prinzip heraus. Der schiitische Klerus bildete den ersten Stand, die Revolutionsgarden den – immer stärker werdenden – Gewaltstand, die Händler von Teheran und Akteure der Marktwirtschaft (abzüglich Kleriker und Revolutionsgarden) den dritten Stand.
In dieser funktionalen Differenz lag eine Ironie, die sich für den Iran als bitter erwiesen hat. Mit einer Fatwa verbat Ayatollah Khamenei die Atombombe, weil nicht mit dem Islam vereinbar. Ohne die Bombe, so die Lehre aus dem Krieg, ist Regionalmacht auf Dauer aber nicht durchsetzbar, wenn man Atommächte herausfordert. Die Gewaltfunktion hätte dem islamischen Prinzip ein „Silete theologi in munere alieno!“ entgegnen können – wie Albericus Gentilis 1598 die Theologen zum Schweigen im Völkerrecht aufforderte. Aber nein. Der Vorrang der ersten Funktion könnte den schiitischen Gottesstaat vor einen unlösbaren Widerspruch geführt haben.
Zu einem Zeitpunkt, als Europa von links bis rechts geschlossen den Weg ins Weltbürgertum ging, begab sich der Iran also auf einen Weg der funktionalen Differenz. Dass darin ein europäisches Echo zu hören war, machte und macht sein Skandalon aus. In der politischen Rechten stößt es besonders skandalös auf, war doch die Rechte nach der Französischen Revolution angetreten, um die alte societas civilis, die Ständegesellschaft, vor dem Bürgertum zu retten. Die europäische Rechte wählte schließlich den Weg durch die linke Mitte und stellte sich an die Speerspitze der Aufklärung, des Fortschritts und seiner Minderheiten.
Könnte die Enthemmtheit in der Freude über Enthauptungsschläge gegen den Iran und seine Satelliten aus schlechtem Gewissen kommen? Aus der Schadenfreude, dass der konservative Revolutionär am Ende doch der Verlierer ist und man selbst auf der Seite des Siegers steht? Auf X schrieb Ali Khamenei am 11. Juni 2025:
„Which other nation do you know of that boldly stands up to confront those world powers that are imposing their will and giving orders to others? Few nations besides ours are like that. The Europeans have trembled in the face of certain things, but not our nation.“ x.com/khamenei_ir
Titelbild: Johannes Lichtenberger, 1488 — gemeinfrei (Reproduktion nach Buck 2008)