Warum attackiert der Iran die Golfstaaten und nicht nur Israel? Attacken nur auf Israel bergen das Risiko einer nuklearen Eskalation. Aber es geht um mehr. Das politische Klima in den Vereinigten Staaten verändert sich zu Ungunsten Israels. Es öffnet sich ein Zeitfenster, um mit US-Unterstützung zum dominierenden Akteur der Region zu werden. Um eine Israel-zentrierte Ordnung in der Region abzuwenden, zielt der Iran auf die Machtarchitektur, die Israel umgibt und dessen Suprematie überhaupt erst ermöglicht
Der Beitrag ist auf Englisch am 15. Mai 2026 erschienen auf kevorkalmassian.substack.com
Von Kevork Almassian
Kevork Almassian ist syrischer Geopolitik-Analyst und Gründer von @SyrianaAnalysis
Nach meinem jüngsten Gespräch mit William Van Wagenen beschäftigte mich eine Frage im Mittelpunkt des regionalen Krieges, der sich derzeit ausbreitet: Warum konzentriert sich der Iran offenbar stärker darauf, amerikanische Stützpunkte und Infrastruktur am Persischen Golf anzugreifen, als direkt zu versuchen, Israel zu zerstören?
Das weckt Misstrauen bei vielen Menschen, die das Geschehen eher emotional als strategisch betrachten. Sie fragen sich: Wenn der Iran tatsächlich Israel als seinen Hauptfeind betrachtet – warum greift er Israel dann nicht direkt und mit überwältigender Gewalt an? Warum nimmt er stattdessen die Golfmonarchien, amerikanische Stützpunkte, Radarsysteme und regionale Infrastruktur ins Visier? Warum übt er Druck auf die größere Architektur aus, die Israel umgibt, anstatt auf Israel allein? Ich halte diese Frage für sehr wichtig, da sie ein Missverständnis über die wahre Natur der Macht im heutigen Westasien enthält.
Zuerst müssen wir begreifen, dass Israel nicht isoliert agiert. Israels militärische Überlegenheit ist nicht rein israelisch. Sie ist Teil eines weitaus größeren, von den USA geführten regionalen Systems, das sich über die Golfmonarchien, Netzwerke zum Austausch von Geheimdienstinformationen, Radarsysteme, Überwachungsinfrastruktur, Koordinierung der Luftverteidigung, Militärstützpunkte, Satellitensysteme und finanzielle Abhängigkeiten erstreckt. Der Persische Golf ist heute nicht bloß eine Energieregion, er ist das operative Hinterland der amerikanischen Macht in Westasien.
Sobald man das verstanden hat, ergibt die Strategie des Iran weitaus mehr Sinn. Gelangen die iranischen Planer zur Überzeugung, dass sie Israel realistischerweise nicht direkt zerstören können, ohne damit eine totale regionale Vernichtung – einschließlich einer nuklearen Eskalation – auszulösen, dann besteht die rationalere Strategie darin, jene Infrastruktur zu schwächen, die das Funktionieren der israelischen Überlegenheit überhaupt erst ermöglicht. Mit anderen Worten: Der Iran scheint weniger an dramatischer Symbolik interessiert zu sein als vielmehr daran, jenes Ökosystem zu schwächen, das die israelische Vorherrschaft stützt.
Genau deshalb rücken die Golfmonarchien plötzlich ins Zentrum der Angriffe. Diese Monarchien beherbergen die amerikanische Militärarchitektur, die Israel schützt. Die am gesamten Golf stationierten Radarsysteme sind keine bloß passiven Verteidigungsinstrumente. Sie bieten Aufklärungskapazitäten, Zielkoordination und Austausch von Geheimdienstinformationen, die den israelischen und amerikanischen Systemen dabei helfen, iranische Raketen abzufangen. Auch die amerikanischen Stützpunkte am Golf sind keine neutralen Beobachter. Sie sind operative Mittel in der größeren Konfrontation.
Wenn der Iran diese Systeme ins Visier nimmt, „meidet“ er Israel nicht. Er zielt vielmehr auf das regionale Nervensystem hinter Israels militärischem Schutz. Doch es gibt eine weitere Ebene, die meiner Meinung nach sogar noch wichtiger ist. Die Golfmonarchien haben ihre gesamte moderne Identität auf der Idee der Stabilität aufgebaut. Länder wie die Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi-Arabien haben sich zu Investitionszentren gewandelt, indem sie die Welt davon überzeugten, dass sie inmitten einer chaotischen Region isolierte Inseln der Sicherheit darstellen. Ihre Legitimität hing immer weniger von militärischer Leistungsfähigkeit ab und immer mehr vom Vertrauen der Investoren, von Finanzströmen, luxuriösen Entwicklungsprojekten, dem Tourismus und der globalen Integration.
Die Emirate haben dieses Modell perfektioniert. Dubai war nicht nur eine Stadt, sondern eine geopolitische Marke. Die simple Botschaft: Bringt euer Geld, eure Unternehmen, Wohlstand, Technologie, Bankennetzwerke und Investitionen hierher, denn die amerikanische Macht garantiert dauerhafte Sicherheit. Der Iran hat begriffen, dass dieses Image selbst das strategische Gravitationszentrum darstellt. Sobald Raketen den Luftraum über dem Golf durchkreuzen, sobald Investoren sich fragen, ob die amerikanische Militärpräsenz die Gefahr eher vergrößert als verringert, sobald die Wahrnehmung von Stabilität bröckelt – wird das regionale Wirtschaftsmodell verletzlich. Dann muss der Iran diese Staaten nicht mehr militärisch erobern, sondern nur die Illusion ihrer Unverletzlichkeit zerstören.
Genau das haben wir gesehen. Irans Botschaft an die Golfmonarchien ist psychologisch: Amerikanischer Schutz ist zur Bürde geworden. Viele Analysten missverstehen Irans scheinbare Zurückhaltung gegenüber Israel. Im Internet wird leichtfertig von der „Zerstörung Israels“ gesprochen, als wäre sie bloß eine Willensfrage. Aber seriöse Staaten denken nicht in Parolen. Sie denken in Konsequenzen. Der Iran begreift, dass jede existenzielle Bedrohung Israels das Risiko einer nuklearen Eskalation birgt. Israel verfügt über Atomwaffen. Jeder in der Region weiß das – selbst wenn die Diplomatie diese Tatsache übergeht. Ein Szenario, in dem Israel sein staatliches Überleben gefährdet sieht, würde den Konflikt in katastrophale Dimensionen jenseits konventioneller Kriegsführung treiben.
Und deshalb ist Irans Strategie, glaube ich, weniger auf unmittelbare Zerstörung ausgerichtet als auf langfristige Zermürbung. Nicht eine Zermürbung Israels allein, sondern der amerikanischen Regionalordnung, die Israels Existenz stützt. Denn Israel kann ohne die überwältigende militärische, finanzielle, technologische und diplomatische Rückendeckung der USA nicht als jene dominante Regionalmacht wirken, die es derzeit ist. Israels Macht ist strukturell von amerikanischer Macht abhängig. Und der Iran scheint sich zunehmend darauf zu konzentrieren, diese Struktur auf indirektem Wege zu schwächen, anstatt sich unmöglichen Fantasien einer unmittelbaren militärischen Vernichtung hinzugeben.
Gleichzeitig verschiebt sich das politische Klima innerhalb der Vereinigten Staaten. Das könnte sich langfristig als noch gefährlicher für Israel erweisen. Jahrzehntelang galt die Unterstützung für Israel in der amerikanischen Politik als heiliger Konsens. Kritik gab es natürlich, aber meist nur an den Rändern. Was sich nach dem Völkermord in Gaza – und nach dem aggressiven Krieg gegen den Iran – verändert hat: Israel sieht sich nicht nur jener liberalen Kritik gegenüber, die es vorher schon gegeben hat. Innerhalb der amerikanischen Rechten tut sich ein Riss auf. Und das ist eine bedeutende Transformation.
Immer häufiger stellen Figuren in konservativen, nationalistischen und America-First-Kreisen offen die Frage, warum Israels Prioritäten über amerikanischen Interessen stehen. Warum endlose Kriege weiterhin amerikanische Ressourcen verschlingen. Warum Kritik an Israel politisch nach wie vor mit politischen Gefahren verbunden ist, die es bei Kritik an anderen fremden Staaten nicht gibt. Aktuelle Umfragen belegen den schwindenden Rückhalt für Israel selbst unter jüngeren Republikanern und eine insgesamt zunehmend negative Wahrnehmung in der amerikanischen Gesamtbevölkerung. (Pew Research Center)
Das bedeutet keinesfalls, dass Washington plötzlich Israel fallen lassen würde. Die militärischen und institutionellen Beziehungen bleiben außerordentlich eng. Doch auf politischer Ebene hat sich unter der Oberfläche etwas Wichtiges in Bewegung gesetzt. Und ich vermute, dass israelische Strategen diese Gefahr genau erkennen. Denn aus ihrer Sicht könnte sich in der gegenwärtigen Lage ein historisches Zeitfenster öffnen, das sich in Zukunft verengt. Sollte sich die amerikanische öffentliche Meinung weiter wandeln, sollten künftige Koalitionen weniger bereit sein, Amerikas Interessen den regionalen Ambitionen Israels unterzuordnen, könnte Israels Handlungsspielraum eingeschränkt werden wie seit Jahrzehnten nicht.
Hier wird die regionale Dimension sehr wichtig. Ich denke immer mehr, dass Israels langfristiges Ziel nicht das bloße Überleben ist. Das Überleben ist schon durch amerikanische Rückendeckung und nukleare Abschreckung gesichert. Die größere Ambition besteht offenbar darin, Israel zum vollautonomen, imperialen Zentrum der Region zu formen.
Betrachten wir das größere Bild, das sich derzeit abzeichnet: Israel strebt die Vorherrschaft über die Gasfelder im östlichen Mittelmeer an. Es strebt die Integration in die Wirtschaftssysteme am Golf an. Es strebt eine Normalisierung mit der arabischen Welt an. Es strebt Einfluss auf Energiekorridore an, die Asien mit Europa verbinden. Es strebt indirekten Einfluss auf den Wiederaufbau Syriens sowie auf die regionalen Handelsrouten an. Und sollte sich der Iran jemals in einen freundlich gesinnten, regime-gechangeten Staat verwandeln, der mit den Interessen des Westens und Israels im Einklang steht, wären die geopolitischen Auswirkungen atemberaubend.
Dann wäre Israel nicht mehr nur ein amerikanischer Klientelstaat, der vor äußeren Bedrohungen beschützt wird. Es könnte sich zum dominierenden geopolitischen und energetischen Knotenpunkt der gesamten Region entwickeln. Strategisch positioniert zwischen Europa, den Golfstaaten und Asien. In der Lage dazu, Handelsrouten, Energieflüsse, Nachrichtendienste und militärische Dominanz gleichzeitig als Machtinstrumente einzusetzen. Nicht mehr verlängerter Arm amerikanischer Macht, sondern in der Region ein imperialer Akteur eigenen Rechts.
Und ich glaube, der Iran hat diese Möglichkeit sehr wohl begriffen. Demnach dreht sich der aktuelle Krieg im Kern um die Frage: Wird sich in Westasien künftig eine Israel-zentrierte regionale Ordnung formieren – gestützt auf amerikanische Macht? Oder gibt es in der Region genügend Widerstand, um diesen Wandel zu verhindern?
Das ist der strategische Kampf hinter den Schlagzeilen. Und genau deshalb nimmt der Iran nicht einfach Israel ins Visier. Er nimmt jenes System ins Visier, das die israelische Vorherrschaft überhaupt erst ermöglicht.