Deutschlands Beziehung zu Russland lässt sich nicht von der Tagespolitik her bestimmen. Karl Haushofer, ein Begründer deutscher Geopolitik, sagt in seiner Mitteleuropa-Schrift: Es sei ein „Axiom europäischer Politik von der Geopolitik her“, dass sich Eurasien nicht einkreisen lasse, wenn sich Deutschland und Russland nicht gegeneinander ausspielen ließen.

Ein Axiom ist eine Denkvoraussetzung, die gesetzt und damit unhinterfragbar ist. Die geopolitische Setzung ist nicht willkürlich, sondern folgt geografischen und historischen Gegebenheiten. Bei Haushofer ist die Hauptgegebenheit, dass Mitteleuropa nur in Verbindung „über das große Eurasien hinweg mit der führenden Macht Ostasiens“ vor der Strangulation durch die Blockaden angelsächsischer Seemächte sicher sei. [1]

Wie die Kriegführung in der Straße von Hormus gezeigt hat, ist die Blockade noch immer ein wirksames Mittel. Haushofers Axiom bedeutet heute aber auch: Vor dem Hintergrund der welthistorischen Auseinandersetzung zwischen den USA und China kann Deutschland mit Europa nur zu strategischer Autonomie gelangen, wenn es Anschluss an die Infrastruktur der Neuen Seidenstraße findet. Anders bleibt es absterbendes Anhängsel westlicher Hemisphäre.

Ein Axiom europäischer Geopolitik ist anscheinend auch: Souveränität in und über Europa lässt nicht allein innerhalb Europas festmachen, seit das Völkerrecht keine europäische Ordnung mehr ist, sondern eine Weltordnung. Schon im Europa der Heiligen Allianz musste Russland vom Rand her die Ordnung befestigen. Weil Europas Staaten einig nur im Kampf gegeneinander sind – so ist es vom Ius Publicum Europaeum überkommen –, braucht Europa einen Anker außerhalb. Hier stößt der Paneuropäismus an seine Grenzen.

Deutschland und Russland stehen fest wie zwei Brückenköpfe. Das wussten alle Denker, Politiker und Militärs, die Deutschlands Mittellage zugunsten einer Bindung nach Osten auflösen wollten, etwa Reichswehr-Chef Hans von Seeckt: „Es kann unter den stärksten Erschütterungen radikal seine Staatsform ändern; es bleibt Russland, das sich nicht aus der Weltpolitik ausschalten lässt.“ [2] Die Alternative bestand in der Wendung gegen Osten. Ihre Ausweglosigkeit hat sich im Ostfeldzug ein für allemal erwiesen.

Mit der Reeducation bewältigten die USA in erster Linie Deutschlands Sonderweg, wie er mit Militarismus und Mittellage zum Ersten Weltkrieg geführt hatte. Den Ostfeldzug und seine Motivik im Drang nach Osten sparten sie weitgehend aus, um die BRD gegen Russland in Anschlag bringen zu können. Die Westbindung und ihre Begleiterscheinungen – Ablehnung der Neutralität, Vereinigung im Zeichen des Westens – hatten auch den Zweck, die Einheit Eurasiens zu durchkreuzen. So blieb das Rimland penetrierbar und das Heartland in Reichweite. Angelsächische Geopolitik ist immer das Gegenteil von Haushofers Geostrategie gewesen, und umgekehrt.

Russland und Deutschland gegeneinander auszuspielen, ist ein Geschäft, dessen Modell in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts etabliert worden ist. Es lässt sich von außen und von innen betreiben. Zur Zeit betreiben es die USA und Russland, um einen möglichen Deal in der Ukraine anzubahnen. Deutschland lässt sich als Feindbild einspannen, um eine Einigung auf seinem Rücken zu ermöglichen und gleichzeitig den Konflikt auf den eigenen schmalen Schultern fortzuführen. Atlantische Kapitalfraktionen spielen im Innern mit. 

Aber auch Russland spielt dieses Spiel mit – zu seinem Nachteil. Schon mit dem Kriegsziel, die Ukraine zu entnazifizieren, hat Russland den Ukrainekrieg als Wiederholung des Zweiten Weltkriegs gerahmt. Es nahm die NS-Symbolik in der Ukraine dankend an. Von einem umfassenden Blitzkrieg um die gesamte Ukraine ließ es sich in einen slawischen Abnutzungskrieg abdrängen. Lukaschenko hat den Vorgang kürzlich geschildert. Die Drahtzieher des Konflikts in Übersee sind darüber zunehmend in Vergessenheit geraten.

So wie sich in Deutschland mit Themen rund um Weltkrieg und Vertreibung ein antirussischer Affekt wachkitzeln lässt, so lässt sich Russland mit der Erinnerung an Jalta und Potsdam auf Kurs bringen. Russland richtet sein Geschichtsbild an vergangenen Siegen aus und verspielt durch Anachronismus künftige. Es will Status-quo-Macht sein wie im vorigen Jahrhundert, ist aber spätestens seit der Invasion in der Ukraine eine revisionistische Macht. Den Zweiten Weltkrieg gewonnen zu haben, bringt in der multipolaren Welt nichts.

Wer sich der Manipulation entziehen will, muss an sich selbst die Knöpfe deaktivieren, durch die er manipulierbar wird. Diese Knöpfe haben zumeist mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun. Wie man zu Russland steht, hängt weder von der Tageskonjunktur ab noch von den Befindlichkeiten zappeliger Zoomer. Deutschland muss sich von der Eskalation mit Russland fernhalten. Und Russland muss den Mut finden, seinen wahren Gegner zu benennen.

Anmerkungen

[1] Karl Haushofer: Der Kontinentalblock. Mitteleuropa, Eurasien, Japan, München 1941, S. 30 und 50.
[2] Generaloberst von Seeckt: Deutschland zwischen West und Ost, Hamburg 1933, S. 34.