Die NATO dringt über den TRIPP-Korridor in Russlands gesamte südliche Peripherie vor. Die Türkei belebt die Diskussionen über die Transkaspische Pipeline wieder. Die geplante Pipeline entwickelt sich zum Krisenherd. Die strategischen Einsätze sind hoch, das Vorhaben ist Russlands Interessen entgegengesetzt. Russland muss entscheiden: Unterbindet oder akzeptiert es das Vorhaben mit all seinen Konsequenzen?
Von Andrew Korybko
Andrew Korybko ist ein amerikanischer Politologe, der sich auf den globalen Systemwandel zur Multipolarität spezialisiert hat. Er lebt in Moskau
Türkeis Energieminister brachte Anfang April die lang diskutierte Transkaspische Pipeline wieder ins Gespräch. Das tat er im Live-Interview über die regionalen Pipeline-Pläne seines Landes mit lokalen Medien. Middle East Eye berichtete über das Gespräch nach einer Veröffentlichung von New Rules Geopolitics, dem X-Account des gleichnamigen Podcasts von Dimitri Simes Jr. (Sputnik), und präsentierte dessen Vorschläge als die eigenen. Wie dem auch sei, diese Berichte lenkten die Aufmerksamkeit auf die Transkaspische Pipeline, die den Interessen Russlands zutiefst zuwiderläuft.
Bereits Anfang August habe ich – nach Ankündigung der Trump Route for International Peace and Prosperity (TRIPP) – hier davor gewarnt, dass dieser von den USA kontrollierte Korridor durch Südarmenien sowohl Aserbaidschan als auch Armenien dazu ermutigen könnte, sich Russland und dem Iran zu widersetzen und jene Pipeline zu bauen. Im vergangenen Monat kam ich zur Einschätzung, dass „Israels Angriffe auf die Kaspische Flotte des Iran möglicherweise von Nachkriegszielen der Energie-Geopolitik motiviert sind“ – nämlich: dieses Projekt, das später auch Israel mit Energie versorgen könnte, der Zerstörungsfähigkeit des Iran durch deren Neutralisierung zu entziehen.
Wohlgemerkt bezieht Israel bereits 40 % seines Öls aus Aserbaidschan über eine Pipeline, die Georgien und die Türkei durchquert. Gasexporte entlang dieser Route oder über den (kürzeren) TRIPP-Korridor sind also grundsätzlich möglich. Zwar hat Türkeis Außenminister kürzlich davor gewarnt, Israel könnte sein Land angesichts der eskalierenden Rivalität nach dem Iran nun als neuen regionalen Widersacher bestimmen. Dass eine der beiden Parteien die aktuelle Gelegenheit zum Vorantreiben von Interessen ungenutzt verstreichen lässt, ist aber schwer vorstellbar.
Im US-Interesse würde die Ausweitung des westlichen Einflusses über den Südkaukasus, das Kaspische Meer und Zentralasien mittels TRIPP auf Kosten Russlands gehen. Schließlich umfasst dieses Gebiet dessen gesamte südliche Peripherie, und wirtschaftlichem Einfluss folgt zwangsläufig politisch-militärischer. Es ist also zu erwarten, dass sich Russland gegen die Transkaspische Pipeline stellen wird. Sie würde ja dazu führen, dass Turkmenistans Gasexporte, derzeit stark auf China ausgerichtet, auf dem Weltmarkt in Konkurrenz zu Russlands Exporten träten, was das NATO-Mitglied Türkei zur Abschreckung zwingen würde.
Zu diesem Zweck soll TRIPP eine Doppelfunktion als militärischer Logistik-Korridor erfüllen. Die von den USA geplante Entsendung einer nicht näher bezifferten Anzahl von Patrouillenbooten nach Aserbaidschan, angekündigt bei Vances Besuch im Februar, ist die konkrete Umsetzung dieser Strategie. Auch wenn Turkmenistan verfassungsrechtlich ein neutraler Staat ist, wird erwartet, dass es seine „stillen militärischen Beziehungen zu den USA“ ebenso ausbauen wird wie Kasachstan, das im vergangenen Dezember mit der dramatischen Ankündigung seiner Pläne zur Produktion von Artilleriegeschossen nach NATO-Standard für Aufsehen sorgte.
Russlands Regierung ist die oben genannte militärische Zweckbestimmung von TRIPP sehr wohl bewusst. Der stellvertretende Außenminister Alexei Owerchuk hat dieses Projekt verurteilt, nachdem es von der russischen Expertenöffentlichkeit bislang auffälligerweise weitgehend ignoriert worden war. Auch Wladimir Putin ließ während seines jüngsten Treffens mit Premierminister Nikol Paschinjan deutlich durchblicken, dass nun in den russisch-armenischen Beziehungen der „Moment der Wahrheit“ gekommen sei.
Es ist also davon auszugehen, dass die Pläne von Türkeis Energieminister zur Transkaspischen Pipeline auf heftigen Widerstand seitens Russlands stoßen werden. Unklar bleibt, welche Form dieser Widerstand annehmen wird. Niemand kann mit Gewissheit sagen, ob Russland eine weitere „Spezialoperation“ initiieren würde, um das Projekt zu stoppen. Doch ist ein solches Szenario keinesfalls auszuschließen. Die strategischen Einsätze sind schlichtweg zu hoch, da die NATO mittels TRIPP in Russlands südliche Peripherie vordringt und die Türkei gerade die Debatte um die Transkaspische Pipeline wiederbelebt hat.
Russland sieht sich vor die Wahl gestellt: Entweder es akzeptiert diese Pläne – mit allen daraus erwachsenden Konsequenzen für seine eigene Sicherheit. Oder es muss sie auf irgendwie unterbinden. Denn der Westen wird sie freiwillig nicht aufgeben.