Die USA verfügen über keine militärische Möglichkeit, den Iran in die Knie zu zwingen. Weder Flugzeugträger noch Wirtschaftskrieg können Teheran zur Kapitulation bewegen. Netanjahu wendet sich an die amerikanische Öffentlichkeit und warnt vor der iranischen Bombe. Trump wird zur maximalen Eskalation gedrängt, um Israels Hegemoniestreben zu unterstützen. So geht der Irankrieg in die nächste, gefährlichere Phase 

Der Beitrag erschien am 20. Oktober 2026 auf Englisch bei kevorkalmassian.substack

Von Kevork Almassian

Kevork Almassian ist syrischer geopolitischer Analyst und Gründer von @SyrianaAnalysis

Benjamin Netanjahu hat sich kürzlich direkt an die amerikanische Bevölkerung gewandt. Seine Botschaft lautete im Wesentlichen: Ja, ihr zahlt mehr für Benzin. Ja, ihr tragt die wirtschaftlichen Lasten dieses Angriffskrieges gegen den Iran. Trotzdem müsst ihr das hinnehmen, denn die Alternative wäre noch schlimmer: Der Iran könnte in den Besitz einer Atomwaffe gelangen. Und sobald diese iranische „Bedrohung“ verschwunden ist, so verspricht Netanjahu den Amerikanern, werden die Preise irgendwann wieder sinken.

Netanjahus an die Amerikaner gerichtete Videobotschaft erinnerte mich sofort an die Corona-Zeit: zwei Wochen, um die Kurve abzuflachen. Jetzt sind es zwei Wochen, drei Wochen, vier Monate, vielleicht vier Jahre, vielleicht fünf Jahre, inshallah, irgendwann in der Zukunft, wenn der Regimewechsel in Iran endlich vollzogen ist und alles wieder zur Normalität zurückkehrt. Die Amerikaner sollten sich fragen: Warum sollte das in ihrem Interesse liegen? Warum sollten die Amerikaner in Florida, Kalifornien oder Chicago höhere Preise zahlen, ihre Soldaten in die Region schicken lassen und einen größeren Krieg riskieren, damit Israel sich als Hegemon im Nahen Osten etablieren und das Projekt Großisrael vorantreiben kann?

Diese Frage wird noch wichtiger, wenn wir Berichte berücksichtigen, wonach die Trump-Regierung den Einsatz der GBU-43/B, der „Mutter aller Bomben“, gegen den Iran erwägt. Sie ist die größte nichtnukleare Bombe im amerikanischen Arsenal. Allerdings ist diese Waffe darauf ausgelegt, über dem Boden zu detonieren und auf einer großen Fläche verheerende Zerstörungen anzurichten. Sie ist keine bunkerbrechende Waffe, nicht dafür entwickelt, tief unter Bergen verborgene Atomanlagen zu zerstören. 

Wenn das erklärte Ziel also darin besteht, die geheimen unterirdischen Atomanlagen des Iran zu zerstören, warum wird dann gerade über diese Bombe gesprochen? Meiner Ansicht nach könnte die Antwort sein, dass es um eine massive Eskalation geht. Die USA steigen die hinauf. Man geht nicht von einem M16-Gewehr unmittelbar zum Einsatz einer Kernwaffe über. Man steigt Stufe um Stufe auf und gewöhnt die Öffentlichkeit an immer neue Ausmaße der Gewalt, bevor man zur nächsten Stufe übergeht. 

Die Mutter aller Bomben ist die größte nichtnukleare Waffe im Arsenal. Ich weiß nicht, was Netanjahu gegen Donald Trump in der Hand hat, falls er überhaupt etwas gegen ihn in der Hand hat. Ich weiß nicht, ob Trump von Netanjahu überzeugt wurde, durch die Israel-Lobby politisch in die Enge getrieben wird oder ob Erpressung im Spiel ist. Aber ich kann die Richtung, in die sich die Dinge entwickeln, nicht ignorieren. 

Wenn Washington seine größte nichtnukleare Bombe einsetzt und der Iran sich trotzdem zu kapitulieren weigert, weiterhin an seinen regionalen Bündnissen festhält, Israels Hegemonialprojekt weiterhin herausfordert und sich den amerikanischen Forderungen nicht unterwirft, was ist dann die nächste Stufe? Die nächste entscheidende Eskalationsstufe ist die Diskussion über den Einsatz taktischer Atomwaffen. Und sollte der Iran einem nuklearen Angriff ausgesetzt werden, selbst einem sogenannten begrenzten taktischen Angriff, kann ich mir kaum vorstellen, dass Teheran weiterhin nukleare Zurückhaltung üben würde wie bisher. 

Eine existenzielle Bedrohung verändert das Kalkül grundlegend. Deshalb glaube ich nicht, dass der Irankrieg vorbei ist. Es könnte eine zweite Phase geben, eine dritte und vielleicht noch weitere, denn Israels Projekt reicht weit über einen einzelnen Bombenfeldzug hinaus. Israel strebt die vollständige Vorherrschaft in der Region an. Und der Iran ist der wichtigste Staat, der diesem Vorhaben im Wege steht. 

Netanjahu warnt offen, dass Israels Feinde noch härtere Schläge erleiden werden als bisher. Natürlich spielt dabei auch der Wahlkampf eine Rolle. Netanjahu will sich den israelischen Wählern als starker Mann präsentieren, der Israels strategische Stellung grundlegend verändert hat. Aber Wahlkampf und strategische Absichten schließen einander nicht aus. Wenn politische Führer wiederholt erklären, dass sie eine Eskalation beabsichtigen, und Militärplaner gleichzeitig über den Einsatz größerer Waffen diskutieren, wäre es töricht, das als bloße Rhetorik abzutun.

Es gibt einen weiteren Grund, weshalb Washington nicht einfach den Sieg erklären und sich zurückziehen kann: Der Iran hat gezeigt, dass er über erhebliche Fähigkeiten zum Gegenschlag verfügt. Reuters hat über Dutzende iranische und mit dem Iran verbündete Präzisionsangriffe auf Infrastruktureinrichtungen in der gesamten Golfregion berichtet, darunter amerikanische Militäranlagen und kritische Energieinfrastruktur. Entscheidend ist, dass der Iran nicht stärker sein muss als die USA. Er muss nur dafür sorgen, dass die Kosten einer amerikanischen Eskalation unerträglich werden. 

Die Straße von Hormus, Bab al-Mandab, die Energieinfrastruktur der Golfregion, amerikanische Militärstützpunkte und die regionalen Verbündeten des Iran werden alle Teil einer Gleichung. Auch der Jemen gehört dazu. Ansar Allah rückt im Raum Taiz vor. Sollte sich der Weg nach Aden öffnen, wären die strategischen Folgen für Saudi-Arabien enorm. Meiner Ansicht nach wäre es für Saudi-Arabien eine politische und militärische Demütigung, wenn Ansar Allah trotz der ausländischen Unterstützung für die saudischen Kriegsanstrengungen schließlich auch Aden einnehmen würde.

Damit komme ich zu John Mearsheimer, dessen Argumente zum Iran die Amerikaner ernst nehmen sollten. Er vertritt die Auffassung, dass die USA über keine militärische Option verfügen, mit der sie den Iran in die Knie zwingen könnten. Ein Flugzeugträger wird das nicht schaffen. Drei Flugzeugträger werden es auch nicht schaffen. Eine Bodeninvasion wäre absurd. Wirtschaftskrieg kann immenses Leid verursachen, aber Leid ist nicht dasselbe wie Kapitulation. Und es gibt keine Anzeichen dafür, dass der Iran kurz vor der Kapitulation steht. 

Mearsheimer warnt, dass der Iran, an den Rand des Abgrunds gedrängt, beschließen könnte, alle anderen mit in den Abgrund zu reißen. Washington hat keinen realistischen militärischen Weg, den Iran zur Kapitulation zu zwingen. Und trotzdem geht die Eskalation weiter. Netanjahu fordert die Amerikaner dazu auf, die Belastungen hinzunehmen. Trump erwägt den Einsatz größerer Waffen. 

Der Iran zeigt, dass er in der gesamten Golfregion zurückschlagen kann. Der Jemen erhöht den Druck von Süden. Und jede gescheiterte Eskalation erzeugt Druck, weiter zu eskalieren.