Nihilismus ist das richtige Wort für die Verhandlungsstrategie der USA. Nichts ist wahr und alles erlaubt. Ein solcher Staatsnihilismus führt zum finanziellen und moralischen Bankrott. Wenn Gewalt das letzte Mittel ist, um mit den USA zu verhandeln, wird sich die Welt zum Angriff rüsten. Die Folgen für die USA werden verheerend sein
Dieser Beitrag ist auf Englisch am 5. Mai 2026 erschienen auf ronpaulinstitute.org
Von Ron Paul
Ron Paul war Abgeordneter im Repräsentantenhaus der USA und kandidierte bei den republikanischen Vorwahlen um die Kandidatur zu den US-Präsidentschaftswahlen 2008 und 2012. Mit anderen Kriegsgegnern gründete er das Ron Paul Institute for Peace and Prosperity
Das Muster der Medienberichte, wonach ein Abkommen mit dem Iran fast abgeschlossen sei, ist mittlerweile vorhersehbar geworden. Es basiert auf Leaks aus dem Weißen Haus. Während die Märkte früher wild schwankten (und einige Insider mit diesen Informationen riesige Gewinne machten), bewegen sich die Märkte heute kaum noch, wenn wir wieder einmal erfahren, dass der Deal fast steht – nur um zu erleben, dass er doch platzt.
Es ist gefährlich, eine US-Regierung zu haben, der niemand glaubt – weder in den USA noch im Rest der Welt. Wenn „Quellen“ aus dem Weißen Haus behaupten, ein Deal sei in Sicht, nur damit Präsident Trump kurz darauf eine weitere KI-generierte Grafik veröffentlicht, die das US-Militär oder ihn selbst beim Abfeuern von Raketen auf den Iran zeigt, dann wird dem Rest der Welt die Sinnlosigkeit aller Verhandlungen mit den Vereinigten Staaten aufgezeigt.
Das ist kein Zeichen von Stärke, sondern von moralischem und ethischem Bankrott. Und gefährlich. In einer Welt, in der kein Land einen Nutzen darin sieht, durch Verhandlungen mit der US-Regierung Streitigkeiten beizulegen, besteht die einzig verbleibende Lösung darin, sich auf den Einsatz von Gewalt gegen diese Regierung vorzubereiten. Eine US-Regierung, deren Wort nichts gilt, wird auf eine Welt treffen, die nicht mit ihr spricht.
Das sahen wir an der iranischen Reaktion auf die US-Überraschungsangriffe vom vergangenen Juni und vom 28. Februar dieses Jahres. Zweimal nutzten die USA die Lüge und Täuschung, als ehrlicher Partner zu verhandeln, um einen im Voraus geplanten Angriff zu verschleiern. Wie soll ein Land unter solchen Umständen verhandeln können?
Für das alles gibt es ein Wort: Nihilismus ist die Überzeugung, dass nichts wahr ist und alles erlaubt, um seinen Willen mit bequemen Lügen und Täuschungen durchzusetzen. Ein solcher Staatsnihilismus führt zum doppelten Bankrott, finanziell und moralisch. Die Schuldenlast von fast 40 Billionen Dollar zeigt ersteren Bankrott auf, unsere auf Krieg und Aggression ausgerichtete Außenpolitik letzteren.
Eine Welt, die Gewalt als das einzige Mittel ansieht, um mit den Vereinigten Staaten zu „verhandeln“, wird uns vielleicht nicht sofort angreifen. Doch sie wird sich darauf vorbereiten. Genau das hat der Iran in den vergangenen vier Jahrzehnten getan. Genau das haben unsere „Rivalen“ China und Russland getan. Und andere ziehen nun nach.
Die Regierung und ihre Neocon-Sprachrohre bringen weiter die Propaganda unter das amerikanische Volk, wir verfügten über das stärkste Militär der Weltgeschichte. Es mag zutreffen, dass wir über ein schlagkräftiges Militär verfügen, kostspieliger als das der meisten anderen Nationen zusammen und fähig, weltweit militärische Macht zu projizieren. Es ist aber auch völlig unerheblich.
Trotz der unermüdlichen Propaganda von „Kriegsminister“ Hegseth erfahren wir allmählich die Wahrheit über den aggressiven US-Krieg gegen den Iran. Schon wenige Wochen der Kampfhandlungen haben unser Arsenal fast aufgebraucht, während das des Iran kaum eingedellt worden ist. Entgegen den ursprünglichen Behauptungen der US-Regierung, 90 % oder mehr der iranischen Streitkräfte seien vernichtet worden, wissen wir heute: Das Gegenteil ist der Fall. Fast 90 % des iranischen Militärs sind nach wie vor intakt.
Eigentlich hätten wir aus 20 verschwendeten Jahren Afghanistan die Lehre ziehen müssen, dass eine Nation im Kampf für ihre Heimat über einen unermesslichen Vorteil verfügt. Das haben wir nicht getan. Das „mächtigste Militär der Welt“ zu besitzen, ist bedeutungslos, solange die USA ein globales Militärimperium anstreben. Nie wird ein Militär dafür stark genug sein. Diese Lektion lernen wir gerade im Iran.
Sollte die amerikanische Bevölkerung von ihren gewählten Repräsentanten nicht einfordern, die Verfassung zu wahren und unseren guten Ruf als ehrliche Vermittler wiederherzustellen, so dürften die Folgen unseres gegenwärtigen Nihilismus verheerend sein. Das fürchte ich.
Titelbild: Ron Paul speaking at the Young Americans for Liberty National Convention, Kissimmee (Florida), 2024 — Foto: Gage Skidmore — CC BY-SA 2.0 — https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/