Von Dimitrios Kisoudis

Das europäische Denken ist hart oder fest. Wir denken in Gegensätzen, die hart im Raum stoßen und schon als Gedanken nicht gerade leicht beieinander wohnen. Wenn wir etwas bejahen, folgt sogleich die Negation. Und auf die Negation die Negation, bevor wir uns irgendwann aufgehoben fühlen dürfen.

Das asiatische Denken ist weich und flüssig. Sie denken in Widersprüchen, die ständig aufkommen wie kleine Wellen. Wie die Späne sich der Anziehungskraft des Magneten fügen, so finden die kleinen Widersprüche den Weg in den Hauptstrom. Nur wenn ein antagonistischer Widerspruch auftaucht, muss er beseitigt werden.

Die Dialektik sowohl Europas als auch Asiens kann zu gewaltigen Erschütterungen führen. Aber der europäische Politiker, so meint man, versteht sich in seinem Medium nicht so geschmeidig zu bewegen wie der Fisch im Wasser. Der asiatische Politiker hat die Gabe der Selbstverbesserung, weil er ohnehin von Widersprüchen ausgeht und angebrachten Widerspruch besser beherzigt.

Die Multipolarität ist eine asiatische Weltordnung. Wir müssen deshalb asiatischer, flüssiger denken. Institutionen dürfen wir nicht als Blöcke wahrnehmen, die man bejahen oder verneinen muss. Die NATO, die EU – und ja, auch das Grundgesetz – stellen uns in den Umbrüchen der Gegenwart vor Hürden. Diese Hürden lassen sich besser umfließen als umstoßen.

Eine häufige Verneinung in der Politik ist der Austritt. Dexit, raus aus der NATO etc. Aber Deutschland kann aus der NATO nicht austreten. Sie ist ja da, um Deutschland unten zu halten. Wie sollte Deutschland aussteigen dürfen, um aufzusteigen? Deutschland kann nicht raus aus der EU. Das Vereinigte Königreich konnte raus, weil es nicht zu Europa gehört. Dass die Briten aus der EU raus sind, ist kein Argument ihnen nachzueifern. Es ist eher ein Argument, die EU zu bejahen, weil man in ihr weitgehend frei von britischem Einfluss ist. 

Ein europäischer Großraum mit einheitlichen Regeln erleichtert Abkommen mit anderen Großräumen und Zivilisationsstaaten. Wäre die EU weg, würde man sie sogleich nachbauen. Wahrscheinlich mit schlechteren Absichten als zuvor. Die EU hat seit 2009 eine Beistandsklausel, damit lässt sie sich gut als Doppelstruktur zur NATO ausbauen. Die EU hat keine Verfassung und kein Verfassungsgericht, sie ist für Entwicklung offener als das harte Gehäuse der Bundesrepublik mit ihrer Rechtsfortbildung und alten Institutionen.

Die EU stößt mit ihrer politischen Integration an Grenzen. Auch diese Grenzen lassen sich umfließen. Subregionale Integration, also Zusammenschlüsse unterhalb der Region Europa, ist eine gute Methode, um kleinere Staaten für strategische Projekte vor allem im Bereich Energiehandel und Infrastruktur um sich zu scharen. Drei-Meere-Initiative, Mittelmeer-Union, Benelux, Baltikum – wer keine solche Ideen hat, darf die Schuld für seine Ideenlosigkeit nicht der EU zuschieben. Deutschland hätte längst eine Mitteleuropa-Initiative anstoßen können, um Polens strategischem Keil quer durch Europa etwas entgegenzusetzen.

Je mehr Strukturen, desto besser. Kostet zwar Geld, aber falsche Strategie ist teurer als Geld. Doppel- und Dreifachstrukturen erlauben verkrusteter und veralteter Struktur, in Würde und Stille abzusterben. Sie erlauben Schwerpunktverlagerung ohne Beleidigung. Im Krisenfall zeigt sich dann, welche Struktur tragfähig ist.