Bislang deeskaliert Aserbaidschan, ebenso wie andere zentralasiatische Länder und auch die Türkei. Ihre Interessen decken sich nicht mit denen der Denkfabriken in Washington. Und die Mehrheit der ethnischen Aserbaidschaner im Iran scheint sich mit dem iranischen Staat zu identifizieren. Das Vorhaben, Aserbaidschan in den Krieg zu ziehen, muss aber noch nicht endgültig gescheitert sein. Eine Ausweitung des Kriegs nach Norden verhindert man am besten, indem man den Krieg beendet
Der Beitrag erschien zuerst auf Englisch am 10. März 2026 auf der Seite des Quincy Institute for Responsible Statecraft responsiblestatecraft.org
Von Eldar Mamedov
Eldar Mamedov ist außenpolitischer Experte in Brüssel und Gastwissenschaftler am Quincy Institute
Der Iran hält nun schon die zweite Woche dem US-israelischen Ansturm stand. Der Enthauptungsschlag gegen den Obersten Führer Ayatollah Ali Chamenei sollte zu einem schnellen Übergang zu einem pro-amerikanischen Regime führen. Dieses Szenario verkehrt sich immer mehr in ein Fiasko. Während die USA und Israel weiterhin aus der Luft Chaos über Teheran bringen, greift die – zuvor undenkbare – Option um sich, Bodentruppen in den Iran zu entsenden.
Zunächst wurde offenbar ein Plan ausgeheckt, kurdische Kämpfer gegen Teheran einzusetzen. Dann griffen angeblich aus dem Iran gestartete Drohnen – Teheran dementierte – die Autonome Republik Nachitschewan in Aserbaidschan an, trafen ein Flughafenterminal und eine Dorfschule und verletzten vier Zivilisten. Die Szenerie schien bereitet für die Eröffnung einer Nordfront gegen den Iran: Ein mutmaßlicher Angriff von iranischem Boden auf Israels engsten Partner im Südkaukasus sollte einen Vorwand bieten, um Aserbaidschan zum Eintritt in den Krieg zwischen den USA und Israel gegen den Iran zu bewegen.
Aserbaidschans Präsident Ilham Aliyev bezeichnete den Drohnenangriff als „Terrorakt“. In einer kämpferischen Rede schwor er Vergeltung und nannte die aserbaidschanischen Iraner – schätzungsweise 20 Millionen iranische Staatsbürger, also doppelt so viel wie die Bevölkerung der Republik Aserbaidschan – seine „Landsleute“, für die Baku ein „Leuchtfeuer der Hoffnung“ sei. Teheran habe Baku vor diesen Landsleuten absichtlich verunglimpft, als es Baku beschuldigte, israelischen Kampfflugzeugen während Israels zwölftägiger Luftkampagne gegen den Iran im vorigen Juni den Zugang zu seinem Luftraum gestattet zu haben.
Das war Musik in den Ohren der kleinen, aber lautstarken Gruppe neokonservativer Falken in den Washingtoner Thinktanks. Darunter befinden sich Mike Doran vom Hudson Institute, ein ehemaliger Mitarbeiter des Nationalen Sicherheitsrats unter George W. Bush, und Brenda Shaffer, die nicht offengelegte Tätigkeiten für den aserbaidschanischen Staatsölkonzern SOCAR ausgeübt haben soll. [1] Shaffer hat in ihrer Arbeit für die Foundation for Defense of Democracies die Zersplitterung des Iran entlang ethnischer Linien propagiert.
Doran und Shaffer schienen Baku schon zum Eingreifen in den Kampf gegen Teheran zu bewegen. Trotz Aliyevs scharfer Rhetorik dürften die Hardliner jedoch enttäuscht sein, denn bisher blieb seine Reaktion symbolisch. Irans Botschafter wurde ins Außenministerium einbestellt und erhielt eine Protestnote. Und der grenzüberschreitende Fahrzeugverkehr mit dem Iran wurde ausgesetzt. Diese Maßnahme betraf vor allem russische, aserbaidschanische und georgische Lkw-Fahrer, die Waren aus dem und in den Iran transportieren.
Am Sonntag telefonierte Aliyev mit seinem iranischen Amtskollegen Massud Peseschkian. Laut aserbaidschanischer Mitteilung dankte Peseschkian Aliyev für dessen persönlichen Besuch in der iranischen Botschaft in Baku, wo er zum Mord an Chamenei kondolierte und humanitäre Hilfe für den Iran zusagte. Peseschkian bekräftigte Irans offizielle Position, wonach das Land nicht an den Drohnenangriffen auf Aserbaidschan beteiligt gewesen sei. Damit wiederholte er die offizielle Linie der Islamischen Republik, die Israel einer False-Flag-Operation beschuldigt. Aliyev sprach dem iranischen Volk sein Beileid zu Tod und Zerstörung aus. Im Anschluss an das Gespräch ordnete er die Wiederöffnung der Grenze an.
Die Schließung hatte insgesamt nur vier Tage lang gedauert. Der Flughafen Nachitschewan nahm seinen Betrieb wieder auf. Dieser Deeskalationsimpuls wurde von Bakus engsten Verbündeten verstärkt. Die Organisation der Turkstaaten (OTS), der die Türkei, Aserbaidschan und die zentralasiatischen Republiken angehören, veröffentlichte eine gemeinsame Erklärung. Darin verurteilte sie die Drohnenangriffe „vom iranischen Territorium aus“. Nicht „durch den Iran“. Diese sorgfältige diplomatische Formulierung verdeutlicht die Position Bakus und seiner turkischen Partner. Sie demonstrieren Solidarität und Unterstützung für Baku, vermeiden aber gleichzeitig, Teheran die Schuld zuzuschieben. So geben sie Aliyev die nötige Rückendeckung, um einen Rückzieher von der Eskalation zu machen.
Das ist von Bedeutung, denn die OTS-Staaten sind genau jene Staaten, um die Neokonservative und Befürworter der Abraham Accords eifrig geworben haben. Ihre Vision war stets eine „Allianz moderater muslimischer Staaten“ vom Golf bis zum Kaspischen Meer – eine Mauer säkularer, sunnitisch geführter Länder, die mit Israel gegen den Iran verbündet sind. Sie wurde vorangetrieben vor allem von Persönlichkeiten wie Joseph Epstein vom Turan Research Center des Yorktown Institute in Washington.
Auf Anhieb scheint der Erfolg dieser Bemühungen gering. Als es hart auf hart kam, wählten diese Staaten diplomatische Doppeldeutigkeit anstelle einer Konfrontation mit dem Iran und einer pro-israelischen Ausrichtung. Die vielbeachtete Erweiterung der von den USA vermittelten Abraham Accords nach Zentralasien scheint ebenfalls mehr Symbolik als Substanz zu erzeugen. Kasachstan, ein Mitglied der OTC, war den Accords letztes Jahr beigetreten. Nun verurteilte es den Drohnenangriff ohne Nennung der Urheber in einer separaten Erklärung und forderte eine gemeinsame Untersuchung durch Aserbaidschan und den Iran.
Um Aserbaidschans Zurückhaltung gegenüber einem Kriegseintritt zu verstehen, genügt ein Blick auf die Karte. Bakus Verwundbarkeit ist offensichtlich. Aserbaidschans Energieinfrastruktur – die Öl- und Gasplattformen und Pipelines, die die gesamte Wirtschaft tragen – liegt in unmittelbarer Reichweite iranischer Drohnen und Raketen. Insbesondere die Baku-Tiflis-Ceyhan-Pipeline (BTC) ist zur wirtschaftlichen Lebensader Aserbaidschans und zu einer wichtigen Ölquelle für Israel geworden. Anfang 2026 erreichte der Anteil der israelischen Ölimporte aus der BTC 46 %. Laut aserbaidschanischen Staatsmedien stammen bis zu 80 % des BTC-Öls aus Aserbaidschan. Eine Unterbrechung des Betriebs würde dessen Wirtschaft schwer schaden. Die Golfstaaten haben ihre Lektion gelernt und sich stets für Deeskalation statt Konfrontation mit Teheran entschieden.
Aserbaidschan verhält sich nicht anders. Und ein weiterer Grund für Aliyevs Vorsicht ist die zurückhaltende Rolle der Türkei. Auch wenn die Türkei Ziel iranischer Raketen ist, die offenbar auf den riesigen, vom US-Militär genutzten Luftwaffenstützpunkt Incirlik gerichtet sind – Ankaras größter Albtraum ist die Entstehung eines unabhängigen kurdischen Gebildes im Westen des Iran. Ein solches Gebilde betrachtet die Türkei als direkte Bedrohung ihrer territorialen Integrität und Sicherheit.
Vor allem aber haben die iranischen Aserbaidschaner, deutlich zahlreicher als jene in Aserbaidschan, keinerlei Interesse an einer Abspaltung vom Iran gezeigt – geschweige denn an einem Zusammenschluss mit Baku zu „Großaserbaidschan“. Die Mehrheit scheint sich mit dem Iran zu identifizieren, viele bekleiden Schlüsselpositionen in der iranischen Regierung: Der ermordete Ayatollah Chamenei war ethnischer Aserbaidschaner, ebenso wie Präsident Peseschkian und unzählige andere Mitglieder der Teheraner Elite.
Trotz der Bemühungen exilierter südaserbaidschanischer Aktivisten scheint die pantürkische Propaganda unter iranischen Aserbaidschanern nur begrenzt Fuß gefasst zu haben. Das heißt aber nicht, dass das Vorhaben der Kriegstreiber, Aserbaidschan in den Krieg zu treiben, endgültig gescheitert ist. Sollte der Krieg, wie derzeit wahrscheinlich, Wochen oder Monate andauern, könnte die von Aliyev angekündigte „humanitäre Hilfe“ für den Iran durchaus in eine „humanitäre Intervention“ zum Schutz seiner ethnischen Verwandten umschlagen – eine Möglichkeit, die regimetreue Kommentatoren in Baku offen in Betracht ziehen. Ein tiefes Vordringen in iranisches Territorium zur Schaffung einer „Pufferzone“ könnte die Folge sein.
Auch dürfte der Druck auf Aliyev zunehmen, Israels Hilfe im Krieg gegen Armenien 2020 zu erwidern. Nur wird sich die Türkei, die Aserbaidschan in diesem Konflikt ebenfalls Waffen geliefert hat, diesem Druck wohl entgegenstemmen. Wie verhindert man am besten, dass sich der Konflikt, in den bereits mehr als ein Dutzend Länder irgendwie verwickelt sind, weiter nach Norden ausbreitet? Ganz einfach: den Krieg so schnell wie möglich beenden und den neokonservativen Falken in Washington kein Gehör mehr schenken.
Anmerkungen
[1] https://newrepublic.com/article/120830/brenda-shaffer-refuses-disclose-conflicts-interest-columns
Titelbild: Press Service of the President of the Republic of Azerbaijan / President.az – CC BY 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/).