Putin hat gerade angeordnet, dass ein Teil der russischen LNG-Exporte für die EU nach Asien umgeleitet wird. Sollte die EU Selenskyj nicht dazu zwingen, Putin in der Ukraine mehr Zugeständnisse zu machen, könnte Putin die russischen Exporte in die EU vollständig stoppen. Das könnte eine ausgewachsene Krise hervorrufen.
Der Beitrag erschien am 7. März 2026 auf Englisch auf korybko.substack
Von Andrew Korybko
Andrew Korybko ist ein amerikanischer Politologe, der sich auf den globalen Systemwandel zur Multipolarität spezialisiert hat. Er lebt in Moskau
Die EU hat sich Ende letzten Jahres darauf geeinigt, die russischen LNG-Importe bis zum 31. Dezember 2026 und die Pipelinegas-Importe bis zum 30. September 2027 zu beenden. Eine Verlängerung der Frist bis zum 31. Oktober 2027 ist möglich, falls die Speicherstände unter den erforderlichen Füllstand fallen. Dies geschah, weil die USA „russlandfeindliche Paranoia und Energiegeopolitik instrumentalisiert haben, um die Kontrolle über Europa zu erlangen“. (korybko.substack.com) Daher förderten sie diese Entscheidung, um gemeinsam mit ihrem Verbündeten Katar, einem weiteren LNG-Superproduzenten, den Energiemarkt des Blocks zu monopolisieren.
Mit dem Dritten Golfkrieg, [1] der mit gemeinsamen Angriffen der USA und Israels auf den Iran begann, änderte sich alles. Seitdem hat der Iran Vergeltungsschläge gegen alle Golfstaaten verübt, weil die US-Infrastruktur auf deren Territorium für Angriffe gegen die Islamische Republik verwendet wird. Die Straße von Hormus ist faktisch gesperrt. Und die Golfstaaten drosseln ihre Energieproduktion, da ihre Speicherkapazitäten nahezu erschöpft sind. Katar stellt zudem seine Gasverflüssigung ein, sie wieder in Betrieb zu nehmen, wird Wochen dauern wird.
Aus diesen Gründen wird eine Energiekrise erwartet, die die Krise während der COVID-Pandemie und sogar das arabische Ölembargo von 1973 hinsichtlich ihrer globalen Auswirkungen übertreffen könnte. Da die Öl- und Gasversorgung aus der Golfregion vorerst weitgehend wegfällt, ist die Rückführung russischer Ressourcen auf den Markt die einzig realistische Möglichkeit zu dessen Stabilisierung. Dies erklärt, warum die USA die Sanktionen gegen Indiens Käufe von russischem Öl vorübergehend ausgesetzt haben. Auch die EU könnte ihre Gasimporte aus Russland vor Ablauf der selbstgesetzten Fristen deutlich erhöhen.
Angesichts der drohenden globalen Energiekrise kündigte Putin letzte Woche an, seine Regierung habe beauftragt, die Möglichkeit einer Umleitung europäischer Energieexporte nach Asien zu prüfen, da diese profitabler seien und Asien die Importe russischer Energie nicht bald vollständig einstellen werde wie die EU. Vizepremier Alexander Nowak bestätigte kurz darauf, dass die Entscheidung gefallen sei, einen Teil der (Schlüsselwort:) LNG-Exporte aus Europa in befreundete Länder wie Indien und China umzuleiten.
Das Szenario, dass Russland die Gasexporte in die EU stoppt, bevor die EU ihre Gasimporte aus Russland einstellt, ist weiterhin im Gespräch. Putin scheint diese Möglichkeit allerdings eher als Hebel zur Verfolgung seiner strategischen Ziele zu nutzen – als zur Bestrafung oder Nichtbestrafung seiner westlichen Gegner. Nowaks Bestätigung, einen Teil der LNG-Exporte von Europa nach Asien umzuleiten, kann daher als Beweis für Putins Absicht gewertet werden. Gleichzeitig signalisiert er aber auch Interesse an einer Überprüfung der Entscheidung, falls bestimmte Bedingungen erfüllt sind.
Damit sind die Ziele gemeint, die Putin in der Ukraine verfolgt: Russlands Kontrolle über die gesamten umstrittenen Gebiete, die Entmilitarisierung und Entnazifizierung der Ukraine, die Wiederherstellung ihrer verfassungsmäßigen Neutralität und der Verzicht auf ausländische Truppen nach dem Ende des Konflikts. Er will außerdem Verhandlungen über eine Reform der europäischen Sicherheitsarchitektur aufnehmen, um diese für Russland weniger bedrohlich zu gestalten. Und es heißt, er wolle Selenskyj von einer Kandidatur bei den nächsten Wahlen in der Ukraine abhalten. Nicht alle Ziele werden erreicht werden, einige wahrscheinlich schon.
Gerade jetzt, wo die EU aufgrund des dritten Golfkriegs und des damit einhergehenden Einbruchs der Energieexporte der Region vor einer Wirtschaftskrise steht, muss der Staatenbund entscheiden, ob er Selenskyj dazu zwingen will, zumindest einen Teil von Putins Forderungen zu erfüllen – im Gegenzug dafür, dass dieser die LNG-Exporte nicht nach Asien umleitet. Die USA könnten dabei ebenfalls Unterstützung leisten, um die Kaufkraft eines ihrer größten Absatzmärkte zu erhalten. Sollte dies jedoch nicht gelingen, könnte Putin der EU-Wirtschaft den lang erwarteten Todesstoß versetzen.
Anmerkungen
[1] Im angloamerikanischen Raum beginnt die Zählung der Golfkriege häufig mit dem Kuwaitkrieg, nicht mit dem Iran-Irak-Krieg.