Peking ist für Teheran von entscheidender Bedeutung – gilt das Gleiche auch für China? Die wahrscheinlich beste Antwort gibt ein politisches Motto, das von Deng Xiaoping übernommen ist: „Verberge deine Stärke, warte deine Zeit ab!“

Der Beitrag erschien zuerst am 24. Februar 2026 auf Englisch bei United World uwidata.com

Von Orçun Göktürk

Orçun Göktürk ist Präsident des Zentrums für Chinesisch-Türkische Studien

Die Aggression der USA und Israels gegenüber dem Iran nimmt zu, und auf höchster Ebene werden militärische Optionen von Washington diskutiert. Da ist Chinas Haltung von großem Interesse. Pekings Reaktion auf frühere Angriffe der USA und Israels auf Teheran liefert schon einmal einen Hinweis. Wie die US-Angriffe auf Atomanlagen im Juni 2025 zeigten, bleibt Chinas Antwort weiterhin eher auf einer „diskursiven“ als auf einer militärischen Ebene.

Hat die chinesische Armee bereits Militäreinsätze durchgeführt? 

Berichte über gemeinsame Militärübungen des Iran, Russlands und Chinas, die seit Tagen in den internationalen Medien kursieren, lassen die Frage aufkommen, ob Peking als Militärblock hinter Teheran steht. Auffällig war jedoch, dass die iranische halbamtliche Nachrichtenagentur Tasnim zwar die Durchführung der Übung mit Russland verkündete, aber keinerlei Angaben zur Beteiligung der chinesischen Marine machte. Auch die Pressemitteilung der chinesischen Volksbefreiungsarmee enthielt keine Informationen zur Übung. Dies wirft die Frage auf: Hat China sich gegen eine Teilnahme entschieden?

Tatsächlich spiegelt diese Unsicherheit den tiefgreifenden Wandel in Chinas Außenpolitik nach 1978 und das chinesische außenpolitische Konzept des „strategischen Pragmatismus“ wider. Iran ist zwar zweifellos ein wichtiger Partner für China, doch diese Partnerschaft ist für Peking nicht existenziell. Betrachten wir die Gründe.

Asymmetrische Beziehung und „strategischer Pragmatismus“

Die Beziehung zwischen Peking und Teheran basiert auf einer deutlichen Asymmetrie. Während China für Iran angesichts der Sanktionen eine wichtige Stütze darstellt, ist Iran für China zugleich ein beherrschbares Risiko und ein Partner mittlerer Bedeutung.

Iran und China nahmen 1971 diplomatische Beziehungen auf. Während der Besuche von Präsident Xi Jinping in Saudi-Arabien, Ägypten und Iran, wurde diese Beziehung 2016 zu einer umfassenden strategischen Partnerschaft ausgebaut. Dieser Besuch, der während Xis erster Amtszeit und vor fast zehn Jahren stattfand, war sein letzter offizieller Besuch in Iran. Dieser Zeitraum steht im Gegensatz zu seinen zahlreichen Besuchen in anderen wichtigen Ländern und Staaten der Region im selben Zeitraum.

Der wichtigste Aspekt in Chinas Iran-Beziehung basiert auf Energiebedarf. Iranisches Öl ermöglicht China die Diversifizierung seiner Ressourcen. Andererseits führt die Spannung zwischen Washington und Iran im Hauptkonflikt dieses Jahrhunderts, dem US-chinesischen Wettstreit, zur Verlagerung der US-Ressourcen vom Pazifik nach Westasien. Das verlängert Chinas Vorbereitungszeit und verringert den Druck auf Peking. 

Iran fungiert allerdings als Chinas Tor nach Südwestasien. Ein möglicher Fall Teherans würde die Einkreisung Chinas vom östlichen Mittelmeer bis Hormus und von dort bis zum Südchinesischen Meer verstärken. Also ist die Angelegenheit für Peking ein Teufelskreis aus zwei gegensätzlichen, aber miteinander verbundenen Faktoren.

Wirtschaftliche und begrenzte militärische Unterstützung

Peking und Teheran vertieften ihre Wirtschaftsbeziehungen beim Besuch des chinesischen Außenministers Wang Yi in Teheran 2021. Obwohl das im selben Jahr unterzeichnete 25-jährige Kooperationsabkommen mit dem Versprechen von Investitionen in Höhe von 400 Milliarden US-Dollar als Versuch zur Stützung der iranischen Wirtschaft angesehen wurde, verliefen diese Investitionen nicht im erwarteten Tempo. Das hat die iranische Führung frustriert, insbesondere da die bilateralen Handelsbeziehungen zwischen China und Iran deutlich unausgewogen sind und einige zugesagte Investitionen nicht realisiert wurden, was jüngste Äußerungen von Pezeshkian bestätigen.

Ab 2025 exportierte der Iran zwar mehr als 80 % seines Öls nach China. Aber diese Menge macht nur 13,4 % der gesamten chinesischen Ölimporte aus. Darüber hinaus handelt es sich bei den chinesischen Unternehmen, die den Ölhandel von Teheran aus betreiben, um kleine Raffinerien, die auf Pekings Prioritätenliste einen niedrigen Rang einnehmen.

Genauer: Die Hauptabnehmer iranischen Öls in China sind unabhängige Kleinraffinerien, die mit sehr geringen Gewinnmargen arbeiten und auf vergünstigte Ölimporte aus sanktionierten Ländern wie Iran, Venezuela und Russland angewiesen sind, um zu überleben. Diese Kleinraffinerien konzentrieren sich hauptsächlich in der Provinz Shandong und werden von Peking im Allgemeinen nicht als nationale Priorität angesehen. Pekings Handelsvolumen mit Teheran ist seit 2020 sowohl bei Exporten als auch bei Importen rapide gesunken.

Im militärischen Bereich verfolgt Peking eine Strategie, die eher auf Dual-Use-Materialien und -Technologien beruht als auf direkter Unterstützung. Obwohl der Iran ein Mitglied der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO) und der BRICS ist, verfolgt Peking seine außenpolitische Strategie gegenüber allen Ländern gleich und bietet Iran keine besondere Sicherheitsgarantie. 

Andererseits spielt China eine Rolle bei der Bereitstellung kritischer Komponenten (einschließlich seltener Erden), die Teheran für Luftverteidigungssysteme, Anti-Schiffs-Raketen und insbesondere ballistische Raketenleitsystemen braucht. Obwohl Anstrengungen unternommen werden, die logistischen Verbindungen durch Projekte wie die Eisenbahnlinie Ghom-Yiwu zu stärken, zählt der Iran nicht zu den Ländern, die am meisten von Chinas Entwicklungsfinanzierung profitieren. Teheran liegt im Mittelfeld der Empfänger von Pekings Auslandskrediten.

Vermittlung und Pragmatismus

Der Versuch der USA, Peking zusammen mit Russland und Nordkorea in eine „Achse des Bösen“ einzuordnen, vereinfacht Chinas differenzierte Außenpolitik übermäßig. Anstatt einen direkten Konflikt zu suchen, verfolgt China weiterhin die Strategie, die Beziehungen zu beiden Seiten durch eine Vermittlerrolle aufrechtzuerhalten. 

Die Vermittlung bei der Normalisierung der Beziehungen zwischen Saudi-Arabien und dem Iran in Peking im Jahr 2023 oder die Gründung der Internationalen Organisation für Mediation in Hongkong können als Teil dieser Strategie gesehen werden. Für Peking ist Stabilität entscheidend. Dies liegt an der Tatsache, dass das Land mit der weltweit größten Produktion und dem größten Export sich und seine Verbündeten noch nicht für mächtig genug hält, um die Sicherheit der weltweiten Seewege zu garantieren. 

Chinas Interessen im Iran konzentrieren sich weiterhin darauf, die Stabilität aufrechtzuerhalten, den kontinuierlichen Zugang zu iranischen Ölexporten sicherzustellen und die Entstehung eines pro-amerikanischen Regimes in Teheran zu verhindern. Das wird es aber eher verbal als militärisch tun. Sollte Teheran fallen, könnte das zwar Nachbeben für China nach sich ziehen. Peking dürfte dennoch versuchen, seinen Einfluss auch auf eine Nachfolgeregierung zu wahren.

Chinas außenpolitische Grenzen

Natürlich trifft China strategische Entscheidungen in der Außenpolitik. Es bildet engere Bündnisse mit Russland gegen die Ukraine und mit dem Iran gegen Israel. Diese Bindungen haben aber Grenzen. 

China bemüht sich, diplomatische Beziehungen zu allen Parteien aufrechtzuerhalten. Es beteiligt sich nicht direkt an Konflikten und leistet keine militärische Unterstützung. Obwohl es seine Beziehung zu Moskau als „unerschütterlich“ bezeichnet, betont Peking, dass es sich nicht um ein „Bündnis“ handele und dass keine „Drittparteien ins Visier genommen“ gerieten.

Chinas Rolle wurde während des zwölftägigen Krieges zwischen Iran und Israel auf die Probe gestellt. Die Bitte des US-Außenministers Marco Rubio an China, den Iran an der Schließung der Straße von Hormus zu hindern, und Trumps Äußerungen, die Chinas fortgesetzte Ölkäufe aus dem Iran zu akzeptieren schienen, zeigen: Auch Washington erkennt diese Rolle an.

Dieser auf Stabilität ausgerichtete Ansatz ist also auch in Chinas bilateralen Beziehungen zu den USA deutlich erkennbar. Während der zahlreichen von Washington initiierten Handelskriege und Zollstreitigkeiten hat China stets seine Bereitschaft zur Rückkehr an den Verhandlungstisch und zur Kooperation erkennen lassen. Es ist unwahrscheinlich, dass China den Iran über das Eintreten für einen dauerhaften Waffenstillstand hinaus direkt unterstützen wird.

Was kann China tun? Es wird weiterhin Verurteilungen aussprechen, die UN-Charta hervorheben und zur Zurückhaltung aufrufen. Es wird jedoch nicht seine eigene wirtschaftliche und strategische Zukunft für den Iran aufs Spiel setzen. Dies ist die Fortsetzung der von Deng Xiaoping geerbten Politik „Verberge deine Stärke, warte deine Zeit ab“ (韬光养晦).

Titelbild: Foto: Khamenei.ir, CC BY 4.0, https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/