2023 hat die Aussöhnung zwischen dem Iran und den Golfstaaten begonnen. Unter dem Eindruck des Irankriegs hat sie weiter Fahrt aufgenommen. Beide Seiten erkennen: Ihre Wirtschaften sind abhängig, externe Akteure können nicht für Sicherheit in der Region sorgen. Vier Szenarien zeigen auf, wie die Annäherung im Hinblick auf eine neue regionale Ordnung weitergehen könnte. Unterschiede in der strategischen Kultur bilden dabei das größte Hindernis
Der Beitrag erschien am 2. Juli 2026 auf Englisch im internationalen Geopolitik-Magazin thecradle.co
Von Fouad Ibrahim
Fouad Ibrahim ist Forscher und Aktivist von der Arabischen Halbinsel und spezialisiert auf die politischen und sozialen Dynamiken der Region
Der im Februar 2026 begonnene US-israelische Krieg gegen den Iran könnte einen Wendepunkt in der strategischen Geschichte des Persischen Golfs markieren. Unmittelbar wirkte er sich in militärischen Schäden, wirtschaftlicher Belastung und erhöhter Unsicherheit aus. Mittelbar folgt eine leisere Auswirkung. Das Tempo der Annäherung zwischen dem Iran und den Staaten des Golfkooperationsrats (GCC) hat sich beschleunigt. Was zuvor wie eine begrenzte taktische Entspannung gewirkt hat, wirkt nun wie die umfassende Suche nach einem tragfähigen Rahmen zur Koexistenz.
Diese Entwicklung folgt einem bekannten Paradoxon. Der Krieg hat Rivalität nicht beseitigt. Vielmehr hat er in der gesamten Region das Bewusstsein dafür geschärft, dass eine anhaltende Konfrontation kaum tragbare Kosten verursacht. Die Erfahrung des US-israelischen Krieges gegen die Islamische Republik hat nicht nur die Grenzen militärischer Macht aufgezeigt, sondern auch die zunehmende Unzulänglichkeit externer Sicherheitsgarantien als alleinige Grundlage für die Stabilität am Golf.
Sowohl dem Iran als auch den GCC-Staaten hat der Krieg vor Augen geführt, dass ihre Konkurrenz gesteuert werden muss, um nicht zu eskalieren. Allerdings sollte die sich abzeichnende Annäherung nicht mit dem Ende geopolitischer Rivalität am Golf verwechselt werden. Vielmehr spiegelt sie die Entstehung dessen, was sich als Modell kompetitiver Koexistenz bezeichnen lässt: eine politische Ordnung, in der die Kontrahenten versuchen, ihren strategischen Wettbewerb zu regulieren, anstatt ihn zu beseitigen.
Wird dieser Prozess Bestand haben? Das ist ungewiss. Es hängt davon ab, ob beide Seiten die Zusammenarbeit institutionalisieren und zugleich mit tiefgreifenden Differenzen im Hinblick auf regionale Sicherheit, Stellvertreterkonflikte und das künftige Machtgleichgewicht in Westasien umgehen können.
Strategische Neuausrichtung nach dem Krieg
Die neue Gelegenheit zur Versöhnung nach dem US-israelischen Krieg gegen die Islamische Republik resultiert eher aus einer Übereinstimmung strategischer Kalkulationen als aus einem grundlegenden ideologischen Wandel. Bereits vor dem Konflikt richteten die Golfstaaten und der Iran ihre Beziehungen neu aus. Die Ursache dafür war das Abkommen zwischen Saudi-Arabien und dem Iran, im März 2023 unter chinesischer Vermittlung geschlossen.
Dennoch blieb das gegenseitige Misstrauen tief, die regionale Rivalität setzte sich auf verschiedenen Ebenen fort. Der Krieg veränderte dieses Kräfteverhältnis grundlegend. Dem Iran zeigte der Konflikt die Verwundbarkeit seiner militärischen und wirtschaftlichen Infrastruktur und die Grenzen einer langwierigen Konfrontation mit einer Koalition auf, die über eine erdrückende technologische Überlegenheit verfügt. Auch wenn es Teheran gelang, Teile seiner Abschreckungsfähigkeit zu wahren, traten die Kosten einer anhaltenden militärischen Eskalation immer deutlicher zu Tage.
Wirtschaftlicher Wiederaufbau, eine Lockerung der Sanktionen und die regionale Reintegration entwickelten sich zu dringenden strategischen Prioritäten. Iranische Funktionäre signalisierten, dass die Abschreckung weiterhin intakt war. Der amtierende Verteidigungsminister, Brigadegeneral Madschid Ebn-e-Reza, warnte: „Wir haben den Finger am Abzug und werden ohne Zögern notwendige und verhältnismäßige Maßnahmen ergreifen, sollte gegen die Bedingungen des Waffenstillstands verstoßen werden.“
Auch für die GCC-Staaten bot der Konflikt wichtige Erkenntnisse. Der Krieg hat die Anfälligkeit der Golf-Volkswirtschaften für regionale Instabilität deutlich gemacht und grundlegende Fragen zur langfristigen Zuverlässigkeit externer Sicherheitsgarantien aufgeworfen. Die politischen Entscheidungsträger am Golf erkannten bei aller strategischen Partnerschaft mit den USA, dass kein externer Akteur die Region vollständig vor den Folgen eines größeren zwischenstaatlichen Konflikts schützen kann.
Die Sicherheit der Energieinfrastruktur, Seehandelswege und Entwicklungsprojekte schien zunehmend eher von regionaler Verständigung statt militärischer Abschreckung abzuhängen. Infolgedessen vollzog sich im gesamten Golfraum ein signifikanter Wandel des strategischen Denkens. Die zentrale politische Frage verlagerte sich allmählich von der Überlegung, wie der Iran eingedämmt oder geschwächt werden könnte, zur Frage, wie er sich in eine stabilere regionale Sicherheitsarchitektur integrieren ließe.
Ansätze für eine Annäherung
Dieser Wandel bedeutet nicht, dass eine Schlüsselrolle des Iran in der Region akzeptiert wird. Aber er spiegelt die Erkenntnis, dass die Kosten einer dauerhaften Konfrontation untragbar geworden sind. Die gegenwärtige Phase der Aussöhnung beruht auf einer Reihe sich verstärkender Faktoren, die zu Kooperation ermutigen, ohne Rivalität zu beseitigen.
Zunächst ist Krisenmanagement notwendig. Das Fehlen verlässlicher Kommunikationskanäle hat über Jahrzehnte immer wieder zur Eskalation beigetragen. Die Etablierung von strukturiertem Dialog, maritimer Koordination und Mechanismen zur militärischen Deeskalation könnte das Risiko von Fehleinschätzungen verringern. Solche Maßnahmen legen zwar keine Streitigkeiten bei, senken aber die Wahrscheinlichkeit einer Konfrontation.
Auch wirtschaftliche Erwägungen sind dabei wichtig. Der Iran hat nach dem Krieg einen erheblichen Bedarf an Wiederaufbau und ist weiterhin durch Sanktionen eingeschränkt. Regionale wirtschaftliche Aktivität würde einen wichtigen Beitrag zur Erholung leisten. Auf der anderen Seite sind die Golfstaaten auf regionale Stabilität angewiesen, um ihre wirtschaftliche Diversifizierung voranzutreiben, Investitionen anzuziehen und kritische Energieinfrastruktur zu schützen. Auch wenn die wirtschaftliche Verflechtung noch begrenzt ist, könnte sie sich allmählich zu einem wichtigen Stabilitätsfaktor entwickeln.
Geopolitische Veränderungen begünstigen die Zusammenarbeit. Im vergangenen Jahrzehnt haben die GCC-Staaten ihre externen Partnerschaften zunehmend diversifiziert und ihre Abhängigkeit von der einzigen Großmacht verringert. Die Situation nach dem Krieg hat diesen Trend verstärkt und die Staaten dazu ermutigt, mehr Verantwortung für die Gestaltung der Sicherheit in der Region zu übernehmen. Die Aussöhnung zwischen den Golfstaaten und dem Iran ist in diesem Zusammenhang nicht nur eine bilaterale Annäherung, sondern ein Schritt hin zu einer eigenständigen regionalen Ordnung. Es wächst die Erkenntnis, dass regionale Akteure mehr Verantwortung für ihre eigene Sicherheit übernehmen müssen, anstatt sich ausschließlich auf externe Garantien zu verlassen.
Nach dem Krieg erklärte der Außenminister der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) Abdullah bin Zayid gegenüber seinem iranischen Amtskollegen Abbas Araghtschi, dass Diplomatie der beste Weg zu dauerhaftem Frieden und Stabilität sei. Dabei betonte er die Bedeutung der maritimen Sicherheit, der Freiheit der Schifffahrt und der Souveränität. Diese Botschaft wurde von Anwar Gargasch, dem Berater des VAE-Präsidenten, bekräftigt. Er bezeichnete Diplomatie und Dialog als den bevorzugten Weg, sofern sie auf Prinzipien der Sicherheit und Stabilität in der Golfregion beruhten. So dient die Einigung mit dem Iran dem Bestreben, eine eigenständige regionale Ordnung zu schaffen.
Grenzen und strukturelle Spannungen
Trotz dieser günstigen Voraussetzungen bleiben die Hindernisse für eine Aussöhnung zwischen dem GCC und dem Iran hoch. Die größte Herausforderung ergibt sich aus unvereinbaren Grundsätzen zur regionalen Ordnung. Für den Iran ist die Präsenz externer Militärmächte im Persischen Golf die Hauptursache für regionale Instabilität. Die iranische Strategiedoktrin betont eigenständige Sicherheitsarrangements und Widerstand gegen ausländische Interventionen.
Während der Gespräche in Maskat plädierte Außenminister Araghtschi nach dem Konflikt für einen regionalen Sicherheitsrahmen ohne Einmischung von außen. Er sagte, die Staaten der Region sollten die Sicherheit am Golf selbst gewährleisten. Im Gegensatz dazu betrachten die meisten GCC-Staaten strategische Partnerschaften mit externen Mächten historisch gesehen als Garantie ihrer Sicherheit und Souveränität. Auch wenn die jüngsten Entwicklungen eine stärkere regionale Autonomie begünstigen, bleiben diese unterschiedlichen strategischen Kulturen tief verwurzelt.
Innenpolitische Erwägungen erschweren die Lage. Im Iran stehen einflussreiche politische und sicherheitspolitische Institutionen einer Annäherung an regionale Rivalen und westliche Partner weiterhin äußerst skeptisch gegenüber. Ebenso hat innerhalb des GCC der jahrzehntelange strategische Wettbewerb zu tiefem Misstrauen gegenüber den Absichten des Iran geführt. Im Ergebnis mangelt es einer Aussöhnung an einer breiten innenpolitischen Basis, die Kompromisse auch in Phasen erneuter Spannungen tragen könnte.
Die Rolle externer Mächte bleibt undurchsichtig. Die USA, China, Russland und Israel haben allesamt ein erhebliches Interesse daran, das künftige Machtgleichgewicht am Golf zu beeinflussen. Ihre jeweilige Politik kann – abhängig von übergeordneten geopolitischen Entwicklungen – entweder eine regionale Verständigung fördern oder zu erneuter Polarisierung beitragen.
Mögliche Szenarien der Aussöhnung
Das wahrscheinlichste Szenario ist die Entstehung eines Systems institutionalisierter, konkurrierender Koexistenz. In einem solchen Rahmen würden politische Rivalität und strategischer Wettbewerb zwar fortbestehen, jedoch zunehmend über diplomatische Institutionen, Mechanismen zur Krisenkommunikation und eine begrenzte Sicherheitskooperation gesteuert werden. Dieses Szenario ähnelt der historischen Entspannungspolitik, bei der Kontrahenten den Fortbestand ihrer Rivalität akzeptierten und zugleich versuchten, deren Risiken zu minimieren.
Ein zweites Szenario besteht in der schrittweisen Entwicklung einer tieferen regionalen Integration. Dieses Szenario würde erhebliche Fortschritte bei der Lockerung von Sanktionen, der wirtschaftlichen Zusammenarbeit und vertrauensbildenden Sicherheitsmaßnahmen voraussetzen. Auch wenn es nicht ausgeschlossen werden kann, erforderte es politische Transformationen, die derzeit unwahrscheinlich erscheinen.
Ein drittes Szenario beinhaltet das Scheitern der Aussöhnung und eine Rückkehr zur Konfrontation. Erneute Stellvertreterkonflikte, eine nukleare Eskalation, Führungswechsel oder ein weiterer regionaler Krieg könnten die bisher erzielten diplomatischen Erfolge schnell zunichtemachen. Angesichts der Fragilität der Verständigung ist das Risiko für dieses Szenario hoch.
Das ehrgeizigste, aber unwahrscheinlichste Szenario sieht die Entstehung einer grundlegend neuen Sicherheitsarchitektur am Golf vor. Sie würde auf den Prinzipien kollektiver Sicherheit, gegenseitiger Anerkennung und verringerter militärischer Abhängigkeit von externen Akteuren beruhen. Dieser Ansatz geht auf einen iranischen Vorschlag aus den späten 1990er Jahren zurück. Seine Verwirklichung würde die tiefstgreifende Umgestaltung der Politik am Golf seit dem britischen Rückzug aus der Region im Jahr 1971 bedeuten.
Die Annäherung zwischen dem Iran und den GCC-Staaten nach 2026 sollte nicht als Beilegung historischer Rivalitäten oder als Entstehung einer harmonischen Regionalordnung missdeutet werden. Sie erfolgt dank der wachsenden Erkenntnis, dass eine dauerhafte Konfrontation für alle Beteiligten strategisch und wirtschaftlich nicht mehr tragbar ist. Die Kriegserfahrung hat die Grenzen militärischer Lösungen und die Notwendigkeit aufgezeigt, Mechanismen zur Steuerung des geopolitischen Wettbewerbs zu institutionalisieren.
Die zentrale Frage für die Golfregion im kommenden Jahrzehnt lautet daher nicht: Wird die strategische Rivalität verschwinden? Sie lautet: Wird sich diese Rivalität erfolgreich regulieren lassen?
Letztlich könnte die Sicherheit am Golf weniger davon abhängen, dass Konsens erzielt wird, als davon, dass Meinungsverschiedenheiten sich in tragfähigen Institutionen moderieren lassen. In diesem Sinn markiert die Aussöhnung zwischen dem Iran und den Golfstaaten nicht das Ende des regionalen Wettbewerbs, sondern den Beginn einer neuen und ungewissen Phase in seiner Entwicklung.
Titelbild: Furfur, Golf-Kooperationsrat.svg, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/). Zugeschnitten.