Die USA befinden sich in ähnlicher Lage wie das britische Imperium zur Zeit des Amerikanischen Unabhängigkeitskriegs. Sie empfinden eine Lastenteilung als gerecht, die von den Vasallen als ungerecht empfunden wird. Sie unterhalten ein Weltreich, das ein Projekt zu einem Weltreich geblieben ist. Die Verbündeten erkennen, dass das Bündnis nicht zu ihrem Schutz da ist, sondern zur Machtausweitung der USA und Iraels. Die nächste große Lektion der Geschichte könnte folgen – und Amerika diesmal nicht auf der richtigen Seite stehen
Der Beitrag ist Teil einer Reihe von Responsible Statecraft (RS), die sich mit dem 250. Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeit und deren Bedeutung für die moderne US-Außenpolitik, Krieg und Frieden befasst. Er erschien auf Englisch am 1. Juli 2026 auf responsiblestatecraft.org
Von David C. Hendrickson
David C. Hendrickson ist emeritierter Professor für Politikwissenschaft am Colorado College. Sein jüngstes Buch ist The Great League of Peace and Power: 250 Years of American Foreign Policy (2026)
Im Vorfeld des 250. Jahrestages von Amerikas Unabhängigkeit haben wir einige aufregende Spektakel erlebt, aber kaum historische Reflexion. Soweit sich Diskussionen mit unserer Geschichte befassten, lag der Schwerpunkt auf amerikanischen Staatsmännern und Kriegern jener Zeit. Doch ein Blick aus einer anderen Perspektive verspricht mehr Erkenntnisgewinn: jener der britischen Führer zur Zeit der Amerikanischen Revolution. Sie mussten – wie wir heute – ein Weltreich verwalten, nicht eine Republik erschaffen.
Bis 1763 hatte Großbritannien eine Stellung erreicht, die vielfach mit der Roms zu dessen Blütezeit verglichen worden ist. Es hatte den großen Machtkampf mit Frankreich um die Kontrolle über das nordamerikanische Hinterland gewonnen und im Frieden von Paris (1763) Kanada und einen gesicherten Anspruch auf den Mississippi gewonnen. Doch es war nicht alles zum Besten bestellt. Als Sieger empfand Großbritannien lebhaft, dass seine nordamerikanischen Kolonien zu seinem Vorteil arbeiten müssten. Man ärgerte sich, einen so großen Teil der Kosten tragen zu müssen.
Die Briten waren der Ansicht, die amerikanischen Siedler stünden bei ihnen tief in der Schuld für die Siege, die das Mutterland errungen hatte. Sie sahen sich mit einem massiven Problem hinsichtlich der Lastenverteilung zwischen den 13 britischen Kolonien auf dem Festland konfrontiert. Die Reformen des Handels- und Steuersystems, von den britischen Kabinetten zwischen 1763 und 1765 auf den Weg gebracht, sollten dieses Ungleichgewicht korrigieren. Die Folge war allerdings, dass die Stimmung unter den amerikanischen Siedlern aufgeheizt wurde und Vergeltungsmaßnahmen angestoßen wurden, die ein Jahrzehnt später zum Krieg führen sollten.
Bei ihren Reformen dachten die britischen Minister unter der Führung von George Grenville „kontinental“. Sie hofften auf eine vernünftige Anpassung, die zur wechselseitigen Zusammenarbeit zwischen dem Mutterland und den Kolonien führen würde. Grenville unterschätzte jedoch die Stimmung der Siedler.
Die Siedler waren über die neuen Zumutungen entsetzt. Sie meinten unter drückenden, von London auferlegten Beschränkungen zu leiden. Bildeten nicht sie, die Siedler, die Grundlage für den britischen Reichtum und die britische Macht? Gebührte nicht ihnen Dank? Auf dem Stamp Act Congress erkannten sie 1765 zwar die Treuepflicht gegenüber dem König und eine „gebührende Unterordnung“ unter das britische Parlament an, sie wehrten sich aber energisch gegen die Art, mit der die britische Regierung ihre Autorität ausübte.
Je mehr sie im Zuge der sich verschärfenden Auseinandersetzung darüber nachdachten, desto mehr erschien es, als wären ihre gesetzgebenden Versammlungen dem britischen Parlament an Autorität von Anfang an ebenbürtig gewesen. Diese widersprüchlichen Sichtweisen und Einschätzungen machten einen Konflikt zwischen den beiden Seiten unvermeidlich, auch wenn die britische Regierung und Nation zunächst gar nicht erkannten, dass es überhaupt „zwei Seiten“ gab. Sie hielten die 13 Kolonien für unfähig zu konzertiertem Handeln und betrachteten deren Denkweise als unheilbar provinziell.
Nach der Provokation durch die Boston Tea Party Ende 1773 verabschiedeten die Briten die Coercive Acts, um die Kolonie Massachusetts Bay zur Räson zu bringen und von ihren Schwesterkolonien zu isolieren. Mit ihrer Erwartung einer Uneinigkeit unter den Kolonien lagen sie jedoch falsch. „Teile und herrsche“ lautete das britische Motto, „Vereinigt euch oder sterbt“ das amerikanische. Der Krieg erwies sich als weitaus kostspieliger und langwieriger, als beide Seiten zu Beginn gedacht hatten. Doch die amerikanischen Siedler erzielten – dank französischer Unterstützung – eine Einheit, die ausreichte, um den britischen Souveränitätsanspruch über sie zurückzuweisen.
Kein Vergleich ist exakt, doch die globale Position der USA zu Beginn des 21. Jahrhunderts ähnelt in wesentlichen Punkten jener Großbritanniens nach dem Sieg über die Franzosen im Jahr 1763. Beide hatten durch den Sieg über verhasste Feinde an Legitimität gewonnen (die USA über die Sowjetunion). Beide hatten nach weltumspannender Vormachtstellung gestrebt. Und beide hatten ein massives Problem bei der Lastenteilung mit abhängigen Verbündeten.
Adam Smith war besonders besorgt über dieses enorme Ungleichgewicht bei der Lastenteilung zwischen Beschützer und Beschütztem. Er behandelt das Problem auf den letzten Seiten seines 1776 veröffentlichten Werkes über den Wohlstand der Nationen. Smith sagt, Großbritanniens Herrscher hätten „dem Volk vorgegaukelt, es besitze ein großes Weltreich auf der Westseite des Atlantik“. Aber dieses Reich, so Smith, habe nur in ihrer Vorstellung existiert: „Es war bislang kein Weltreich, sondern das Projekt eines Weltreichs, keine Goldmine, sondern das Projekt einer Goldmine, ein Projekt, das enorme Kosten verursacht hat, weiterhin verursacht und, sollte es wie bisher fortgeführt werden, wohl auch künftig verursachen wird, ohne irgendeinen Gewinn zu versprechen.“
Smith teilte die Sichtweise des Mutterlandes, wonach die Briten ihren Reichtum und ihre Macht zugunsten der Kolonisten eingesetzt hätten – das Gegenteil also von der Auffassung der Kolonisten. Er schlug vor, diese Situation – hohe Kosten bei geringem Nutzen – durch eine Vertretung der Kolonisten im britischen Parlament zu lösen. Sollte diese Lösung, die, wie Smith einräumte, auf beiden Seiten kaum Anklang fand, nicht realisierbar sein, müsste Großbritannien das Weltreich aufgeben und sich an „die tatsächliche Mittelmäßigkeit seiner Verhältnisse“ anpassen.
250 Jahre später ist das amerikanische Weltreich in eine Zwangslage geraten, die jener ähnelt, mit der sich Großbritannien 1776 konfrontiert sah. Beide Weltreiche, könnte man meinen, waren weniger eine Goldmine als vielmehr das Projekt einer Goldmine, weniger ein Weltreich als das Projekt eines Weltreichs. Beide haben zweifellos enorme Kosten verursacht. Beide mussten sich an die tatsächliche Mittelmäßigkeit ihrer Verhältnisse anpassen.
In beiden Fällen verdrängten Diktate der Macht die Ansprüche des Rechts. In einem Brief an George Washington schrieb der Staatsmann Richard Henry Lee 1777 aus Virginia, seine britischen Gegner „scherten sich wenig um Redlichkeit oder irgendwelche Verpflichtungen der Gerechtigkeit und Menschlichkeit“, während es für den „amerikanischen Charakter“ darauf ankomme, „seine Glaubwürdigkeit unversehrt zu bewahren“. Für Lee bewies dieser Gegensatz „den Nachteil, den wir bei der Kriegsführung gegen ein altes, korruptes und mächtiges Volk haben. Denn dieses Volk verfügt über so viel Ansehen und Einfluss in der Welt, dass es wagen kann, was den Ruf junger, aufstrebender Gemeinschaften wie der unseren völlig ruinieren würde.“ Das kommt einem unheimlich bekannt vor.
Amerikas Gründerväter stimmten das Lied des Antiimperialismus an, das bis heute nachhallt. So spricht etwa Robert Morris, Finanzier des Unabhängigkeitskrieges, von Großbritanniens Bestrebungen zu „einem universalen Reich, die durch Amerikas Tugend und Standhaftigkeit erstmals aufgehalten wurden und deren Vereitelung das Ziel des gegenwärtigen Krieges ist“. 250 Jahre Geschichte haben zu einem großen Gestaltwandel geführt. Wir begannen als konstitutionelle Bundesrepublik und endeten als Weltreich. Wir wurden zu genau jenem Gebilde, gegen das unsere Vorfahren einst rebelliert hatten.
Die Parallele zwischen diesen beiden imperialen Konstellationen – 1776 und 2026 – ist natürlich nicht exakt. Es gab entscheidende Unterschiede in der Wahrnehmung der eigenen Lage durch die von den imperialen Zentren abhängigen Provinzen. Eine Ironie des überwältigenden Sieges Großbritanniens im Jahr 1763 war, dass den amerikanischen Siedlern keine Sicherheitsbedrohung durch Frankreich mehr drohte. Dies machte den Weg in die Unabhängigkeit weitaus weniger gefahrvoll, als er es sonst gewesen wäre.
Die von Amerika abhängigen Staaten in Europa, Westasien und Ostasien hingegen sehen sich realen Sicherheitsbedrohungen durch Russland, den Iran und China gegenüber. Diese Einschätzung hat sie bislang an die Vereinigten Staaten gebunden. Doch bei all unseren wichtigen Partnern findet derzeit offensichtlich ein schmerzhafter Prozess der Neuorientierung statt. Die Annahme, dass Amerika tatsächlich Schutz gewährt, hat durch den Iran-Konflikt sowie durch Trumps allgemein räuberisches Verhalten gegenüber abhängigen Staaten schweren Schaden genommen.
Wie James Wilson 1774 in einem Pamphlet darlegt, beruhte der dem König geschuldete Gehorsam auf dessen Schutzfunktion. Ohne diesen Schutz gab es keine Grundlage für Treue oder Gehorsam der Untertanen. Amerikas Verbündete glaubten, einem Friedensbündnis beigetreten zu sein. Zu ihrer Überraschung mussten sie feststellen, dass daraus ein Instrument zur Machtausweitung der USA und Israels geworden war. Was nun folgt, könnte die nächste große Lektion der Geschichte sein – wenngleich Amerika diesmal womöglich nicht auf der „richtigen“ Seite stehen wird.
Titelbild: John Trumbull: The Battle of Bunker's Hill, June 17, 1775 (1786). Yale University Art Gallery, Trumbull Collection. Public Domain, via Wikimedia Commons.