Das Bankensystem beruht darauf, dass Banken eingezahlte Einlagen als Kredit vergeben. Stablecoin durchbrechen diese Kette. Indem sie direkt in Staatsanleihen wandern, verringern sie das Kreditvolumen der Realwirtschaft. Der Kampf heißt nicht Banken gegen Krypto, sondern Banken gegen die Finanzierungsmaschinerie der Regierung

Der Beitrag erschien am 30. Juni 2026 auf Englisch bei substack.com/@shanakaanslemperera

Von Shanaka Anslem Perera

Shanaka Anslem Perera ist Unternehmer und Gründer sowie CEO von Pet Express Sri Lanka und unabhängiger Analyst aus Colombo. Er kommentiert Geldwesen, Geopolitik, Künstliche Intelligenz und Souveränität

Die mächtigste Bank Amerikas ist gerade mit einer neuen Art von Dollar in den Krieg gezogen und hat das als Sicherheitswarnung ausgegeben. Ein Stablecoin ist eine Bank, die nur die halbe Arbeit erledigt. Sie nimmt Ihr Geld und verleiht es nie weiter. Und vor dieser fehlenden Hälfte hat JPMorgan wirklich Angst.

Am Montag veröffentlichten zwei Führungskräfte von JPMorgan einen Beitrag, in dem sie sich für einen US-amerikanischen Ordnungsrahmen für digitale Vermögenswerte aussprachen. Den größten Teil des Textes verwendeten sie jedoch darauf, davor zu warnen, dass Stablecoins, die sich wie Bankeinlagen verhalten, den gleichen Regeln wie Banken unterworfen werden müssten – einschließlich Kapitalanforderungen, Liquiditätsvorschriften und Verbraucherschutz. Das liest sich wie ein Plädoyer für Umsicht. Zugleich ist es aber auch ein Zug in einem Machtkampf, und der entscheidende Hinweis darauf liegt offen zutage.

Denn gleichzeitig betreibt JPMorgan seinen eigenen tokenisierten Dollar auf einer öffentlichen Blockchain. Die Bank, die Sie vor digitalen Dollars warnt, ist damit beschäftigt, einen zu prägen. Sie ist kein Schiedsrichter. Nein – sie ist ein Akteur, der die Spielregeln so zu formulieren versucht, dass seine Konkurrenten in eine Konsolidierung gedrängt werden und der digitale Dollar durch das Bankensystem fließt.

Um zu verstehen, worum es wirklich geht, muss man sich nur die Hälfte ansehen, die ein Stablecoin überspringt. Legt man einen Dollar bei einer Bank an, verleiht die Bank den größten Teil davon weiter. Die nächste Bank vergibt auf dieser Grundlage wiederum Kredite – und aus einem Dollar entstehen viele Dollar an Kredit. Aus dieser Kette werden Hypotheken und Unternehmenskredite finanziert. Sie ist der Motor der gesamten Wirtschaft.

Ein Stablecoin durchbricht diese Kette. Nach den gesetzlichen Vorgaben muss er vollständig durch sichere Vermögenswerte wie US-Staatsanleihen gedeckt sein und vergibt selbst keine Kredite. Jeder Dollar, der aus einer Bankeinlage in einen Stablecoin abwandert, ist daher ein Dollar, der dem klassischen Kreditkreislauf entzogen wird. Die regionale Zentralbank der Federal Reserve Bank of Kansas City hat dies ausdrücklich festgestellt: Stablecoins können das für die Realwirtschaft verfügbare Kreditvolumen verringern.

Auch die hauseigene Forschung von JPMorgan bringt dieselbe Sorge mit einem Wort auf den Punkt: Kreditintermediation. Dabei ging es nie in erster Linie um einen Scam. Es geht um einen Dollar, der sich der Kreditvergabe entzieht. Nun kommt die Wendung, die aus einem Konkurrenzkampf eine Zwickmühle macht: Dieselben Stablecoins, deren Reserven überwiegend aus Staatsanleihen bestehen, haben sich still und leise zu einem der größten Gläubiger der Vereinigten Staaten entwickelt.

Tether allein hält inzwischen US-Staatsanleihen im Wert von rund 140 Milliarden Dollar – mehr als Deutschland, mehr als Südkorea. Damit zählt das Unternehmen zu den größten ausländischen Haltern von US-Staatsanleihen weltweit und rückt in Richtung der Top Ten vor. Allein durch das Halten dieser Anleihen erzielte Tether im vergangenen Jahr einen Gewinn von über 10 Milliarden Dollar.

Der gesamte Stablecoin-Sektor hält inzwischen Reserven von mehr als 320 Milliarden Dollar. Damit übersteigen seine Bestände die Währungsreserven von 95 Staaten. Anders als gewöhnliche Investoren kaufen Stablecoin-Emittenten diese Staatsanleihen unabhängig von kurzfristigen Kursschwankungen oder Renditen, weil sie ihre Token jederzeit vollständig decken müssen.

Damit gerät Washington in eine Zwickmühle: Die Banken wollen Stablecoins eng regulieren, um ihre Einlagenbasis zu schützen. Das United States Department of the Treasury hingegen ist auf ein weiteres Wachstum dieses Marktes angewiesen, weil er zur Finanzierung einer Staatsverschuldung von inzwischen rund 37 Billionen US-Dollar beiträgt. Es geht daher nicht um Banken gegen Krypto. Es ist ein Konflikt zwischen dem Bankensystem und der Finanzierungsmaschinerie der Regierung.

Der Fairness halber muss man allerdings hinzufügen: Gemessen an einem 26 Billionen US-Dollar schweren Markt für US-Staatsanleihen und rund 18 Billionen Dollar an US-Bankeinlagen sind Stablecoins noch immer relativ klein. Der Abfluss von Einlagen ist zwar real, verläuft aber langsam – er stellt in diesem Jahr keine Krise dar.

JPMorgans spezifischer Einwand ist aber durchaus berechtigt: Ein Token, der Rendite abwirft und sich abgesichert anfühlt, obwohl er es nicht ist, ist eine echte Falle für Normalbürger. Das Gesetz verbietet Stablecoin-Emittenten bereits, eine solche Rendite zu zahlen, und schreibt eine vollständige Deckung der ausgegebenen Token durch sichere Reserven vor. Es handelt sich daher um einen langsamen Umbau des Finanzsystems – nicht um einen Zusammenbruch im nächsten Quartal. Doch die Richtung ist unverkennbar.

400 Jahre beruhte das Bankenwesen auf einem einfachen Deal. Man zahlte einen Dollar bei einer Bank ein, die Bank verlieh ihn weiter, Dinge wurden hergestellt. Stablecoins haben diesen Deal stillschweigend aufgekündigt. Das Geld fließt hinein, kehrt aber nie als Kredit zurück. Stattdessen fließt es direkt in die Staatsverschuldung.

JPMorgan bekämpft keinen Scam. Es kämpft gegen den ersten Dollar seit vier Jahrhunderten, den die Banken nicht selbst verleihen können.