Der Islamische Staat ist nicht besiegt. Seine Kämpfer bleiben im Spiel – als kontrollierbares Druckmittel. Stellen Sie sich vor, diese IS-Kämpfer greifen die Golanhöhen oder israelische Truppen in den neu besetzten syrischen Gebieten an. Es wäre der perfekte Kriegsgrund in einem Szenario wie aus dem Gespräch zwischen Tucker Carlson und Mike Huckabee: Angegriffen, gewonnen, erobert…
Der Beitrag ist am 25. Februar 2026 auf Englisch erschienen auf x.com/KevorkAlmassian
Von Kevork Almassian
Kevork Almassian ist syrischer Geopolitik-Analyst und Gründer von @SyrianaAnalysis
Wenn die Schlagzeilen berichten, dass der IS in Syrien wieder erstarkt, Gefängnisausbrüche zunehmen und amerikanische Truppen „abziehen“, sollte man das als chaotische, aber eigentlich vertraute Geschichte lesen: Der Terrorismus kehrt zurück, die internationale Gemeinschaft reagiert, und die USA passen widerwillig ihre Haltung an, um die Sicherheit der Region zu gewährleisten.
Doch wer die Entwicklungen in Syrien aufmerksam verfolgt hat, erkennt etwas anderes: Die Abläufe sind zu genau aufeinander abgestimmt, die Anreize zu offensichtlich und die Folgen zu nützlich für eben jene Akteure, die vorgeben, die erwähnten Entwicklungen eigentlich verhindern zu wollen. Was wir jetzt erleben, ist ein strategischer Wandel. Und wie die meisten strategischen Übergänge in unserer Region wird er der Öffentlichkeit in einer Sprache verkauft, die nicht den tatsächlichen Gegebenheiten vor Ort entspricht.
Viele von uns haben jahrelang gewarnt: Man kann nicht Tausende von IS-nahen Gefangenen in provisorischen Gefängnissen unter Strohmann-Verwaltung festhalten – ohne eine politische Lösung, ohne ordentliche Gerichtsverfahren, ohne Rückführungen und ohne eine stabile Sicherheitsarchitektur – und dann so tun, als stünde keine Eskalation bevor. Die Amerikaner „verwalteten“ diese Gefängnisse über ihre Strohmann-Strukturen im Nordosten. Doch sie waren nie ernsthaft daran interessiert, das IS-Problem in Syrien als Problem der sozialen Wiedereingliederung, Deradikalisierung und Gerechtigkeit zu lösen. Sie behandelten es als Druckmittel: Etwas, das man in der Schublade hat. Etwas, das man bei Bedarf einsetzt. Etwas, auf das man verweisen kann, um einen Stützpunkt, einen Konvoi, einen neuen Luftangriff oder eine neue „Mission“ zu rechtfertigen.
Das ist keine radikale These. Es ist mittlerweile ein Muster. Und das Beunruhigendste an den Enthüllungen der Epstein-E-Mails ist, dass sie mit dem übereinstimmen, was die syrische Seite schon lange behauptet. In einer weit verbreiteten E-Mail, die Jeffrey Epstein zugeschrieben wird, beschreibt er, wie die USA dem IS freie Hand für den Vormarsch auf Palmyra ließen. Dies deckt sich auf beunruhigende Weise mit einer alten, mittlerweile berüchtigten Aussage von John Kerry: US-Beamte hätten die Expansion des IS beobachtet und geglaubt, er könne als Druckmittel gegen Ex-Präsident Baschar al-Assad eingesetzt werden.
Die strategische Logik ist unbestreitbar: Der IS wurde nicht primär als zu vernichtender Feind behandelt, sondern als Instrument des Drucks, das es zu kontrollieren galt. Dann änderte sich die Lage. Westliche Geheimdienste und ihre regionalen Verbündeten erreichten endlich ihr jahrelanges Ziel: Assad wurde gestürzt, der syrische Staat ausgehöhlt – und nun sind wir im Zentrum der Gefahr. Syrien wird der Welt unter einem neuen Machthaber präsentiert, der noch vor Kurzem als Al-Qaida-Emir bekannt war und nun allen Ernstes als „Präsident“ des Landes serviert wird.
Vor einigen Wochen schloss Abu Muhammad al-Dschaulani in Paris ein Abkommen mit Washington und Ankara, das ihm die Eroberung großer Gebiete ermöglichte, die zuvor von kurdisch geführten Kräften kontrolliert worden waren. Diese Gebiete wurden rasch übergeben oder eingenommen. In ihnen befanden sich Einrichtungen, in denen IS-Kämpfer festgehalten wurden. Im Nebel des Übergangs, der internen Kämpfe und der Zersplitterung der Sicherheitslage flohen die Kämpfer. Einige entkamen. Einige wurden verlegt. Einige verschwanden einfach spurlos.
Nun haben wir also ein Syrien, in dem das explosivste menschliche Material der Welt – ausgebildete, ideologisch verhärtete und international vernetzte Kämpfer – in ein Land zurückgeführt wurde, das bereits erschöpft und polarisiert ist und nun von einer Koalition von Kräften regiert wird, deren eigene ideologische Geschichte sich mit der des Dschihadismus überschneidet. Das führt zu zwei möglichen Ergebnissen, beide sind gefährlich und beide für externe Mächte nützlich.
Einerseits könnte es für einige dieser IS-Elemente vorteilhaft sein, mit den neuen Sicherheitsstrukturen in Damaskus zu kooperieren, da das Überleben oft Allianzen hervorbringt, die sich ideologisch normalerweise verbieten würden. Andererseits – und das ist wohl noch gefährlicher – signalisiert der IS selbst bereits das Gegenteil: Dschaulani sei in der Zusammenarbeit mit den USA „zu weit gegangen“ und habe sich Israel gegenüber zu passiv verhalten. In diesem Szenario wird die Erzählung vom Verrat zum Rekrutierungsinstrument. Desillusionierte Kämpfer aus Dschaulanis eigenem Lager könnten sich dem IS anschließen und ihn mit erfahrenen Kämpfern verstärken, die das Terrain, die Netzwerke und die Waffenrouten kennen.
Dann hört Syrien auf, ein syrisches Problem zu sein, und wird wieder zu einem regionalen. Denn ein wiedererstarkter IS ist nicht nur eine Bedrohung für Damaskus. Er ist eine Bedrohung für Jordanien. Er ist eine Bedrohung für den Libanon. Er ist eine Bedrohung für den Irak. Er ist eine Bedrohung für Minderheiten überall: Christen, Jesiden, schiitische Dörfer und alle, die nicht der Takfiri-Weltanschauung folgen. Und es ist zudem ein entscheidender, bequemer „Sündenbock“, der Israels Eskalationen rechtfertigen kann, zumal es in Syrien bereits frei agiert und dabei eine andere strategische Logik verfolgt als Washington.
Das Endziel, das Washington prioritär verwirklicht, ist ein zentralisiertes Regime unter einer einzigen Adresse, das in das amerikanische Regionalmanagement integriert werden kann, das den Vorwurf erheben kann, den „Terrorismus zu bekämpfen“, und das Syriens politische Ausrichtung harmonisieren kann. Israels bevorzugtes Endziel ist ein balkanisiertes Syrien. Israel will ein geschwächtes, ein gespaltenes Syrien, ein in überschaubare Zonen zersplittertes Syrien, das nie wieder als zusammenhängender Staat funktionieren kann.
Und wenn man verstehen will, wie der IS trotz all dem Blutvergießen wieder nützlich werden kann, muss man sich nur ansehen, wie Bedrohungen instrumentalisiert werden. Mike Huckabee sprach in der Sendung von Tucker Carlson offen über die Vision eines „Großisraels“, das sich vom Nil bis zum Euphrat erstrecken soll. Als Tucker ihn direkt fragte, ob es „in Ordnung“ wäre, wenn Israel Länder wie Ägypten, Palästina, Syrien, Libanon, Jordanien, Saudi-Arabien und den Irak übernehmen würde, wich Huckabee nicht zurück. Er sagte im Wesentlichen ja, das wäre in Ordnung, fügte aber höflich hinzu: „Vielleicht ist das nicht das, worüber wir heute sprechen.“
Dann legte er die eigentliche Doktrin dar: Wenn Israel angegriffen wird, gewinnt und Gebiete erobert, dann ist alles in Ordnung. Verstehen Sie, was das bedeutet? Genau deshalb ist die Frage des IS jetzt so wichtig. Stellen Sie sich vor, IS-Elemente könnten – sei es aus Nachlässigkeit, bewusster Duldung oder schlichtweg aus Chaos – die Golanhöhen angreifen oder israelische Besatzungstruppen in den neu besetzten syrischen Gebieten nach dem Sturz Assads attackieren. Innerhalb weniger Stunden wäre das der perfekte Kriegsgrund: Israel müsste nicht sagen: „Wir wollen Damaskus.“ Es müsste nur sagen: „Wir wurden angegriffen.“ Und nach dieser Doktrin würde der Einmarsch in Damaskus zur „Verteidigung“, zur „Sicherheit“ und zur natürlichen Folge eines gewonnenen Krieges werden, den jemand anderes begonnen hat.
Und hier kommt der Punkt, der beweist, dass es sich hier keineswegs um abstrakte Theorie handelt. Ein exklusiver Bericht des Wall Street Journal zitiert US-Funktionäre, die mit Geheimdiensterkenntnissen vertraut sind. Demnach befinden sich 15.000 bis 20.000 Menschen, darunter auch IS-Anhänger, nach der Flucht aus einem Lager für Dschihadisten-Familien in Syrien auf freiem Fuß. Mit anderen Worten: Das menschliche Material, das „Sicherheitskrisen“ erst ermöglicht, lässt sich nun quantifizieren. Und sobald man das akzeptiert, wird deutlich, wie leicht ein Angriff, ein Zwischenfall oder eine Provokation in den von Huckabee beschriebenen Kriegsgrund umgewandelt werden kann: Wir wurden angegriffen, wir haben gewonnen, wir haben Land erobert.
Ob man das nun als Ideologie, Fantasie oder politisches Ziel betrachtet – entscheidend ist, dass Expansionsprojekte in der Realität einer Rechtfertigung bedürfen. Und der IS liefert die perfekte Rechtfertigung: eine permanente Sicherheitsbedrohung, die es erlaubt, Besetzungen als Verteidigung darzustellen. Deshalb habe ich mich stets gegen das Märchen gewehrt, der IS sei ein völlig unabhängiger Akteur. Er verhält sich immer wieder wie eine Organisation, die an Stärke gewinnt, wenn bestimmte Geheimdienste und regionale Ökosysteme ihr freie Hand lassen – und an Stärke verliert, wenn diese Ökosysteme sie unterdrücken wollen. Er treibt zwar „Terrorismus“, aber Terrorismus, der in größeren strategischen Machtspielen direkt oder indirekt als politisches Kapital dient.
Wenn man also fragt: Warum ziehen sich die USA gerade jetzt aus Syrien zurück, wo der IS eine neue Phase einläutet? – ist die Antwort: Weil die US-Mission in Syrien nie primär der Terrorismusbekämpfung diente. Es ging um Öl, Weizen und Verhandlungsmasse. Es ging darum, Ölfelder und wichtige Agrargebiete zu besetzen, um die ehemalige syrische Regierung zu schwächen, nachdem Sanktionen – insbesondere der Caesar Act – Wiederaufbau und ein normales Wirtschaftsleben unmöglich gemacht hatten. Es ging darum, at-Tanf zu halten, um Handelswege zwischen Syrien, Jordanien und dem Irak zu blockieren und die regionale Vernetzung zu unterbinden.
Und sobald diese Ziele erreicht sind und die Lage durch ein neues, als „legitim“ verkauftes Regime in Damaskus „gelöst“ ist, kann Washington Ressourcen verlagern und neue Prioritäten setzen. Und die neue Priorität ist zunehmend der Iran. Das sollte die Golfstaaten – und ehrlich gesagt alle Staaten in der Region – zum Nachdenken anregen. Denn die Entmachtung Syriens als funktionierenden Staates und die Zerstörung der syrischen Luftverteidigung nach der Einnahme von Damaskus haben den syrischen Luftraum faktisch für israelische Operationen geöffnet und neue Wege für eine Eskalation in Richtung Ostsyrien, in die Luftkorridore des irakischen Kurdistan und potenziell in Richtung Iran geschaffen.
Syrien ist zahnlos, wehrlos und unfähig, seinen Luftraum zu schützen – genau das, was eine regionale Eskalationsarchitektur erfordert. Sollte es zu einer größeren Konfrontation mit dem Iran kommen, werden die Folgen nicht auf den Iran beschränkt bleiben. Sie werden sich über die gesamte Region ausbreiten, und das bereits zerrüttete Syrien wird zu einem der am leichtesten zu durchbrechenden Ziele für diesen Schock werden.
Gleichzeitig wird uns gesagt, wir sollten der neuen Führung in Damaskus zutrauen, dass sie für „Sicherheit sorgt“. Dabei ist doch ihr eigener interner Zusammenhalt fragwürdig. Viele ihrer Kämpfer kämpften für den transnationalen Dschihadismus. Und ihnen wurde Jerusalem versprochen, nicht die Normalisierung der Beziehungen zu Israel. Sobald dieser Mythos zusammenbricht, wird der Fraktionswechsel zu einem realen Risiko. In diesem Szenario kann Israel die Bedrohung durch den IS als Vorwand nutzen, um tiefer, schneller und entschlossener vorzudringen, da die militärische Lage bereits zu seinen Gunsten ausschlägt.
Es gibt eine potenziell stabilisierende Variante, die der Öffentlichkeit immer wieder vorgehalten wird: die Idee, Damaskus und die kurdische SDF könnten eine Vereinbarung treffen, die die Kurden in die Regierungsstrukturen integriert und eine stärkere interne Front gegen den IS eröffnet. Auch diese Variante wird Berichten zufolge von Washington gefördert, mit dem Versprechen kurdischer Quoten in Ministerien und Parlament. Denn eine einheitliche innere Ordnung ist das beste Gegenmittel gegen das, was den IS am stärksten antreibt: ein Machtvakuum. Doch auch hier bleiben die Türkei und die USA mit ihrer Präferenz für eine zentralisierte Kontrolle unter der neuen Führung die entscheidenden Faktoren. Das bedeutet, dass es bei der Vereinbarung weniger um kurdische Rechte als vielmehr um die Stabilisierung einer Landkarte für die nächste Phase der regionalen Konfrontation geht.
Und damit sind wir wieder beim Kernpunkt. Der IS kehrt nicht in ein Vakuum zurück. Er kehrt genau in dem Moment zurück, in dem Syrien politisch umgekrempelt ist, Gefängnisse destabilisiert wurden, amerikanische Ressourcen neu geordnet werden und Israel seine strategische Präsenz ausbaut und offener über langfristige territoriale und sicherheitspolitische Ambitionen spricht. Dies ist nicht die Nach-IS-Ära. Es handelt sich um recycelten IS, der in eine fragilere Region unter Bedingungen eingeführt wurde, die ihn gefährlicher und nützlicher machen.
Wenn man ein zweites 2014 verhindern will, erreicht man das nicht mit Parolen über den Kampf gegen den Terror, während man gleichzeitig die strukturellen Voraussetzungen für dessen Wiederaufleben schafft. Man erreicht es, indem man das Anreizsystem zerschlägt, das Kämpfer zu Werkzeugen macht, und indem man die geopolitischen Spielchen beendet, die Syrien wie ein Schachbrett und nicht wie eine Nation behandeln. Denn den Preis für diese Spielchen zahlen immer zuerst die Syrer. Und dann zwangsläufig alle anderen.
Titelbild: Autor