Die Türkei spielt eine zentrale Rolle in der Großen Strategie der Trump-Regierung. Die USA wollen in Russlands südlicher Peripherie mit Hilfe der Türkei den Cordon sanitaire stärken, den die Briten in der Arktis und im Baltikum, die Polen in Mitteleuropa und Japan in Nordostasien errichten. Ein Deal zwischen den USA und der Türkei könnte F-35 mit russischen S-400-Flugabwehrsystem verknüpfen. Israel und Griechenland fürchten, dass der Kauf von F-35-Kampfjets die Türkei im regionalen Machtgefüge stärken könnte
Der Beitrag erschien auf Englisch am 2. Juli auf korybko.substack
Von Andrew Korybko
Andrew Korybko ist ein amerikanischer Politologe, der sich auf den globalen Systemwandel zur Multipolarität spezialisiert hat. Er lebt in Moskau
Euractiv berichtete Anfang der Woche unter der Schlagzeile „Israel und Griechenland in Alarmbereitschaft, während die Debatte über eine Rückkehr der Türkei zum F-35-Programm an Fahrt gewinnt“, dass Spekulationen über einen möglichen Deal zwischen Trump und Erdogan über diese Flugzeuge und S-400-Luftabwehr kursieren. Die Türkei wurde 2019 aus dem F-35-Programm ausgeschlossen, nachdem sie die russischen Flugabwehrsysteme erworben hatte. Doch nachdem Trump angekündigt hat, er werde beim NATO-Gipfel nächste Woche in Ankara „wohl etwas tun, was sie [die Türkei] sehr glücklich macht“, glauben einige Beobachter, dass ein Deal kurz vor dem Abschluss steht.
Wie ein anonymer, mit der Angelegenheit vertrauter Geheimdienstvertreter aus der Region meint, „könnte jeder Durchbruch bei der F-35-Frage von einer Vereinbarung abhängen, nach der die Türkei ihr S-400-System an einen Drittstaat verkauft, anstatt es an Russland zurückzugeben. Als ein mögliches Abnehmerland wurde Südkorea genannt.“ Als im vergangenen Jahr ähnliche Spekulationen aufkamen, berichteten indische Medien, dass ihr Land die Systeme von der Türkei kaufen könnte, da Indien bereits über mehrere solcher Systeme verfügt, wie damals hier analysiert.
Die Beziehungen zwischen Indien und den USA haben sich seither enorm verbessert, ein solches Szenario kann also nicht ausgeschlossen werden. Allerdings könnten neue Unsicherheiten Im Hinblick auf das Handelsabkommen dazu führen, dass Trump – als Bedingung für die Erlaubnis, die S-400-Systeme von der Türkei zu erwerben – entweder inakzeptable Forderungen an Indien stellt oder Indien aus Verärgerung brüskiert. Sollte ein anderes Land als Indien diese Raketen kaufen, dürften die Beziehungen der Türkei zu Russland erheblichen Schaden erleiden. Denn Moskaus Absicht war nie, dass Südkorea oder sonstwer in den Besitz dieser Systeme gelangt.
Um auf den Titel des Euractiv-Berichts zurückzukommen: Interessanterweise stehen Israel und Griechenland in dieser Angelegenheit auf derselben Seite wie Russland, wenn auch aus anderen Gründen. Es ist ihnen völlig gleichgültig, wer die S-400-Systeme kauft. Für sie zählt allein, dass der anschließende Kauf von F-35-Kampfjets durch die Türkei das regionale Machtgefüge zu ihren Ungunsten erheblich verschieben könnte. Israel konkurriert mit der Türkei in Syrien, während Griechenland mit ihr in einen heftigen Streit um Seegebiete verwickelt ist.
Griechenland und Israel befürchten, dass die Türkei sich durch die neuen Kampfjets und wiederholte politische Rückendeckung der USA dazu ermutigt fühlen könnte, ihre Interessen auf Kosten der beiden Staaten noch selbstbewusster zu verfolgen. Das würde wiederum das Risiko eines Krieges infolge einer Fehleinschätzung erhöhen. Entgegen der Ansicht mancher Beobachter hat sich das Verhältnis der Regierung Trump 2.0 zu Israel abgekühlt. Israel gilt nicht mehr als auserwählter Partner der USA. Überdies verfolgt Trumps Team keine „christlich-nationalistische“ Außenpolitik, die Griechenland gegenüber der Türkei bevorzugen würde.
Die Türkei spielt heute eine zentrale Rolle in der Großen Strategie der USA. Denn die im vergangenen August ins Leben gerufene Trump Route for International Peace and Prosperity (TRIPP) durch den Süden Armeniens erfüllt einen doppelten Zweck: Sie dient als militärischer Logistik-Korridor der NATO nach Zentralasien, der sich entlang Russlands gesamter südlicher Peripherie schlängelt. So ist sie ein entscheidender Bestandteil des Cordon sanitaire, der – um Russland herum – von den Briten in der Arktis und im Baltikum, von Polen in Mitteleuropa und von Japan in Nordostasien errichtet wird.
Weder Israel noch Griechenland spielen in der Großen US-Strategie eine annähernd so wichtige Rolle wie die Türkei. Daher erwägt Trump 2.0 Berichten zufolge, die regionalen Sicherheitsinteressen der Türkei über die von Israel und Griechenland zu stellen – etwa durch einen möglichen Deal, der die F-35- und S-400 miteinander verknüpft. Ebenso stellt die Türkei – gerade weil die USA für ihre eigene Strategie wegen TRIPP weitaus wichtiger sind als Russland – ihre eigenen Interessen über die Russlands und erwägt so, die S-400-Systeme an einen anderen Drittstaat als Indien zu verkaufen.