Ein eigentümlich habgieriger Glanz liegt derzeit im Blick der amerikanischen Macht. Die Präsidenten anderer Völker erscheinen ebenso als Freiwild zur Aneignung wie die Schiffe, Ressourcen und sogar Länder anderer Völker. Wir können das Diebstahl nennen oder Realpolitik. Die Bezeichnung ist unerheblich. Hinter diesem Ausbruch von Kleptomanie steckt das schockhaftes Erwachen in eine Realität, die in Moskau und Peking schon lange begriffen wird: In der ökonomischen Zukunft, die sich nun entfaltet, wird das Materielle von größter Bedeutung sein, während das Geld im Vergleich dazu kaum noch eine Rolle spielen wird

Der Beitrag ist am 11. Januar 2026 auf Englisch im Blog des Autors erschienen: surplusenergyeconomics.wordpress

Von Tim Morgan

Tim Morgan war von 2009 bis 2013 globaler Forschungsleiter bei Tullett Prebon, London, einem der weltgrößten Vermittler zwischen Geschäfts- und Investmentbanken im Bereich Finanz-, Energie- und Rohstoffmärkte. Seit 2013 befasst er sich mit der Entwicklung des ökonomischen SEEDS-Modells, das auf der Grundlage seines Buchs Life After Growth basiert: https://www.amazon.com/Life-After-Growth-global-economy/dp/0857193392

Fakten, Knappheit und die Entthronung des Geldes

Wie Sie vielleicht wissen, gibt es nur einen Weg, wirtschaftliche Prozesse wirksam zu interpretieren. Wir dürfen nicht das Materielle ignorieren und uns auf das Monetäre konzentrieren, wir müssen klar zwischen der „realen“ Wirtschaft des Materiellen und der parallelen und „finanziellen“ Proxy-Wirtschaft des Monetären unterscheiden. Das Verhältnis zwischen diesen beiden Wirtschaftssystemen ist so: Da Geld keinen intrinsischen Wert besitzt, fungiert es lediglich als einlösbarer Anspruch auf das Materielle. Zu diesem Prinzip „Geld als Anspruch“ müssen zwei Prinzipien hinzugefügt werden.

Erstens funktioniert die „reale“ Wirtschaft des Materiellen, indem sie Energie nutzt, um andere natürliche Ressourcen in Produkte, Artefakte und Infrastrukturen – die physischen Formen des Wohlstands – umzuwandeln. Zweitens ist Energie keineswegs kostenlos, sondern mit Kosten (ECoE) verbunden, die sich als Anteil der zur Energiegewinnung eingesetzten Energie ausdrücken. Diese beiden Prinzipien heißen „Prinzip der Umwandlung“ und „Prinzip des Energie-Erntefaktors“ oder ECoE-Prinzip.

Die Wirtschaftsgeschichte der Moderne lässt sich in zwei Tendenzen zusammenfassen. Im langfristigen Trend sind die ECoE unaufhaltsam gestiegen, während die nicht-energetische Ressourcenbasis durch fortschreitende Ausbeutung erschöpft wurde. Wir versuchten, die Endlichkeit des Materiellen zu ignorieren, indem wir den anmaßenden Mythos entwickelten, wir könnten diese natürlichen Prozesse mithilfe zweier Formen von Magie – dem menschlichen Artefakt Geld und dem menschlichen Genius der Technologie – steuern und umkehren.

Dieses magische Denken muss scheitern, wenn das Materielle seine Vorherrschaft wieder geltend macht.

Energie und ECoE

Während die Effizienz der Umwandlung natürlicher Ressourcen – darunter Mineralien, Chemikalien, Biomasse und Wasser – in Wirtschaftsleistung allmählich sank, stiegen die ECoE unaufhaltsam, von 2 % im Jahr 1980 auf über 11 % heute. [1] Dieser Rückgang könnte noch abgemildert werden, indem man die Ressourcennutzung neu priorisiert. Gegen die explodierenden ECoE aber gibt es kein Mittel. 

Mit steigenden ECoE hat sich die Kluft zwischen Gesamtenergie und Energieüberschuss (ohne ECoE) vergrößert. Dieser Vorgang treibt nicht nur die Produktionskosten in die Höhe, sondern untergräbt auch den Wohlstand – und damit die Erschwinglichkeit – der Energieverbraucher. [2] Der materielle Wohlstand befindet sich nun in absteigender Kurve, bestimmt durch die Entwicklung der Energieversorgung, der ECoE und der Ressourcenumwandlungsraten. [3] Unsere vergeblichen Bemühungen, die materielle Wirtschaft mit monetären Instrumenten wiederzubeleben, haben unterdessen zu einem untragbaren Niveau finanzieller Verpflichtungen geführt. [4]

Ressourcenumwandlung und Wohlstand

Das Ergebnis ist eine Weltwirtschaft, die von monetären „Ansprüchen“ überschwemmt wird, aber einen gefährlichen Mangel an materiellen Ressourcen aufweist. Künftig wird das Materielle alles bestimmen, und das Monetäre wird zu einem chaotischen Rauschen rund um die physische Wirtschaftskurve. Zentralbanken, die Gold kaufen, und Regierungen, die sich Ressourcen aneignen, verstehen das. Wer an den alten Paradigmen des Geldwesens – oder der damit zusammenhängenden Technologie – festhält, verliert den Bezug zur Realität. 

In einem Zeitraum von zwanzig Jahren sind die weltweiten Schulden real um 167 % gestiegen, die Gesamtverbindlichkeiten sogar um mindestens 210 %. Aber der materielle Wohlstand hat nur um 25 % zugenommen. Diese Entwicklung enthält zwei Spannungen: Erstens ist die kriechende Wachstumsrate des Wohlstands schon unter das Bevölkerungswachstum gefallen. Zweitens sind die realen Kosten energieintensiver Grundbedarfsgüter gestiegen, während das Wohlstandswachstum langsamer wird und zum Schrumpfen tendiert.

Ich habe diese unerfreuliche Geschichte bewusst kurz gehalten. Einige ihrer Folgen sind recht gut vorhersehbar, andere nicht.

Von der monetären zur materiellen Denkweise

Da sich die Motivationsgrundlage von monetären zu materiellen Aspekten verlagert, schrumpft der Welthandel, und die überschießenden Ansprüche unseres aufgeblähten, kreditbasierten Währungssystems werden abgebaut. Sinkender Wohlstand und teurer werdende Grundbedarfsgüter werden einen unerbittlichen Abwärtsdruck auf jene Produkte und Dienstleistungen ausüben, die Konsumenten zwar wollen, aber nicht unbedingt brauchen. Der Rückgang der frei verfügbaren Ausgaben wird für die USA, China, Russland und die Weltwirtschaft in der zweiten Diagrammreihe dargestellt. [5]

Regierungen werden ebenso wie Einzelpersonen mit schwindenden Ressourcen und steigenden Grundkosten zu kämpfen haben. Die fiskalische Lage könnte hier zukünftig auf Basis des SEEDS-Modells untersucht werden. [6] Die wichtigste Erkenntnis: Entscheidungsträger müssen aufhören, rein monetär, und anfangen, materiell zu denken. Sie können sich Energie- und Ressourcenblindheit nicht länger erlauben.

Mit dem Übergang von der monetären zur materiellen Denkweise verlieren monetäre Anreize gegenüber – mangels Alternativen: staatlicher – Strategie an Bedeutung. Dieser Denkwandel könnte für westliche Länder im Gegensatz zu ihren BRICS+-Rivalen sehr schwer zu bewerkstelligen sein.

Anmerkungen

[2] Abbildung 1b
[3] Abbildung 1c
[4] Abbildung 1d

Titelbild: Zbynek Burival / Unsplash